Drei Götter auf Polstern, fünfzehn Tage Spiele und ein Monat mit falschem Namen
Das Wichtigste in Kürze
Der römische September trägt bis heute einen Namen, der nicht mehr stimmt: mensis September, der siebte Monat, obwohl er längst der neunte ist. Anders als Iulius und Augustus behielt er ihn, denn jede Umbenennung durch einen Kaiser wurde nach dessen Tod wieder getilgt. Der Monat gehört ohnehin keinem Menschen, sondern Iuppiter: Etwa die Hälfte des September füllen die Ludi Romani, die ältesten römischen Spiele der Stadt, mit Theater, Festzügen und Wagenrennen im Circus Maximus. Ihr Höhepunkt fällt auf den 13. September, den Weihetag des kapitolinischen Tempels, wenn Rom beim Epulum Iovis seine Götter zu Tisch bittet: Die Standbilder von Iuppiter, Iuno Regina und Minerva liegen auf Polstern an der Tafel, und weil Statuen nicht essen können, essen Priester an ihrer Stelle. Am selben Tag schlägt der höchste Beamte einen Nagel in Minervas Tempelwand, um das vergangene Jahr festzuhalten.
Inhaltsverzeichnis
- Ein Monat, der niemandem gehört
- 1. September: Die Göttin, die man dem Feind abwarb
- Die Feste des September im Überblick
- 2. September: Der Feiertag, den ein Kaiser aus Familiensinn abschaffte
- 5. September: Ein Kriegsgefangener bringt Rom das Theater
- 11. September: Eine Schlange für Rom, ein Brief für den Norden
- 13. September: Rom bittet drei Götter zu Tisch
- Der Nagel: Wie Rom seine Jahre zählte
- 14. September: Weihrauch, Pferdemist und die Anatomie des Lampenfiebers
- 15. bis 19. September: Sieben Runden, und nicht alle kommen zurück
- 18. und 19. September: Kaisertreue im Donaunebel
- 20. bis 23. September: Wenn der Weihrauch verfliegt und das Geld klimpert
- 23. September: Schattenkabinett auf dem Marsfeld
- 26. September: Göttliche Genetik, in Marmor gemeißelt
- Dreimal umbenannt, dreimal gelöscht
- Der September in zwei Schichten
- Der Monat, der niemandem gehörte
- Was vom römischen September blieb
- Häufige Fragen zum römischen September
- Quellen und weiterführende Literatur
Ein Monat, der niemandem gehört
Der September hat ein Problem mit seinem Namen. Er heißt mensis September, der Siebte. Das stimmte einmal, als das römische Jahr im März begann und man die hinteren Monate schlicht durchzählte. Dann rutschte der Jahresanfang auf den Januar, und aus dem Siebten wurde der Neunte. Der Name blieb trotzdem.
Er ist damit nicht allein. Auch October, November und December schleppen ihre falschen Zahlen bis heute mit sich herum, vier Monate, die zwei Positionen danebenliegen und sich nie dauerhaft korrigieren ließen. Beim September wäre die Gelegenheit da gewesen.
Denn kurz zuvor hatte Rom vorgemacht, wie es geht. Aus dem Quintilis, dem Fünften, war der Iulius geworden, nach Caesar. Aus dem Sextilis, dem Sechsten, der Augustus. Zwei Zahlennamen, zwei Kaiser, zwei Monate gelöst. Der September stand als Nächster in der Reihe, und mehrere Männer haben nach ihm gegriffen. Tiberius lehnte dankend ab. Caligula benannte ihn nach seinem Vater Germanicus. Domitian tat dasselbe noch einmal, diesmal nach seinem eigenen Siegerbeinamen. Commodus ging aufs Ganze und benannte gleich alle zwölf Monate nach seinen Titeln um. Jeder dieser Namen verschwand wieder, sobald der Mann tot war, der ihn durchgesetzt hatte. Übrig blieb die alte Zahl, die nicht mehr passt. Heute heißt der Monat noch immer September!
Wem der Monat wirklich gehört

Womöglich lag das daran, dass er längst vergeben war. Rom im September. Auf dem Forum stehen Gerüste, weil in wenigen Tagen gespielt wird. Aus den Werkstätten kommen Masken und bemalte Kulissen. Im Circus Maximus harken Sklaven die Bahn, prüfen die Wendemarken, streuen Sand. In den Ställen stehen Pferde, die seit Wochen auf diese Tage trainiert wurden.
Rund die Hälfte des Monats füllen die Ludi Romani, die römischen Spiele, die ältesten der Stadt. Vom 5. bis zum 19. September: erst Theater, dann ein Festzug vom Kapitol hinunter zum Circus, dann Wagenrennen, dazwischen eine Parade, bei der die Ritter ihre Pferde vorführen. Fünfzehn Tage, in denen die Stadt wenig anderes im Kopf hat. Diese Spiele gehören Iuppiter.
Und mittendrin, an den Iden des 13. September, liegt der Tag, um den alles kreist. Es ist der Weihetag des kapitolinischen Tempels, und an diesem Tag deckt Rom seinen Göttern den Tisch. Wörtlich. Mit Polstern, mit Speisen und mit geladenen Gästen, die aus Ton und Metall bestehen. Am selben Tag betritt ein Beamter denselben Tempel mit einem Hammer in der Hand.
Beides sehen wir uns hier genauer an.
Der Gegensatz zum Vormonat
Wer die Serie mitliest, merkt hier einen Wechsel. Der August war der Monat des Verschließens. Rom sperrte sein Korn in die Speicher, opferte seinem Vorratsgott an einem Altar unter der Erde und verehrte die Göttin der Fülle in einem Raum, den fast niemand betreten durfte. Alles zielte darauf, das Eingebrachte zu sichern.
Der September macht auf. Die Tore des Circus stehen offen, die Bühnen sind aufgebaut, die Tempeltüren geöffnet, die Tafel gedeckt. Nach Wochen der Anspannung zeigt die Stadt, was sie hat, und teilt es. Mit den Zuschauern, mit den Rittern, mit den Göttern. Ein Monat wie ein tief ausgeatmeter Seufzer. Und darüber ein Name, der falsch ist und den man trotzdem nicht loswurde.
Warum Rom seinen Göttern die Tafel deckte, was der Nagel in der Tempelwand festhalten sollte, warum ausgerechnet Minerva ihn bekam und warum drei Kaiser ihm einen neuen Namen gaben, der jedes Mal wieder verschwand. Das erzählt dieser Beitrag.
1. September: Die Göttin, die man dem Feind abwarb

Im Jahr 396 v. Chr. steht Rom vor den Mauern von Veii, und der Krieg dauert schon zu lange. Zehn Jahre soll die Belagerung gedauert haben, sagt die Überlieferung, und die Zahl ist verdächtig rund, weil sie an Troja erinnert. Sicher ist: Veii war reich, etruskisch, nur wenige Meilen entfernt und Roms gefährlichster Nachbar. Und die Stadt hatte eine Schutzgöttin, Iuno Regina, die Königin. Was der Feldherr Marcus Furius Camillus dann tut, gehört zu den eigentümlichsten Handlungen der römischen Religion. Er wirbt die Göttin ab.
Was eine evocatio war
Der Ritus heißt evocatio, das Herausrufen. Ein römischer Feldherr wendet sich vor der Eroberung an die Schutzgottheit der feindlichen Stadt und macht ihr ein Angebot: Verlasse diesen Ort, komm nach Rom, dort erwartet Dich ein Tempel und ein Kult, der größer ist als der bisherige. Livius überliefert die Szene mit dem Detail, das sie unvergesslich macht. Nach der Einnahme der Stadt sollen junge Männer das Standbild der Iuno abholen. Einer von ihnen fragt die Göttin im Scherz oder aus Ehrfurcht, ob sie mit nach Rom kommen wolle.
"Willst Du nach Rom gehen, Iuno? Und das Standbild nickte."
Livius selbst berichtet das mit hörbarer Zurückhaltung, andere Fassungen lassen die Göttin sogar sprechen. Was auch immer damals geschah, das Ergebnis steht fest: Iuno Regina zog nach Rom um, auf den Aventin, und bekam dort ihren Tempel. Sein Weihetag ist der 1. September. Der Gedanke dahinter ist kühl kalkuliert. Wer eine Stadt erobert, nimmt ihr nicht nur Mauern und Vorräte, sondern auch den Schutz. Und Rom nimmt diesen Schutz nicht weg, es stellt ihn bei sich auf. Die Göttin wechselt die Seite, mit vollem Einverständnis, jedenfalls in der römischen Erzählung.
Der zweite Tempel des Tages
Am selben 1. September wird auf dem Aventin noch ein zweiter Weihetag begangen, der des Iuppiter Liber. Der Beiname Liber bedeutet der Freie oder der Befreiende, und über diesen Kult wissen wir wenig. Manche verbinden ihn mit dem altitalischen Gott Liber, der für Wein und Fruchtbarkeit zuständig war, andere sehen darin einen eigenständigen Aspekt Iuppiters. Sicher ist nur der Tempel und sein Tag.
Der Aventin ist dabei kein Zufall. Wir sind ihm im August schon begegnet, als der Hügel am 13. August der Diana und den Sklaven gehörte. Er lag außerhalb des alten Stadtbezirks, dort standen die Heiligtümer der Plebs und, wie sich nun zeigt, auch die einer zugewanderten Göttin. Der Aventin war anscheinend Roms Hügel für alles, was von außen kam.
Was der Monat damit beginnt
Es ist ein passender Auftakt. Der September wird ein Monat der Öffnung, der Spiele, der geladenen Gäste. Und er beginnt mit einer Göttin, die man einlud, aus der Stadt eines Feindes, mit dem Versprechen auf einen besseren Platz. Vier Tage später beginnen die Spiele.
Die Feste des September im Überblick
Der September ist der Monat der Spiele. Ein einziges Fest, die Ludi Romani, füllt fast seine Hälfte, und um es herum gruppieren sich Weihetage, Gedenkfeiern und Märkte. Diese Übersicht zeigt den Monat auf einen Blick, bevor wir ihn der Reihe nach durchgehen. Die letzte Spalte sagt offen, wie sicher jeder Tag überliefert ist.
| Datum | Fest oder Anlass | Ort | Worum es ging | Sicherheit |
|---|---|---|---|---|
| 1. September | Iuno Regina und Iuppiter Liber | Aventin | Weihetage zweier Tempel. Iuno Regina kam durch die evocatio aus dem eroberten Veii nach Rom | Sicher belegt, Nick-Legende bei Livius als Wunder erzählt |
| 2. September | Gedenktag für Actium | reichsweit | Von Augustus eingerichteter Feiertag zum Seesieg über Marcus Antonius 31 v. Chr. Caligula schaffte ihn ab | Kalendernotizen |
| 5. September | Iuppiter Stator, Beginn der Ludi Romani | Fuß des Palatins | Weihetag des Tempels dessen, der die Flucht zum Stehen bringt. Zugleich Auftakt der Spiele | Sicher belegt |
| 5. bis 19. September | Ludi Romani | Circus Maximus und Theater | Roms älteste Spiele. Theater, Festzug, Wagenrennen, Tierhetzen | Sicher belegt, Gründungsdatum umstritten |
| 11. September | Weihetag des Asklepios-Tempels | Tiberinsel | Tempel des Heilgotts, den Rom nach der Seuche von 293 v. Chr. aus Epidauros holte. Die ursprüngliche Weihung fällt auf den 1. Januar, der Septembertermin steht im späten Kalender des Filocalus | Datum umstritten, Kalender von Filocalus |
| 13. September | Epulum Iovis und clavus annalis | Kapitol | Göttermahl für die kapitolinische Trias, dazu das Einschlagen des Jahresnagels | Sicher belegt |
| 13. September | Weihetag des Iuppiter-Tempels | Kapitol | Dies natalis des Haupttempels, geweiht 509 v. Chr., im Gründungsjahr der Republik | Sicher belegt |
| 14. September | Equorum probatio | Forum Romanum | Musterung der Pferde des Ritterstandes vor Beginn der Wagenrennen | Epigraphisch belegt |
| 15. bis 19. September | Wagenrennen | Circus Maximus | Der zweite Teil der Spiele, eingeleitet durch die pompa circensis vom Kapitol | Sicher belegt |
| 18. September | Geburtstag Trajans | reichsweit | Gefeiert in Militärlagern und Provinzen, zugleich Herrschaftsantritt Nervas | Feriale Duranum |
| 20. bis 23. September | Mercatus | Stadtgebiet | Viertägige Märkte im Anschluss an die Spiele | Cicero |
| 23. September | Geburtstag des Divus Augustus | reichsweit | Hoher Feiertag der Kaiserzeit, mit Opfern, Speisungen und Spielen | Fasti Praenestini, Ara Narbonensis |
| 26. September | Venus Genetrix | Caesarforum | Weihetag des Tempels, den Caesar 46 v. Chr. seiner Ahnherrin stiftete | Kalendernotizen |
2. September: Der Feiertag, den ein Kaiser aus Familiensinn abschaffte

Am 2. September 31 v. Chr. liegen vor der Küste von Actium mehrere hundert Schiffe, und am Abend ist entschieden, wem Rom gehört. Octavian gegen Marcus Antonius. Am Ende brennt ein Teil der Flotte, Antonius und Kleopatra fliehen nach Ägypten, und ein knappes Jahr später sind beide tot. Was folgt, kennen wir aus dem August: der Einzug in Alexandria am 1. August, das Ende des Bürgerkriegs, die Begründung, mit der man später einen ganzen Monat nach dem Sieger benannte. Der 2. September wird zum Feiertag. Reichsweit, jedes Jahr, mit Opfern und Spielen.
Aber nicht mit Caligula...
Rund siebzig Jahre später steht ein junger Kaiser vor diesem Datum im Kalender und lässt es streichen. Der Grund ist so nachvollziehbar, dass er fast rührend wirkt. Caligula stammte mütterlicherseits von Marcus Antonius ab. Der Mann, dessen Niederlage Rom jedes Jahr feierte, war sein Urgroßvater. Man muss sich das einen Moment vor Augen führen. Ein Herrscher sitzt bei den Feierlichkeiten, ringsum wird der Sieg besungen, Reden werden gehalten, und in jedem dieser Sätze steckt die Demütigung eines Mannes, dessen Blut er in sich trägt. Jedes Jahr aufs Neue. Caligula strich den Tag.
"An diesem Tag habe der eine seiner Urgroßväter gesiegt und der andere verloren. Ihn zu feiern sei ebenso unpassend wie ihn zu betrauern."
So gibt Sueton die Begründung wieder. Denn über Augustus war Caligula ebenfalls verwandt, als Urenkel. Ein Kaiser, gefangen in seinem eigenen Stammbaum.
Warum das mehr ist als eine Anekdote
Der Vorgang zeigt etwas über den römischen Kalender, das leicht übersehen wird. Feiertage waren keine feste Größe. Sie kamen und gingen mit den Herrschern, die sie brauchten oder loswerden wollten. Augustus setzte Actium ein, weil der Tag seine Herrschaft begründete. Caligula strich ihn, weil er ihn persönlich verletzte. Ein Kalender ist in Rom nie nur eine Zeittafel gewesen. Er war ein politisches Dokument, ständig in Bearbeitung. Das erklärt auch, warum die Monatsnamen so umkämpft waren. Wer eintragen und streichen kann, bestimmt, woran eine Gesellschaft sich Jahr für Jahr erinnert.
Drei Tage später
Am 5. September beginnen die Spiele, und die Stadt hat andere Sorgen. Ob der Actium-Tag begangen wurde oder nicht, merkten die meisten Römer vermutlich kaum. Die Bühnen standen bereits, das Programm lief an, und was in den Fasti stand, interessierte draußen auf der Straße weniger als die Frage, wer in diesem Jahr im Circus fahren würde.
5. September: Ein Kriegsgefangener bringt Rom das Theater

Auf dem Platz steht ein Gerüst aus Holz, das gestern noch nicht da war. Bretter über Böcken, dahinter ein Vorhang aus grober Wolle, davor ansteigende Sitzreihen, ebenfalls Holz, ebenfalls für diese Tage gezimmert und danach wieder abgebaut. Rom hat noch kein steinernes Theater. Rom hat eine Baustelle, die für ein paar Tage Bühne wird. Die Leute kommen früh. Sie bringen Kissen mit, weil die Bretter hart sind, und Essen, weil es dauert. Es ist der 5. September, und die Ludi Romani haben begonnen.
Was zuerst kommt, ist nicht das Rennen
Wer an römische Spiele denkt, sieht Wagen und Staub. Die kommen später. Neun Tage später, um genau zu sein. Zuerst wird gespielt: ludi scaenici, szenische Spiele, Theater. Erst wenn die letzte Aufführung vorbei ist, betritt ein Wagen den Circus Maximus. Neun Tage Bühne, bevor ein einziges Pferd läuft. Auf dem Gerüst steht jetzt ein Mann mit einer Maske vor dem Gesicht. Er spricht Latein, und was er sagt, hat sich ein Grieche ausgedacht.
Der Mann, der als Beute kam
Sein Name ist Livius Andronicus, und er ist nicht freiwillig hier. Er stammt aus Tarent, tief im griechischen Süden Italiens. Rom nahm die Stadt, und Andronicus kam als Kriegsgefangener nach Norden. Er wurde Sklave in einem vornehmen Haus, unterrichtete dort die Kinder und wurde freigelassen. Seinen Namen trägt er nach dem Mann, dem er gehört hatte.
Im Jahr 240 v. Chr. steht er bei den Ludi Romani auf so einem Holzgerüst und führt ein Stück auf, das er aus dem Griechischen ins Lateinische gebracht hat. Livius berichtet davon, und es ist der Moment, in dem Rom sein Theater bekommt. Kaum zu glauben: Eine Stadt erobert den Süden, verschleppt Menschen, und einer von ihnen schenkt der Siegerkultur eine Kunstform, die sie nicht besaß. Andronicus übersetzte danach auch die Odyssee ins Lateinische. Generationen römischer Schulkinder lernten daraus lesen. Der Kriegsgefangene wurde zum Schulbuchschreiber, in Rom war alles möglich!
Was auf der Bühne passierte
Die Zuschauer auf den Brettern sehen etwas Ungewohntes. Die Stücke spielen in Athen oder Theben, die Figuren tragen griechische Namen, griechische Kleider, griechische Sorgen. Ein römisches Publikum sitzt da und schaut in eine fremde Welt, die in seiner eigenen Sprache spricht. Es funktioniert. Später schreiben Plautus und Terenz für diese Bühnen, und ihre Komödien sind bis heute bekannt. Von Andronicus selbst ist fast nichts geblieben. Ein paar Verse, ein paar Titel, ein Name in einer Notiz bei Livius. Der Mann, der Rom das Drama brachte, hinterließ weniger Text als die meisten seiner Nachfolger.
Das flüssige Gold und die Kunst des Stehenbleibens
Es gärt im September im Umland Roms. Wer an diesem Morgen des 5. September, den Nonen, durch die Gassen nahe dem Fuß des Palatins streift, dem schlägt kein feiner Tempelweihrauch entgegen. Es riecht klebrig-süß nach frisch gepresstem Traubensaft, nach feuchter Hefe und dem nassen Holz schwerer Eichenfässer.
Draußen im Umland der Stadt hat die Weinlese begonnen, die vindemia. Sklaven und freie Pächter stehen mit hochgekrempelten Tuniken in gewaltigen Holzbütten und zerstampfen im Gleichtakt die reifen Trauben. Es ist der Tag der Mammes vindemia, des ländlichen Erntefestes für Liber, den die Römer mit Dionysos gleichsetzten. Der Eintrag stammt aus einem parapegma, einem bäuerlichen Sternkalender, wie ihn der Agrarschriftsteller Columella zusammenstellte. Was auf dem Land gestampft wird, wurde übrigens im Vormonat freigegeben. Am 19. August schnitt der Flamen Dialis bei den Vinalia Rustica die erste Traube und eröffnete damit offiziell die Lese.
Der Tempel am selben Tag
Nebenbei fällt auf diesen 5. September noch ein Weihetag, der des Iuppiter Stator. Das ist der Gott, der die Flucht zum Stehen bringt, und seine Geschichte haben wir im Juni erzählt: Romulus, der mitten unter fliehenden Männern ein Gelübde spricht, und Cicero, der Jahrhunderte später ausgerechnet in diesem Tempel Catilina stellt. Wer sie nachlesen möchte, findet sie dort. An diesem Tag im September steht er im Schatten der Bühnen.
Neun Tage bis zu den Iden
Der Vorhang fällt, die Leute klettern von den Brettern, morgen wird weitergespielt. Neun Tage lang läuft das so. Und während in der Stadt Masken getragen und Verse gesprochen werden, bereitet man oben auf dem Kapitol etwas anderes vor. Am 13. September werden dort drei Gäste erwartet.
11. September: Eine Schlange für Rom, ein Brief für den Norden

Auf dem Wasser liegt ein Schiff, und an Bord ist eine Schlange. Kein Ballast, keine Ware, keine Gesandtschaft mit Geschenken. Eine Schlange. Die zehn Männer, die das Schiff nach Rom bringen, wissen genau, wen sie da transportieren, und keiner von ihnen kommt ihr zu nahe. Sie haben einen Gott abgeholt.
Warum überhaupt jemand losfuhr
Ein paar Jahre zuvor stirbt Rom, langsam und ohne dass jemand versteht, warum. Eine Seuche zieht durch die Gassen, durch die Mietshäuser, über die Märkte, und sie hört nicht auf. Man opfert. Man betet. Es sterben weiter Menschen. Also greift der Senat zum letzten Mittel und lässt die Sibyllinischen Bücher öffnen, jene Orakelsammlung, die nur in äußerster Not befragt wurde, unter Verschluss, von einem eigenen Priesterkollegium. Was dort steht, wird nicht diskutiert. Es wird gemacht.
Der Spruch sagt: Holt Asklepios aus Epidauros.
Ein Gott packt seine Sachen
Epidauros war damals das, was heute eine berühmte Spezialklinik wäre. Kranke reisten von überall her, schliefen im Heiligtum und warteten auf einen Traum, in dem der Gott ihnen sagte, was zu tun sei. Und dorthin kommen nun zehn Römer und fragen, ob sie den Hausherrn mitnehmen dürfen. Ovid erzählt, was dann geschah, und er erzählt es mit Genuss. In der Nacht sei der Gott erschienen, als riesige Schlange, und habe zugesagt. Am Morgen kroch sie aus dem Heiligtum, durch die Straßen der Stadt, hinunter zum Hafen und an Bord des römischen Schiffs. Die Menschen von Epidauros standen daneben und sahen zu, wie ihr Heilgott auswanderte.
Die Schlange sucht sich ihren Platz selbst
Das Schiff läuft den Tiber hinauf, Rom kommt in Sicht, und jetzt kommt der Moment, auf den alles hinausläuft. Die Schlange geht von Bord. Nicht am Kai. Nicht dort, wo man ihr etwas hergerichtet hätte. Sie gleitet über die Reling ins Wasser, schwimmt zu der Insel, die mitten im Fluss liegt und zu keinem der beiden Ufer gehört, kriecht an Land, ringelt sich zusammen und bleibt. Rom versteht.
Auf der Tiberinsel entsteht der Tempel. Die ursprüngliche Weihung fällt nach den Quellen auf den 1. Januar; der 11. September steht erst im späten Kalender des Filocalus und könnte an eine Erneuerung erinnern. Die Insel wird zum Ort der Kranken, für Jahrhunderte. Irgendwann bringen Leute ihre kranken Sklaven dorthin und lassen sie liegen, bis Kaiser Claudius das unterbindet: Wer einen Menschen dort aussetzt, verliert jeden Anspruch auf ihn. Der Mann ist frei. Auf dieser Insel steht bis heute ein Krankenhaus.
Rom holt sich seine Götter
Zehn Tage zuvor lief etwas erstaunlich Ähnliches. Am 1. September haben wir Iuno Regina gesehen, die aus dem eroberten Veii nach Rom kam. Auch dort heißt es, die Göttin habe zugestimmt, das Standbild habe genickt. Zwei Gottheiten, zwei Wege in die Stadt. Die eine wird dem Feind abgeworben, die andere von Verzweifelten erbeten. Und beide Male endet die Geschichte gleich: Der Gott kam freiwillig. Das ist keine Frömmigkeit. Das ist Vorsicht. Wen man zwingt, der bleibt gefährlich. Wer selbst kommt, ist ein Verbündeter. Rom hat seine Importe deshalb immer so erzählt, dass der Gott den ersten Schritt macht, sei es mit einem Nicken, sei es mit einer Schlange, die von selbst an Land geht.
Tinte, Torfrauch und die Erfindung der Sehnsucht

Am selben Tag, viele hundert Meilen weiter nördlich, ist von Asklepios nichts zu spüren.
Das monotone Trommeln des britischen Regens gegen die schweren Eichenbalken der Decke ist das Hintergrundgeräusch dieses Vormittags. Draußen, jenseits der Festungsmauern von Vindolanda, versinkt die Landschaft im nasskalten Grau Northumbrias. Drinnen wehrt sich ein kleines Torffeuer im Kamin tapfer gegen die Feuchtigkeit. Sein erdiger, scharfer Rauch mischt sich mit dem säuerlichen Duft von nassem Militärtuch und dem süßlichen Aroma von warmem Getreidebrei.
Am Tisch im Wohnhaus des Kastellkommandanten sitzt Sulpicia Lepidina. In ihren Händen hält sie kein Bronzestück und keinen zeremoniellen Becher, sondern ein hauchdünnes, biegsames Täfelchen aus Birkenholz. Es ist frisch eingetroffen, gebracht von einem Kurier, der den schlammigen Weg vom Nachbarkastell überstanden hat.
Ein Hauch von Purpur im grauen Schlamm
Lepidina streicht mit der Kuppe ihres Daumens über das Holz. Die ersten Zeilen fließen in der eleganten, gleichmäßigen Handschrift eines professionellen Schreibers über die Maserung. Es ist eine Einladung. Claudia Severa, die Frau des Kommandanten Aelius Brocchus, bittet ihre Freundin zu ihrer Geburtstagsfeier am 11. September. Doch das eigentliche Wunder dieses Dokuments offenbart sich ganz am Ende, in der rechten unteren Ecke. Dort bricht die Symmetrie der Schreiberschrift abrupt ab. Die Tinte wird dicker, die Buchstaben unregelmäßiger, fast hastig, doch voller Wärme aufs Holz gesetzt. Claudia Severa hat dem Schreiber die Feder aus der Hand genommen, um ihrer Freundin selbst zu schreiben:
"Ich werde Dich erwarten, Schwester. Leb wohl, Schwester, meine Seele, so wahr ich leben mag, Liebste, und sei gegrüßt." So steht es auf der Vindolanda-Tafel II 291.
Die Entdeckung des privaten Herzschlags
Für uns Heutige ist dieses unscheinbare Stück Holz eine Sensation. Es gilt als eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse einer Frauenhand in lateinischer Sprache. Während das offizielle Rom im fernen Süden an diesem Tag den Tempelgeburtstag eines Heilgottes feiert, zeigt dieser Brief im nassen Norden eine ganz andere Wahrheit. Das Imperium wurde nicht nur durch die eisernen Stiefel der Legionäre und die Togen der Senatoren zusammengehalten. Es überlebte im Inneren durch ein hauchdünnes Netz aus persönlicher Sehnsucht, Freundschaft und dem trotzigen Bedürfnis nach Wärme an den ungemütlichen Rändern der bekannten Welt.
Die beiden Frauen teilen dasselbe Schicksal: Offiziersfrauen aus guten Häusern, die im schlammigen Nirgendwo einer feindseligen Grenze ausharren. Severas Geburtstag ist kein staatlich verordneter Feiertag. Er ist ein Rettungsanker, der beide daran erinnert, wer sie eigentlich sind.
Zwei Tage später
Auf dem Kapitol wird derweil gedeckt. Die Seuche ist Geschichte, die Schlange längst Legende, der Tempel auf der Insel so selbstverständlich wie jeder andere Bau der Stadt. Rom hat sich einen Gott besorgt und ihn eingemeindet. Übermorgen bittet es drei weitere zu Tisch.
13. September: Rom bittet drei Götter zu Tisch

Der Priester ist seit dem Dunkeln wach. Er heißt Epulo, so nennt man die Männer seines Kollegiums, und seine Aufgabe klingt einfacher, als sie ist: Er richtet Mähler aus. Nicht für Menschen. Für Götter. Oben auf dem Kapitol, im Tempel des Iuppiter Optimus Maximus, steht der Tisch bereit. Daneben liegen drei Polsterliegen, pulvinaria, sorgfältig aufgeschüttelt, mit gutem Stoff bezogen. So bettet man Ehrengäste, wenn man will, dass sie bleiben. Er prüft, ob die Kissen richtig liegen. Dann kommen die Gäste.
Drei Standbilder werden gelagert
Sie werden getragen. Iuppiter zuerst, in die Mitte. Dann Iuno Regina und Minerva an seine Seiten. Drei Gestalten aus Ton, Gold und bemaltem Holz, die kapitolinische Trias, die über die Stadt wacht. Man legt sie auf die Polster, ein wenig erhöht, mit dem Blick zur Tafel, so wie man einen Gast beim Mahl niederlegt. Und dann wird aufgetragen. Es ist ein volles Essen. Fleisch vom Opfer, Brot, Wein, alles, was ein Gastgeber auffahren lässt, der Eindruck machen will. Die Schüsseln stehen vor den drei Gestalten. Der Duft steigt an die Balken, zieht durch die offene Tür hinaus in den Septembermorgen. Die Götter essen nicht. Sie können es nicht. Es sind Plastiken aus festem Material, und niemand in diesem Raum erwartet, dass sich ein Standbild bewegt.
Also isst der Priester und seine Amtsbrüder. Sie liegen bei Tisch, wie es sich gehört, sie greifen zu, sie trinken. Draußen hört man Stimmen vom Platz, drinnen klappert Geschirr. Ein Mann schneidet Fleisch für einen Gott, der es nicht anrühren wird, und legt es ihm vor. Dann isst er es selbst. Es ist kein Betrug. Es ist die Vorschrift.
Was die Götter wirklich bekamen
Wer sich jetzt fragt, ob die Götter bei dieser Veranstaltung leer ausgingen, denkt zu kurz. Sie hatten längst gegessen. Ein römisches Opfer lief in zwei Stufen ab. Zuerst die immolatio, die eigentliche Handlung: Ein Tier wird geschlachtet, und die exta, also Leber, Lunge, Herz und Gallenblase, kommen aufs Feuer. Was dabei aufsteigt, der Rauch, ist der Anteil der Götter. Das Fleisch bleibt für die Menschen. Die Götter aßen Rauch. Der Rest war Catering.
Auch bei diesem Mahl brennt etwas, nur klein und kontrolliert. Bei der praefatio verbrennt man Wein und Weihrauch auf einem tragbaren Herd, dem foculus. Eine Geste, kein Feuer, das einer gedeckten Tafel gefährlich werden könnte. Das Bankett, das der Epulo hier ausrichtet, ist also nicht die Opferhandlung. Es ist das, was danach kommt: ein Staatsbankett für Gäste, die rituell bereits versorgt sind. Demonstrative Gastfreundschaft, keine Nahrungsübergabe. Rom trennte sauber zwischen dem, was die Götter bekamen, und dem, was man ihnen zu Ehren zeigte. Zwei Gesten, zwei Logiken.
Ein Amt für Bankette
Das Kollegium des Epulo heißt septemviri epulones, die sieben Männer für die Mähler. Ursprünglich waren es drei, später sieben, am Ende zehn, und der Name blieb trotzdem. Ihre einzige Aufgabe: Feste für Götter ausrichten. Dafür gehören sie zu den vier großen Priesterschaften Roms, gleichrangig neben den Pontifices und den Auguren. Wer Karriere machen will, kann sich schlechtere Ämter aussuchen.
Warum ausgerechnet dieser Tag
Das Mahl hat einen Anlass, und das zeigen die Wände ringsum. Der 13. September ist der dies natalis dieses Tempels, sein Geburtstag. Geweiht wurde er im Jahr 509 v. Chr., und wer in Rom rechnen kann, weiß, was dieses Jahr sonst noch bedeutet: Es ist das Jahr, in dem die Stadt ihre Könige davonjagte. Der Bau stammt noch aus der Königszeit. Tarquinius Priscus fing an, Tarquinius Superbus machte ihn fertig, der letzte König. Als er geweiht wurde, war die Familie bereits vertrieben. Ein Tempel, gebaut von Königen, eingeweiht von denen, die sie gestürzt hatten. Und weil hier der oberste Gott des Staates wohnt, wird sein Geburtstag zu dem Tag, an dem der Staat sich selbst bewirtet. Dass Mitte September zugleich die Zeit ausläuft, in der die Legionen im Feld stehen, macht die Sache nicht schlechter. Wer ein Jahr überstanden hat, deckt gern den Tisch.
Ein Eintrag, der später dazukam
Jahre später steht auf diesem Datum noch etwas anderes. Im Jahr 16 n. Chr. klagt man einen jungen Senator an, Marcus Scribonius Libo Drusus, Hochverrat gegen Tiberius. Der Prozess läuft, die Beweise sind dünn, das Ende ist absehbar. Bevor das Urteil gesprochen wird, nimmt Libo sich selbst das Leben. Der Senat beschließt daraufhin, den 13. September dauerhaft zum Dankfest zu erklären. Für die Rettung des Staates. Tacitus notiert es, und man hört ihm an, was er davon hält. So teilt sich dieser Tag von nun an: oben die Götter bei Tisch, im Protokoll ein Dank, den niemand laut aussprechen möchte.
Am selben Tag, im Nebenraum
Während der Epulo seine Schüsseln abräumen lässt, betritt ein anderer Mann denselben Tempel. Er geht nicht zu Iuppiter. Er geht zu Minerva. Und er hat einen Hammer dabei.
Der Nagel: Wie Rom seine Jahre zählte, bevor es sie aufschrieb

Der Mann mit dem Hammer trägt einen Titel, den kaum noch jemand benutzt. Praetor maximus steht in der Vorschrift, und die ist so alt wie der Tempel selbst. Zu Livius' Zeiten weiß man nur noch ungefähr, was das einmal bedeutet hat. Wer den Nagel schlägt, ist inzwischen der ranghöchste Beamte der Stadt, wie auch immer er gerade heißt. Er geht an der Cella des Iuppiter vorbei, in der noch die Schüsseln stehen, und betritt den Raum daneben. Den der Minerva. An der Wand hängen Nägel. Viele.
Warum Minerva und nicht Iuppiter
Das ist die Frage, die man sich sofort stellt. Der Tempel gehört Iuppiter. Sein Standbild ist das größte, sein Kult der wichtigste, sein Tag ist heute. Und der Nagel geht trotzdem in die Wand des Tempels seiner Tochter. Die Römer hatten dafür eine Erklärung, und sie ist so schlicht wie überzeugend: Minerva erfand die Zahlen. Sie ist die Göttin der Handwerke, der Techniken, der Fertigkeiten, und dazu gehört das Rechnen. Wer ein Jahr zählen will, wendet sich an die, die das Zählen erfunden hat. Iuppiter regiert. Minerva verwaltet. Die Vorschrift dazu hängt gleich daneben, auf einer Bronzetafel an der Wand zwischen den beiden Räumen. Eine Anweisung aus Metall, unmittelbar neben den Nägeln, die sie erzeugt hat.
Ein Nagel pro Jahr
Was er tut, dauert wenige Augenblicke. Er setzt an, schlägt zu, und ein weiteres Jahr hängt an der Wand. Clavus annalis heißt das, der Jahresnagel. Livius berichtet davon und nennt den Grund, der uns heute befremdet und damals selbstverständlich war: Schreiben konnten wenige. Zählen mit Buchstaben war umständlich. Ein Nagel dagegen ist eindeutig. Man kann ihn nicht wegdiskutieren, nicht anders lesen, nicht nachträglich ändern. Wer wissen will, wie lange dieser Tempel steht, geht hinein und schaut. Rom führte seine Chronik an einer Wand mit Metallnägeln.
Der Brauch ist übrigens nicht römisch erfunden. Die Etrusker kannten ihn schon, im Tempel der Göttin Nortia in Volsinii hingen ebenfalls Jahresnägel. Rom hat ihn übernommen, wie so vieles.
Wenn die Zahlen nicht mehr reichen
Der Ritus hatte noch eine zweite Seite, und die war unheimlicher. Livius erzählt von 363 v. Chr. Eine Seuche will nicht enden, alle Opfer haben nichts geholfen, und dann erinnert sich jemand an eine alte Überlieferung: dass in solchen Lagen ein Nagel einzuschlagen sei. Also ernennt Rom einen Diktator. Nicht für einen Krieg, nicht für eine Staatskrise im üblichen Sinn. Dictator clavi figendi causa heißt das Amt, Diktator zum Zweck des Nagelschlagens. Ein Mann bekommt für kurze Zeit außerordentliche Vollmacht, geht auf das Kapitol, schlägt einen Nagel in eine Wand und legt das Amt wieder nieder.
Ein Notstandsamt für eine einzige Handbewegung. Man kann darüber lächeln. Oder man liest es als das, was es ist: der Versuch, etwas festzunageln, das sich nicht fassen lässt. Siebzig Jahre später schickt dieselbe Stadt aus demselben Grund ein Schiff nach Epidauros und holt sich eine Schlange. Wenn nichts mehr wirkt, greift Rom zum Ältesten, das es hat.
Was an der Wand hängen blieb
Irgendwann wurde das Zählen einfacher. Rom bekam Listen, Archive, Beamte, die Jahre nach den amtierenden Konsuln benannten. Den Nagel brauchte niemand mehr, und er verschwand aus dem Alltag, ohne dass ein Datum überliefert wäre. Zurück blieb eine Wand voller Metall, in einem Raum, den man betrat, wenn man ein Jahr abschließen wollte. Draußen läuft derweil die Stadt weiter. Auf den Bühnen wird noch gespielt, in den Ställen stehen die Pferde bereit, und morgen früh treten die Ritter zur Musterung an. Die zweite Hälfte der Spiele beginnt.
14. September: Weihrauch, Pferdemist und die Anatomie des Lampenfiebers

Es riecht nach gestern. Nach kaltem Rauch und nach Fett, das über Nacht erstarrt ist. Der Duft des Göttermahls hängt noch über dem Forum, und wer ihn bemerkt, denkt an Standbilder auf Polstern und an Priester, die für sie aßen. Heute riecht es anders. Nach Mist, nach geöltem Leder, nach Pferd.
Zwischen zwei Ereignissen
Gestern lagen die Götter zu Tisch. Morgen donnern die Gespanne durch den Circus Maximus. Dazwischen liegt dieser Tag, und er gehört den Hufen. Equorum probatio, die Prüfung der Pferde.
Was hier geprüft wird
Sie stehen in Reihen auf der Via Sacra, Hunderte junger Männer aus dem Ritterstand, jeder mit einem Pferd am Zügel. Die Tiere sind gestriegelt, bis das Fell glänzt. Staub hängt in der Luft. Man hört Schnauben, das Klirren einer Trense, einen Huf auf heißem Pflaster. Jeder führt sein equus publicus, das Pferd, für das der Staat aufkommt. Und das er wieder einziehen kann.
Am Ende der Reihe stehen die Beamten
Sie gehen langsam durch und schauen genau hin. Gelenke, Gang, Auge, Haltung. Ein unregelmäßiger Tritt. Ein feuchtes Husten. Mehr braucht es nicht. Denn der Ritterstand hat Bedingungen. Ein Vermögen, das sich nachweisen lässt. Eine Lebensführung, an der nichts auszusetzen ist. Und ein Pferd, das taugt. Wer sein Tier vernachlässigt, sagt damit etwas über sich. Wer es sich nicht mehr leisten kann, kann sich den Rang nicht mehr leisten. Hier entscheidet sich, wer in zwanzig Jahren im Senat sitzt.
Was ein Pferd verrät
Ein Pferd kann eine Parade tragen.
Ein Pferd kann Status zeigen.
Ein Pferd kann im falschen Moment scheuen.
Wer eines führt, zeigt mehr als Besitz. Er zeigt Rang, Erziehung, Haltung. Ein Pferd kann die Würde seines Reiters erhöhen. Es kann ihn ebenso bloßstellen. Und es lügt nicht. Es zeigt Nervosität, Kraft, Gewohnheit, Vertrauen. Wer danebensteht und etwas davon versteht, erkennt mehr als Muskel und Fell. Er erkennt Vorbereitung.
Zwei Termine, zwei Tonlagen
Diesen Rittern sind wir schon einmal begegnet. Am 15. Juli zog derselbe Stand durch die Stadt, die transvectio equitum, mit Kränzen und Purpur, vom Marstempel über das Forum hinauf zum Kapitol. Die Geschichte steht im Juli. Im Juli wird geglänzt. Im September wird geprüft.
Am Ende der Reihe
Die jungen Männer klopfen ihren Pferden auf den Hals. Sie reden leise mit ihnen, Worte, die niemand hört, und hoffen, dass alles gut geht. Morgen sitzen sie auf den Rängen und sehen anderen beim Fahren zu.
15. bis 19. September: Sieben Runden, und nicht alle kommen zurück

Der Sand ist frisch geharkt, und er riecht nach nichts. Das ändert sich in einer Stunde. Dann wird er nach Pferd riechen, nach Schweiß, nach dem Öl, mit dem die Achsen geschmiert sind, und nach hunderttausend Menschen, die seit dem Morgen auf den Rängen sitzen und Wein trinken, den sie selbst mitgebracht haben. Noch ist es still. Nur oben, auf den obersten Rängen, wo die Frauen und die Armen sitzen, schiebt sich schon jemand zurecht.
Zuerst kommt der Zug
Man hört ihn, bevor man ihn sieht. Flöten zuerst, dünn und hoch, dann Trommeln, dann das Geräusch von tausend Füßen auf Pflaster. Der Zug kommt vom Kapitol herunter, über das Forum, durch das Forum Boarium, und je näher er kommt, desto lauter wird es auf den Rängen. Voran reiten die Söhne der großen Familien. Danach die zu Fuß, in Reihen, aufgeregt und bemüht, es nicht zu zeigen. Dann die Wagenlenker in ihren Farben. Tänzer, die im Gehen springen. Männer mit Weihrauchpfannen, aus denen der Rauch waagerecht wegzieht.
Und am Ende, auf Tragegestellen, die Götter. Iuppiter. Iuno. Minerva. Dieselben drei, die vor zwei Tagen oben auf dem Kapitol zu Tisch lagen. Jetzt trägt man sie hinunter und setzt sie auf ihre Plätze, wieder auf Polster, wieder als Gäste. Die Ränge stehen auf, als sie hereinkommen. Pompa circensis heißt dieser Zug. Rom holt seine Götter ins Stadion, damit sie zusehen.
Was unter dem Sand liegt
Genau dort, wo gleich die Gespanne wenden, ist im vergangenen Monat gegraben worden. Im August haben Männer mit Schaufeln in dieser Bahn einen Altar freigelegt und ihn danach wieder zugeschüttet. Der Altar des Consus, des Gottes für das eingelagerte Korn. Er liegt jetzt unter dem geharkten Sand. Niemand sieht ihn. Jeder weiß, dass er da ist. Der Circus Maximus ist eine Rennbahn mit einem Gott im Boden.
In der Startbox
Der Wagen ist leicht. Erschreckend leicht. Ein Korb aus Holz und Leder, zwei Räder, mehr nicht. Wer darin steht, spürt jede Unebenheit im Sand durch die Sohlen. Der Mann hat die Zügel bereits um die Hüften geschlungen, so lenkt man hier, mit dem ganzen Körper, nach hinten gelehnt gegen den Zug von vier Pferden. Am Gürtel steckt ein Messer. Es ist dafür da, sich freizuschneiden, wenn der Wagen kippt und die Zügel einen mitschleifen. Jeder Wagenlenker trägt eines. Die meisten kommen nie dazu, es zu benutzen.
Er ist Sklave, oder war es. Wenn er heute gewinnt, bekommt er Geld, und wenn er oft genug gewinnt, kauft er sich frei und wird reicher als die Männer auf den Ehrenplätzen. Wenn nicht, wird er keine dreißig. Das Gespann tänzelt. Er redet mit den Pferden, leise, Worte, die niemand hört.
Das Tuch fällt
Der Lärm ist körperlich. Sieben Runden um die spina, den langen Mittelstreifen mit den Obelisken und Statuen. Oben stehen sieben große Eier aus Holz, und bei jeder Runde kippt jemand eines herunter, damit alle mitzählen können. An den Wendemarken entscheidet sich alles. Zu eng, und das Rad bricht am Stein. Zu weit, und die Innenbahn ist weg. In der dritten Runde geht vorn ein Wagen um. Das Geräusch trägt bis auf die obersten Ränge, ein Krachen, dann etwas, das man nicht beschreiben will. Die Menge brüllt lauter, nicht leiser.
Naufragium nennt man das. Schiffbruch. Rom fand das Bild so treffend, dass es das Wort für die See auf den Sand übertrug: Da bricht etwas auseinander, aus Holz, Pferden, Zügeln und Menschen, mitten auf dem Trockenen.
Vier Farben, eine Stadt
Auf den Rängen sitzt niemand neutral. Weiß, Rot, Grün oder Blau, das sind die vier Rennställe, und jeder Römer gehört zu einer dieser Farben. Man erbt sie vom Vater. Man streitet darüber beim Essen. Man beschimpft Fremde deswegen auf der Straße. Ein Kaiser, der die falsche Farbe unterstützt, hat ein Problem. Einer, der die richtige unterstützt, hat vierzigtausend Freunde. Zwischen den Rennen wird die Bahn geharkt, es gibt Tierhetzen, Akrobaten, irgendetwas gegen die Langeweile. Verkäufer klettern durch die Reihen. Wer einen guten Platz hat, bleibt sitzen und lässt sich versorgen. Dann geht es wieder los.
Am fünften Abend
Fünf Tage läuft das so, vom 15. bis zum 19. September. Am letzten Tag ist nebenbei noch der Geburtstag des Antoninus Pius, in der Kaiserzeit ein Grund für Opfer in den Provinzen. Hier unten interessiert das niemanden. Dann ist es vorbei. Die Standbilder werden wieder hinaufgetragen, zurück in ihre Tempel. Die Ränge leeren sich, langsam, weil hunderttausend Menschen nicht schnell durch ein paar Tore passen. Auf der Bahn liegt zerbrochenes Holz, das jemand einsammelt. Der Sand wird geharkt.
Morgen riecht er wieder nach nichts.
18. und 19. September: Kaisertreue im Donaunebel

Der Nebel steht über dem Fluss, seit es hell geworden ist. Es riecht nach nasser Wolle und nach dem ranzigen Fett, mit dem die Männer über den Winter ihre Panzer einreiben, damit sie nicht rosten. Vom Lagerplatz her kommt Hufschlag, gedämpft im Schlamm. Wir sind in Lauriacum an der Donau, im Lager der Legio II Italica, und es ist der 18. September des Jahres 191 n. Chr.
Zwei Tote, die gefeiert werden
Heute wird strammgestanden. Das Reich begeht den Geburtstag Trajans, der seit vierundsiebzig Jahren tot ist. Und den Herrschaftsantritt seines Vorgängers Nerva, den dies imperii. Keiner der Männer in der Formation hat einen der beiden je gesehen. Ihre Großväter auch nicht.
Ein Altar für den eigenen Geist
Vor der angetretenen Truppe wird an diesem Tag etwas geweiht, das näher liegt als zwei tote Kaiser. Der Primipilus, der ranghöchste Zenturio der Legion, stiftet einen Altar für den Genius der Legion. Für den Schutzgeist der eigenen Einheit, der unsichtbar ist und trotzdem jeden Tag mit im Lager steht. Der Opferrauch kämpft gegen den feuchten Wind. Wein zischt auf den Kohlen. Die Inschrift dazu ist erhalten, und sie verrät nebenbei noch etwas: Zu diesem Zeitpunkt waren die Innenbauten des Lagers fertig. Ein Fahnenheiligtum, in dem die Standarten stehen, und ein Altar darin.
Warum zwei tote Kaiser und ein Schutzgeist zusammenpassen
In den feuchten Baracken am Limes hält die Loyalität zum fernen Kaiserhaus die Männer zusammen. Nicht aus Zuneigung. Aus Mangel an Alternativen. Diese Legion gibt es erst seit sechsundzwanzig Jahren. Mark Aurel hob sie aus, als die Markomannen über die Donau kamen und Rom Soldaten fehlten. Vor ihr hatte Noricum überhaupt keine Legion, die Provinz galt als provincia inermis, als waffenlose Provinz, verwaltet von einem Prokurator aus dem Ritterstand. Jetzt steht hier ein Lager, ein Legat, eine Legion. Und ein Kalender, der ihnen sagt, an wen sie denken sollen.
Ein Rätsel am Rande
An diesem Tag taucht in manchen Darstellungen noch ein zweites Fest auf, das heiligste des römischen Militärs. Der natalis aquilae, der Geburtstag des Legionsadlers. Jede Legion hütete ihre aquila wie ein Heiligtum, und der Tag, an dem sie aufgestellt und ihr der Adler übergeben wurde, war ihr Gründungstag. Nur hatte jede Einheit dafür ihren eigenen Termin. Fiel der Geburtstag des Adlers der Legio II Italica auf denselben 18. September? Die Inschrift beweist nur die Weihung an den Genius der Legion. Mehr steht da nicht. Vielleicht war es ein Schachzug der Führung, das eigene Stiftungsfest auf den Geburtstag des größten Soldatenkaisers zu legen. Vielleicht ist es auch nur der Wunsch, dass die Teile zusammenpassen. Was bleibt, ist der Regen auf den Schilden, der Rauch über dem Altar und ein Lager am Rand des Reiches, in dem Männer für jemanden opfern, den es seit drei Generationen nicht mehr gibt.
Ein Jahr früher, am Rhein
Wir gehen ein Jahr zurück und ein Stück nach Nordwesten. Germania Inferior, nahe dem heutigen Xanten, im Jahr 190 n. Chr. Es riecht nach brennenden Fichtenscheiten, nach Schweineschmalz auf dem Opferrost und nach nassem Eichenlaub. Es ist der 19. September, der Geburtstag des Antoninus Pius. Auch er ist tot, seit fast dreißig Jahren, und auch sein Tag steht unverrückbar im Kalender der Armee. Vor einem frisch behauenen Sandsteinaltar steht der Lagerpräfekt mit seinen drei Söhnen. Sie tragen die weiße Opfertoga, und darunter schauen die Militärstiefel hervor. Der Vater gießt unverdünnten Wein auf die Kohlen, die Söhne halten die Schalen mit Weihrauch.
Vier Götter auf einem Stein
Geweiht wird der Altar einer bemerkenswerten Zusammenstellung. Iuppiter Optimus Maximus, dem obersten Staatsgott. Hercules, dem Vorbild der Soldaten. Silvanus, dem Gott der Wälder, die hier ringsum stehen. Und dem Geist des Kaiserhauses, der domus divina. Jeder dieser vier hat einen Zweck. Iuppiter und das Kaiserhaus sind die Pflicht. Hercules ist das, was die Truppe sehen will. Und Silvanus ist der Gott der Gegend, in der man lebt.
Der Stein als Empfehlungsschreiben
Das Beste steht am Ende der Inschrift. Der Präfekt lässt seine drei Söhne namentlich mit aufführen. In einer Welt ohne Personalakten ist das ein gemeißelter Lebenslauf. Jeder reisende Legat, der an diesem Altar vorbeikommt, liest die Namen der Söhne eines Mannes, der dem Kaiserhaus opfert. Ein Kaisergeburtstag am Rhein, und nebenbei die Karriere der nächsten Generation.
Was der Stein überdauert
Dieser Befund wiederholt sich überall an den Grenzen. Während in Rom Paläste brannten, Kaiser ermordet wurden und Dynastien verschwanden, standen an Donau und Rhein die Altäre und hielten die Zeit fest. Für die Männer in den Lagern war der Kaisergeburtstag kein Staatsakt, sondern ein Datum, an dem etwas anderes stattfand als der übliche Dienst. Sie opferten einem fernen Gott in einer fernen Stadt und meinten damit das eigene Überleben am Rand der Welt.
Und in Rom?
Dort endet am 19. September die letzte Runde im Circus Maximus. Fünfzehn Tage Spiele sind vorbei. Morgen öffnen die Märkte.
20. bis 23. September: Wenn der Weihrauch verfliegt und das Geld klimpert

Im Circus Maximus ist es still. Gestern noch Lärm, Staub, hunderttausend Menschen. Heute harkt niemand mehr, die Ränge sind leer, und der Sand liegt da, wie er liegt. Rom gönnt sich trotzdem keine Pause. Wo bis gestern für Iuppiter gejubelt wurde, beginnt heute das Geschäft: der mercatus.
Was jetzt in der Luft liegt
Weihrauch riecht man nicht mehr. Stattdessen Wein aus Tonkrügen, der schon leicht sauer ist. Gebratener Knoblauch aus den Garküchen, den popinae. Und der Schweiß von Menschen, die sich durch enge Gassen schieben. Rund um das Marsfeld und das Forum Boarium stehen seit heute früh Holzbuden, die gestern noch nicht da waren. Vier Tage lang ist Rom ein Markt.
Wer jetzt in der Stadt ist
Das ist der Punkt, auf den alles hinausläuft. Zwei Wochen Spiele haben Menschen in die Stadt geholt, die sonst nicht herkommen. Bauern aus dem Sabinerland, Händler aus Kampanien, Seefahrer aus Hispanien und Gallien. Sie sind müde vom Zuschauen, satt von Ritualen und haben Geld dabei. Für die Kaufleute und die Budenbesitzer ist dieser 20. September der wichtigste Tag des Jahres.
Vier Tage Feilschen
In den Buden wird gehandelt, geschrien und betrogen. Sklaven balancieren Amphoren mit Fischsoße durch die Menge. Stoffhändler halten ihre Ballen ins Licht, damit die Farben wirken. Auf den Tischen der Geldwechsler klingt Metall auf Holz. Man hört raues Latein und griechische Flüche durcheinander. Wer hier nichts verkauft, hat den Monat verpasst.
Nach dem Kult kommt der Markt
Das ist kein Zufall, sondern ein Muster. Es zieht sich durch das ganze römische Jahr, und es gilt auch anderswo. Nach den Ludi Plebeii im November folgt ebenfalls ein mercatus. Die Götter wollen geehrt werden. Nur haben sie nichts dagegen, wenn man im Schatten ihrer Tempel Geschäfte macht.
Was hier wirklich verhandelt wird
Unter dem Lärm liegt etwas Ernstes. Verträge werden geschlossen. Getreide und Öl für ein ganzes Jahr wechseln den Besitzer. Wer jetzt einkauft, kommt über den Winter. Wer die Serie mitliest, erkennt die Fortsetzung. Im August hat Rom seine Speicher gefüllt und verschlossen. Jetzt wird gehandelt, was darin liegt. Am Abend des 23. September schließen die Buden, pünktlich zum Geburtstag des Augustus. Die Stadt ist erschöpft, ärmer und zufrieden.
Die Angst vor dem Winter wurde weggeschwatzt und ausverkauft.
23. September: Schattenkabinett auf dem Marsfeld

Am Fuß des Obelisken steht ein Mann und schaut auf den Boden. Dort läuft eine Bronzelinie durchs Pflaster, und er prüft, wo der Schatten sie trifft. So liest man hier die Jahreszeit ab, Tag für Tag, heute wie an jedem anderen auch. Ringsum drängen sich Senatoren in schweren Togen, der Wind fährt in den Stoff. Denn es ist der 23. September, und Rom feiert den Geburtstag eines Mannes, der sich selbst zum Retter der Welt erklärt hat. Gaius Iulius Caesar Octavianus. Augustus.
Ein Zeiger aus Granit
Was der Mann da abliest, steht mitten auf dem Marsfeld und gehört eigentlich nicht hierher. Ein ägyptischer Obelisk aus rotem Granit, über und über mit Zeichen bedeckt, die in dieser Stadt kein Mensch lesen kann. Älter als Rom. Augustus hat ihn nach der Eroberung Ägyptens über das Meer schaffen lassen. Jetzt wirft er seinen Schatten auf ein Feld, auf dem sonst Soldaten üben.
Die schöne Lüge vom kosmischen Uhrwerk
Über diesen Obelisken wurde jahrzehntelang eine wunderbare Geschichte erzählt. Am Geburtstag des Kaisers, pünktlich zur Tagundnachtgleiche, sei der Schatten der Spitze genau auf das Portal der Ara Pacis zugewandert, des Friedensaltars. Die Sonne selbst zeige auf den Friedensbringer. Wer nachmisst, kommt zu einem anderen Ergebnis. Der Schatten hat den Altar an diesem Tag nie berührt. Neue Vermessungen und Simulationen des Sonnenstands zeigen, dass der Obelisk rund drei Meter neben der Position stand, auf der die These beruhte.
Und die Bronzelinie im Pflaster war nach heutigem Stand eine Meridianlinie, eine gerade Nord-Süd-Achse für Mittag und Jahreszeit. Keine flächige Sonnenuhr über das halbe Marsfeld. An diesem Geburtstag zeigte der Schatten zur Mittagsstunde schlicht nach Norden. Auch die Tagundnachtgleiche fiel nicht genau auf den 23. September.
Warum dann der ganze Aufwand?
Weil es nie um den Schatten ging. Um das zu verstehen, muss man wissen, in welchem Zustand der römische Kalender war. Nach Caesars Ermordung hatten sich die Priester beim Schalten verzählt. Die Römer zählten inklusiv, und so wurde aus jedem vierten Jahr in der Praxis jedes dritte. Ein Zählfehler, wie er auch heute noch passiert, wenn man Zaunpfähle und Zwischenräume verwechselt. Sechsunddreißig Jahre lief das so. Am Ende hatte Rom zwölf Schalttage eingefügt, wo neun hingehört hätten. Die Zeit lief der Stadt davon.
Der Mann, der die Sonne zurückholte
Augustus wurde 12 v. Chr. Pontifex Maximus, oberster Priester und damit zuständig für den Kalender. Vier Jahre später zog er die Reißleine. Ab 8 v. Chr. wurde zwölf Jahre lang nicht mehr geschaltet, bis der Überschuss abgetragen war. Erst 8 n. Chr. lief der Kalender wieder so, wie Caesar ihn gedacht hatte. Plinius und Macrobius berichten es übereinstimmend. Der Obelisk war das sichtbare Zeichen dafür. Ein Zeiger aus Granit, der im Pflaster abliest, wo die Sonne steht. Wer daran vorbeiging, sah: Die Zeit stimmt wieder. Dass der Schatten den Altar nie traf, merkte niemand. Es war auch nicht nötig.
Und in den Provinzen?
Während in Rom die Senatoren um einen Obelisken stehen, feiert man anderswo handfester. Narbo im gallischen Süden. Hier riecht es nach verbranntem Fleisch über dem Forum der Kolonie. Die Bevölkerung hat einen Altar für das numen Augusti errichtet, für die göttliche Wirkkraft des Herrschers. Drei römische Ritter und drei Freigelassene stehen daneben und schlachten die Opfertiere. Die Menge wartet mit Bechern und Schalen. Denn für die Leute hier bedeutet der Geburtstag des Kaisers vor allem eines: Wein und Weihrauch, umsonst. Während die Priester opfern, verteilen die Stifter beides an die Kolonisten, die coloni, und an die Zugezogenen, die incolae, damit sie laut für das Wohlergehen des Mannes in Rom beten. Die Provinz bekommt einen Rausch auf fremde Kosten. Der Kaiser bekommt Loyalität von Menschen, die ihn nie sehen werden. Das alles steht auf Stein. Die Inschrift aus Narbo regelt den Ablauf bis auf den letzten Becher.
24 Runden für die Ewigkeit
Ein Detail fällt erst beim genauen Hinsehen auf. Die eigentlichen Augustalia, die großen Spiele zu Ehren des Augustus, lagen gar nicht im September, sondern im Oktober. Das störte niemanden. Der Geburtstag war der Tag, an dem die Leute feiern wollten. Wie tief sich das eingrub, zeigt ein Blick nach vorn. Noch im 4. Jahrhundert n. Chr., mehr als dreihundert Jahre nach seinem Tod und längst im christlichen Zeitalter, verzeichnet der Kalender von Filocalus für den 23. September 24 Wagenrennen im Circus Maximus, zu Ehren des vergöttlichten Augustus. Die Kaiser wechselten. Die Götter verblassten. Die Pferde für den ersten Princeps durften nicht aufhören zu rennen.
26. September: Göttliche Genetik, in Marmor gemeißelt

Es riecht nach feuchtem, frisch behauenem Marmor, dem schweren, fast betäubenden Duft von Myrrhe und dem Schweiß von zehntausenden Menschen, die sich dicht an dicht drängen. Es ist der 26. September 46 v. Chr. Rom bebt. Das Forum Iulium, Caesars gigantische private Baustelle, feiert heute seine Premiere.
Doch das ist kein normales Richtfest. Heute ist der krönende Abschluss von Caesars vierfachem Triumphzug. Die Ketten der gefangenen Könige klirren noch auf dem Pflaster, das Blut der Opfertiere sickert warm in den Sand vor den Tempelstufen, als der Diktator selbst die Stufen hinaufschreitet. Purpurtoga, Lorbeerkranz im dünnen Haar, und hinter ihm die blendend weiße Fassade des Tempels der Venus Genetrix.
Ein Gelübde mit nachträglicher Beförderung
Angefangen hat die Sache zwei Jahre zuvor, in Griechenland, kurz vor der Schlacht bei Pharsalos. Caesar steht Pompeius gegenüber, es geht um alles, und in solchen Momenten wird selbst ein Skeptiker fromm. Er gelobt Venus einen Tempel. Allerdings der Venus Victrix, der Siegbringerin, was in dieser Lage naheliegt. Zwischen Gelübde und Einweihung wird die Dame befördert. Aus der Siegbringerin wird die Genetrix, die Erzeugerin. Aus einer Göttin, die bei Schlachten hilft, wird eine Göttin, die Stammbäume liefert. Caesar hat unterwegs gemerkt, dass Siege vergänglich sind und Abstammung nicht.
Die Ahnherrin als politische Schutzpatronin
Der Clou an diesem Tempel ist eine theologische Unverschämtheit, verpackt in edelste Architektur. Für das Volk Roms ist Venus Genetrix die Urmutter des römischen Volkes, über Aeneas und dessen Sohn Iulus. Für Caesar ist sie schlicht die Dame ganz oben am eigenen Stammbaum, seine Ururur-und-so-weiter-Großmutter, und der Familienname Iulius kommt praktischerweise gleich von jenem Iulus. Mit diesem Tempel erklärt die Familie ihre private Ahnenreihe kurzerhand zum Staatskult. Wer hier opfert, betet nicht nur zu einer Göttin. Er huldigt der göttlichen Abstammung des Mannes, der gerade die Republik in den Staub getreten hat.
Der Gast, über den Rom sich das Maul zerriss
Und dann stellt Caesar noch jemanden dazu. Neben das Standbild der Göttin lässt er eine vergoldete Statue der Kleopatra aufstellen. Eine lebende ägyptische Königin, in Gold, im Tempel der römischen Stammmutter. Cassius Dio berichtet es, und man spürt beim Lesen, wie sehr das die Leute beschäftigt hat. Rom war einiges gewohnt. Eine fremde Herrscherin auf Augenhöhe mit der Urmutter des Volkes gehörte nicht dazu.
Der Bogen zum Juli
Diese Venus begegnet uns in der Serie nicht zum ersten Mal. Als Octavian im Juli 44 v. Chr. jene Spiele abhielt, bei denen der Komet erschien, liefen sie unter dem Namen ludi Veneris Genetricis, Spiele für Venus Genetrix. Die Geschichte dazu im Juli. Der junge Erbe nutzte also genau den Kult, den sein Adoptivvater hier auf dem Forum in Stein gegossen hatte. Die Göttin hatte Caesar zum Nachkommen einer Gottheit gemacht. Zwei Jahre später machte ein Stern am Himmel ihn selbst zu einer.
Was in der Cella steht
Wer heute in den schattigen Innenraum blickt, sieht das Licht auf die monumentale Statue der Göttin fallen. Sie steht da, makellos und unnahbar, umgeben von erbeuteten Schätzen aus Caesars Feldzügen. Es ist der Moment, in dem Rom begreift: Die alte Zeit der Senatsherrschaft ist vorbei. Die Macht hat jetzt einen Namen, einen Tempel und eine göttliche Ahnherrin, die schweigend über das neue Forum wacht.
Zwei Jahre später liegt Caesar mit dreiundzwanzig Messerstichen im Theater des Pompeius. Die Göttin hat da nicht eingegriffen.
Dreimal umbenannt, dreimal gelöscht

Es gibt eine Disziplin, in der römische Kaiser erstaunlich erfolgreich waren und trotzdem verloren. Zwei Männer hatten vorgemacht, dass es geht. Caesar bekam den Quintilis, den Fünften, nach seiner Ermordung. Augustus nahm sich den Sextilis, den Sechsten, zu Lebzeiten und mit Senatsbeschluss. Zwei Zahlennamen weg, zwei Herrschernamen drin, beide halten bis heute. Der September stand als Nächster in der Reihe. Und er wurde dreimal umbenannt. Dass er heute trotzdem September heißt, liegt nicht daran, dass es misslang. Es liegt daran, dass niemand lange genug lebte.
Tiberius sagt nein
Der Erste, der die Gelegenheit hatte, wollte sie nicht. Sueton berichtet, man habe Tiberius vorgeschlagen, den September nach ihm zu benennen. Auch für den Oktober gab es eine Idee, der sollte nach Livia heißen, seiner Mutter. Tiberius lehnte ab. Und er fügte, so die Überlieferung, eine Frage hinzu, die man selten liest und nie vergisst: Was man denn zu tun gedenke, wenn es einmal 13 Kaiser gebe. Ein Mann, der ausrechnet, dass der Kalender irgendwann ausgeht.
Caligula tut es für seinen Vater
Sein Nachfolger sah das anders, wollte den Monat allerdings nicht für sich. Caligula benannte den September nach seinem Vater Germanicus, jenem beim Volk hochverehrten Feldherrn, der jung und unter mysteriösen Umständen gestorben war. Sueton hält es in einem knappen Satz fest: Zum Andenken an seinen Vater nannte er den Monat September Germanicus. Kein Versuch, es wurde vollzogen. Man erkennt hier denselben Mann wieder, der ein paar Jahre zuvor den Actium-Feiertag am 2. September gestrichen hatte, weil ihm der besiegte Marcus Antonius zu nah verwandt war. Caligula und der Kalender, das war eine Beziehung mit familiären Komplikationen. Nach seiner Ermordung im Jahr 41 n. Chr. verschwand der Name wieder.
Domitian tut es für sich selbst
Ein halbes Jahrhundert später kam derselbe Name noch einmal, aus einem anderen Grund. Domitian hatte den Siegerbeinamen Germanicus angenommen, und er benannte den September nach diesem Beinamen. Den Oktober gleich mit, der hieß fortan Domitianus, nach dem Monat seines Herrschaftsantritts. Zweimal derselbe Monatsname, zweimal Germanicus, einmal für einen toten Vater und einmal für einen lebenden Kaiser. Der Name hielt, so lange wie Domitian lebte. Im Jahr 96 n. Chr. wurde er ermordet, und der Senat verhängte über ihn die damnatio memoriae, die Verdammung des Andenkens. Man kratzte seinen Namen von Inschriften, riss seine Statuen ab und holte die alten Monatsnamen zurück. Der September war wieder der Siebte, obwohl er der Neunte war.
Commodus macht Nägel mit Köpfen
Und dann kam der Mann, der die Sache gründlich anging. Commodus benannte im Jahr 192 nicht einen Monat um, nicht zwei, sondern alle zwölf. Nach seinen eigenen Titeln und Beinamen. Dazu nannte er Rom nach sich, der Senat hieß fortan der commodianische, und als Gott ließ er sich ebenfalls anerkennen. Welchen Namen der September dabei bekam, lässt sich nicht sicher sagen. Die beiden Quellen, die die Liste überliefern, verteilen die zwölf Namen unterschiedlich. Nach der Historia Augusta wurde der September zu Hercules, nach Cassius Dio zu Augustus. Beide Autoren sind sich einig, dass umbenannt wurde, nicht aber, wie. Ein ganzes Jahr, komplett auf einen einzigen Mann umgeschrieben. Am 31. Dezember desselben Jahres war Commodus tot, erdrosselt von seinem Ringpartner. Auch ihn traf die damnatio memoriae, und der Kalender kehrte zurück in den Zustand, in dem er vorher gewesen war. Die neuen Namen hielten wenige Monate.
Warum das Zählwort gewann
Drei Umbenennungen, drei Löschungen. Es lohnt sich zu fragen, warum ausgerechnet Caesar und Augustus durchkamen. Der Unterschied liegt nicht im Senatsbeschluss, denn den hatten die anderen auch. Er liegt darin, was nach dem Tod geschah. Caesar und Augustus wurden vergöttlicht, ihre Namen blieben Bezugspunkte für alles, was danach kam. Caligula, Domitian und Commodus wurden gelöscht. Ein Monatsname hält nur, solange niemand ein Interesse daran hat, ihn zu entfernen. Und so trägt der neunte Monat bis heute das Wort für sieben, gemeinsam mit October, November und December. Vier Monate mit falscher Nummer, seit über zweitausend Jahren, weil jede Korrektur an der Sterblichkeit ihres Urhebers hing.
Tiberius hatte recht mit seiner Frage. Es hat nie genug Monate für alle gegeben.
Der September in zwei Schichten
Dieser Monat lässt sich nicht als eine einzige Geschichte lesen. Er hat zwei Böden. Unten liegt die Republik mit ihren alten Spielen und Ritualen, darüber legt sich die Kaiserzeit mit Geburtstagen, Gedenktagen und Namensansprüchen. Diese Übersicht stellt beide nebeneinander.
| Was der alte Kalender sagt | Was die Kaiserzeit daraus macht |
|---|---|
| Ludi Romani für Iuppiter, Roms älteste Spiele | Neun zusätzliche Theatertage, weil ein Kaiser das Programm ausbaut |
| Der 13. September ist der Tempelgeburtstag des Iuppiter | Und ein Dankfest für einen toten Senator |
| Der Jahresnagel zählt die Zeit für die Republik | Ein Obelisk aus Ägypten zählt sie für einen Mann |
| Die Ritter mustern ihre Pferde für den Staatsdienst | Das Reich feiert Geburtstage von Herrschern, die längst tot sind |
| Der Monat heißt der Siebte | Drei Kaiser benennen ihn um, und jedes Mal wird es rückgängig gemacht |
| Nach dem Kult kommt der Markt | Und am letzten Markttag hat der Princeps Geburtstag |
Der Monat, der niemandem gehörte

Am Anfang stand ein Monat mit einem falschen Namen. Am Ende steht er immer noch da, unverändert, der Siebte an neunter Stelle, obwohl drei Kaiser ihn geändert hatten.
Dazwischen lag alles, was Rom zu bieten hatte. Eine Göttin, die man dem Feind abwarb. Ein Heilgott, der als Schlange anreiste und sich seinen Bauplatz selbst aussuchte. Ein Kriegsgefangener, der der Siegerkultur das Theater schenkte. Drei Standbilder auf Speisesofas und Priester, die für sie aßen. Ein Nagel in einer Tempelwand, geschlagen von einem Beamten mit einem Titel, den niemand mehr verstand. Fünfzehn Tage Spiele, hunderttausend Menschen auf den Rängen und ein Wagenlenker mit einem Messer am Gürtel. Und eine Frau in Britannien, die einem Schreiber die Feder aus der Hand nahm.
Warum wir das Feiern erst schätzen, wenn es still wird
Es gibt eine Erkenntnis dieses Monats, die tiefer geht als jedes Ritual. Wie wichtig gemeinsames Feiern und rituelle Unterbrechungen für unser seelisches und gesellschaftliches Überleben sind, merken wir meist erst, wenn sie uns weggenommen werden.
Die Erfahrung der Pandemiejahre 2020 und 2021, als Hochzeiten, Geburtstage und Zusammenkünfte plötzlich ausfielen, hat gezeigt, dass Feste kein Luxus sind, sondern ein Grundbedürfnis. Sie strukturieren die Wirtschaft, die Psyche, die sozialen Beziehungen. Und sie stiften durch symbolische Handlungen erst jene Zugehörigkeit, die aus Einzelnen eine Gemeinschaft macht. Genau das tat der römische September, fünfzehn Tage am Stück. Ein Fest ist der Moment, in dem eine Gesellschaft sich selbst feiert, um die Vergänglichkeit der Zeit überhaupt ertragen zu können.
Was der Nagel wirklich festhielt
Vielleicht liegt darin auch die Antwort auf die Frage, warum ein Beamter einmal im Jahr einen Nagel in eine Wand schlug. Nicht weil damals nur wenige lesen konnten, jedenfalls nicht nur. Sondern weil ein Jahr etwas ist, das man festhalten will. Sichtbar, greifbar, hörbar mit einem einzigen dumpfen Schlag. Wir haben inzwischen bessere Methoden. Kalender in Taschen, Erinnerungen in Wolken, Fotos von jedem Geburtstag.
Und trotzdem stellen wir Kerzen auf einen Kuchen und zählen sie.
Der Monat bleibt der Siebte
Tiberius fragte einmal, was man denn zu tun gedenke, wenn es einmal 13 Kaiser gebe. Die Frage war rhetorisch, und sie war richtig. Es gab nie genug Monate für alle. Also gewann am Ende das nüchterne Zählwort gegen die Eitelkeit. Dreimal wurde der Monat umbenannt, dreimal zurückgeholt. Der neunte Monat heißt bis heute der Siebte. Nicht weil es niemand änderte. Sondern weil niemand lange genug lebte, damit es hielt.
Was vom römischen September blieb
Ein steinernes Schiff, das nie ablegte
Fangen wir mit dem an, was man heute noch anfassen kann. Wer in Rom auf die Tiberinsel geht und die Treppe hinunter ans Wasser steigt, steht vor einer Wand aus Travertin. Sie ist gekrümmt wie der Bug eines Schiffes, und wenn das Licht günstig steht, erkennt man darin noch schwach eine Gravur: einen Stab, um den sich eine Schlange windet. Rom hat die ganze Insel als Schiff verkleidet. Travertin an Bug und Heck, Mauern ringsum, und in der Mitte ein Obelisk als Mast. Der Tempel stand da wie ein Aufbau an Deck. Das steinerne Abbild jenes Schiffes, das den Gott aus Epidauros geholt hatte, für immer vor Anker im Fluss. Der Obelisk ist längst weg, die Mauern größtenteils auch. Der Bug ist geblieben.
Und die Insel heilt weiter
Der eigentliche Nachhall liegt jedoch nicht im Stein, sondern in der Funktion. Über den Fundamenten des Asklepios-Tempels steht heute die Kirche San Bartolomeo, und die Säulen in ihrem Inneren stammen aus dem antiken Bau. Ab dem 11. Jahrhundert führten Benediktinerinnen dort eine Herberge für Arme und Kranke. Seit dem 16. Jahrhundert arbeitet auf der Insel das Krankenhaus der Fatebenefratelli, und es arbeitet bis heute.
Das sind über zweitausend Jahre, in denen an derselben Stelle Kranke versorgt wurden. Eine Geschichte aus jüngerer Zeit gehört dazu: Während der deutschen Besetzung Roms versteckten die Ärzte des Krankenhauses jüdische Bürger vor der Verfolgung, unter anderem mit einer erfundenen Diagnose, die niemand nachprüfen wollte. Die Insel, die einmal gewählt wurde, weil eine Schlange dort an Land ging, hat ihre Aufgabe nie abgelegt.
Vier Monate mit falscher Nummer
Die auffälligste Spur, wie schon erwähnt, trägt jeder Kalender. September, Oktober, November, Dezember: der Siebte, Achte, Neunte und Zehnte, allesamt zwei Positionen daneben. Vier Wörter, die von einem Jahr erzählen, das im März begann, und die niemand je korrigiert hat. Wir sprechen sie jeden Herbst und Winter aus.
Das Theater, das als Kriegsbeute kam
Am 5. September 240 v. Chr. stand bei den Ludi Romani ein Mann auf einer Holzbühne und führte ein Stück in lateinischer Sprache auf, das er aus dem Griechischen übertragen hatte. Livius Andronicus war Kriegsgefangener gewesen. Die Kunstform selbst kam aus Griechenland, das gehört zur Wahrheit. Rom hat sie übernommen, ins Lateinische gebracht und weitergegeben, an Plautus, an Terenz, an alles, was danach kam. Wer heute in einem europäischen Theater sitzt, sitzt am Ende einer Linie, die durch die römischen Spiele führt.
Der Schiffbruch auf dem Trockenen
Ein kleines Wort zum Schluss, und diesmal läuft die Linie in die andere Richtung. Wenn im Circus ein Wagen zerbrach, nannten die Römer das naufragium, Schiffbruch. Das Wort kam von der See und wurde auf den Sand übertragen, nicht umgekehrt. Unsere Redewendung vom Schiffbruch, den jemand erleidet, stammt ebenfalls vom Meer. Was bleibt, ist die Beobachtung, dass Rom das Bild vom auseinanderbrechenden Schiff so treffend fand, dass es damit auch das Unglück an Land benannte. Manchmal ist die Wortgeschichte kein Erbe. Manchmal ist sie nur ein Beweis dafür, dass Menschen zu allen Zeiten dieselben Bilder finden.
Häufige Fragen zum römischen September
Warum heißt der September September, obwohl er der neunte Monat ist?
Der Name kommt vom lateinischen septem, sieben. Im alten römischen Jahr, das im März begann, war er tatsächlich der siebte Monat. Als der Jahresanfang auf den Januar rückte, blieb der Name trotzdem stehen. Dasselbe gilt für Oktober, November und Dezember, die ebenfalls zwei Positionen danebenliegen. Dreimal wurde der September umbenannt, von Caligula, von Domitian und von Commodus. Jedes Mal holte man den alten Namen zurück, sobald der Kaiser tot war.
Was waren die Ludi Romani?
Die Ludi Romani waren die ältesten und wichtigsten Spiele Roms, gefeiert zu Ehren des Iuppiter Optimus Maximus. Sie füllten etwa die Hälfte des Monats, vom 5. bis zum 19. September. Zuerst liefen neun Tage Theateraufführungen, dann folgten am 13. September das Göttermahl auf dem Kapitol, am 14. die Musterung der Ritterpferde und vom 15. bis 19. die Wagenrennen im Circus Maximus.
Was war das Epulum Iovis?
Das Epulum Iovis am 13. September war ein Festmahl für die Götter. Die Standbilder von Iuppiter, Iuno Regina und Minerva, der kapitolinischen Trias, wurden auf Speisesofas gelegt, den pulvinaria, und vor reich gedeckte Tafeln gebettet. Da Statuen nicht essen können, aßen die Priester des Kollegiums der septemviri epulones stellvertretend für sie.
Was war der clavus annalis, der Jahresnagel?
Am 13. September schlug der höchste Beamte Roms einen Nagel in die Wand des kapitolinischen Tempels, und zwar in die Kapelle der Minerva. Der Grund: Minerva galt als Erfinderin der Zahlen. In einer Zeit, in der nur wenige lesen und schreiben konnten, war diese Wand voller Nägel die Jahreszählung der Republik. In Notzeiten wurde der Ritus auch als Abwehrmaßnahme gegen Seuchen wiederbelebt, dann ernannte Rom eigens einen Diktator für diese einzige Handlung.
Warum steht ein ägyptischer Obelisk auf dem Marsfeld?
Augustus ließ ihn nach der Eroberung Ägyptens aus Heliopolis nach Rom bringen und als Zeiger einer riesigen Anlage aufstellen, des Horologium. Bronzelinien im Pflaster zeigten Mittag und Jahreszeit an. Die verbreitete Vorstellung, der Schatten habe an seinem Geburtstag exakt die Ara Pacis getroffen, geht auf eine These aus den 1980er Jahren zurück, die neuere Vermessungen widerlegt haben.
Wer war Livius Andronicus?
Livius Andronicus kam als Kriegsgefangener aus dem griechischen Tarent nach Rom, wurde Sklave und später freigelassen. Im Jahr 240 v. Chr. führte er bei den Ludi Romani erstmals ein Stück nach griechischem Vorbild in lateinischer Sprache auf. Damit gilt er als Begründer der lateinischen Literatur. Er übersetzte auch die Odyssee ins Lateinische.
Was war die equorum probatio?
Am 14. September mussten die Angehörigen des römischen Ritterstandes ihre Pferde vorführen. Beamte prüften Haltung, Gang und Zustand der Tiere. Wer die Anforderungen nicht erfüllte, konnte seinen Rang verlieren, denn der Ritterstand war an Vermögen, Lebensführung und ein taugliches Pferd gebunden.
Wie liefen die Wagenrennen im Circus Maximus ab?
Ein Renntag begann mit der pompa circensis, einem Festzug vom Kapitol hinunter zum Circus, bei dem auch die Götterbilder mitgetragen wurden. Gefahren wurden sieben Runden um den Mittelstreifen, die spina. Die Wagenlenker banden sich die Zügel um den Leib und trugen ein Messer am Gürtel, um sich bei einem Sturz freizuschneiden. Einen solchen Sturz nannte man naufragium, Schiffbruch.
Warum kam Asklepios als Schlange nach Rom?
Um 293 v. Chr. wütete in Rom eine Seuche. Die Sibyllinischen Bücher rieten, den Heilgott Asklepios aus Epidauros zu holen. Nach der Überlieferung erschien der Gott als Schlange und ging freiwillig an Bord des römischen Schiffs. Auf dem Tiber verließ die Schlange das Schiff und schwamm zur Insel. Der Tempel wurde nach den Quellen am 1. Januar geweiht. Der im Kalender des Filocalus verzeichnete 11. September bezieht sich vermutlich auf eine spätere Erneuerung.
Was ist die Vindolanda-Tafel der Claudia Severa?
Es handelt sich um eine Geburtstagseinladung auf einem dünnen Holztäfelchen, gefunden im römischen Kastell Vindolanda in Nordengland. Claudia Severa lud darin ihre Freundin Sulpicia Lepidina zum 11. September ein. Der Hauptteil stammt von einem Schreiber, die Schlussgrüße schrieb sie eigenhändig dazu. Der Text gilt als eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse einer Frauenhand in lateinischer Sprache.
Welche Kaiser wollten den September nach sich benennen?
Tiberius lehnte den Vorschlag ab. Caligula benannte den Monat nach seinem Vater Germanicus, was Sueton ausdrücklich berichtet. Domitian führte denselben Namen ein Jahrhundert später noch einmal ein, diesmal nach seinem eigenen Siegerbeinamen, bis er 96 n. Chr. ermordet wurde. Commodus benannte 192 alle zwölf Monate nach seinen Titeln um; welchen Namen der September dabei bekam, geben die Quellen unterschiedlich an, die Historia Augusta nennt Hercules, Cassius Dio nennt Augustus. Nach dem Tod jedes dieser Kaiser wurden die Namen wieder getilgt.
Quellen und weiterführende Literatur
Dieser Beitrag stützt sich auf antike Schriftquellen, Inschriften und Kalendersteine sowie moderne Forschung. Wo die Überlieferung unsicher ist oder eine These umstritten, ist das im Text kenntlich gemacht.
Antike Autoren
Livius, Ab urbe condita. Grundlegend für die evocatio der Iuno Regina aus Veii, für das Gelübde des Romulus an Iuppiter Stator, für den Jahresnagel und die Einführung des Theaters durch Livius Andronicus.
Ovid, Metamorphosen. Erzählt ausführlich die Fahrt des Asklepios in Schlangengestalt von Epidauros nach Rom.
Plinius der Ältere, Naturalis Historia. Beschreibt das Horologium auf dem Marsfeld und die Aussetzung der Schaltjahre unter Augustus.
Macrobius, Saturnalia. Überliefert die Kalenderreform, den Zählfehler der Pontifices und zahlreiche Einzelheiten zum Festkalender.
Sueton, Kaiserviten. Liefert die Ablehnung des Tiberius, die Streichung des Actium-Feiertags durch Caligula und Angaben zu den Umbenennungen.
Tacitus, Annalen. Berichtet über den Prozess gegen Marcus Scribonius Libo Drusus und die Dankbeschlüsse des Senats.
Cassius Dio, Römische Geschichte. Bezeugt unter anderem die vergoldete Statue der Kleopatra im Tempel der Venus Genetrix.
Festus, De verborum significatu. Bezeugt Einzelheiten zu Kulten und Festbegriffen.
Columella, De re rustica. Landwirtschaftliches Handbuch des ersten Jahrhunderts n. Chr., Grundlage für den Eintrag zur Weinlese am 5. September.
Inschriften, Kalender und Sachquellen
Fasti Antiates, Fasti Praenestini und weitere römische Kalendersteine. Sie verzeichnen die Festtage, Weihetage und die Spieltermine des September.
Kalender von Filocalus, 354 n. Chr. Belegt die 24 Wagenrennen zum Geburtstag des vergöttlichten Augustus noch im vierten Jahrhundert.
Feriale Duranum. Der Festkalender einer römischen Einheit im syrischen Dura Europos, die wichtigste Quelle für Kaisergeburtstage und Gedenktage im Militär.
Ara Narbonensis, CIL XII 4333. Die Inschrift aus Narbo regelt Ablauf und Verteilung von Wein und Weihrauch am Geburtstag des Augustus.
Vindolanda-Tafeln, insbesondere Tafel II 291. Die Geburtstagseinladung der Claudia Severa an Sulpicia Lepidina, mit eigenhändigem Schlussgruß.
Militärinschriften aus Noricum und Germania Inferior. Belegen Weihungen an Kaisergeburtstagen in den Grenzprovinzen.
Moderne Forschung
William Warde Fowler, The Roman Festivals of the Period of the Republic. London 1899. Das klassische Standardwerk zum römischen Festkalender.
Howard H. Scullard, Festivals and Ceremonies of the Roman Republic. London 1981. Umfassende Darstellung der römischen Feste.
Mary Beard, John North, Simon Price, Religions of Rome. Cambridge 1998. Maßgebliches Werk zur römischen Religion in zwei Bänden.
Daryn Lehoux, Astronomy, Weather, and Calendars in the Ancient World. Cambridge 2007. Grundlegend zu den parapegmata, den astronomisch-landwirtschaftlichen Kalendern.
Edmund Buchner, Die Sonnenuhr des Augustus. Mainz 1982. Die klassische Darstellung der Horologium-These, deren zentrale Annahme durch spätere Vermessungen widerlegt wurde.
Hinweis zur Horologium-Debatte
Die verbreitete Vorstellung, der Schatten des Obelisken habe am Geburtstag des Augustus die Ara Pacis erreicht, geht auf Edmund Buchners Rekonstruktion aus den 1980er Jahren zurück. Neuere geologische Bohrungen, unabhängige Neuvermessungen des erhaltenen Meridianrests und astronomische Simulationen haben ergeben, dass Buchners Positionierung um mehrere Meter abwich und die These in dieser Form nicht haltbar ist. Der Beitrag folgt dem neueren Forschungsstand und erzählt die alte These als das, was sie ist: eine besonders elegante Hypothese.
Über die Autorin:
Salvete! Mein Name: Manuela Priess und mich interessiert an der römischen Geschichte vor allem das, was oft zwischen den großen Daten und bekannten Namen liegt: der Alltag, die kleinen Details und die Geschichten hinter der Geschichte. Ich schreibe über Themen, die in der Antike verwurzelt sind und bis in unseren heutigen Alltag hineinreichen. Meine Texte sind quellenbasiert, verständlich erzählt und dort, wo es passt, mit eigenen Erfahrungen aus vielen Jahren Reenactment verbunden. Besonders intensiv habe ich mich viele Jahre lang mit römischer Frisurenmode und Blumen in der Antike beschäftigt, in Workshops auf Museumsevents und bei Vorträgen in römischen Museen. Im Römer Shop leite ich den Servicebereich und begleite unsere Kundinnen und Kunden mit Rat, Erfahrung und einem Blick für die Geschichte hinter dem Produkt. Mein Ziel ist es, römische Geschichte so zu beschreiben, dass sie nicht im Museum stehen bleibt, sondern im Alltag und im Kopf lebendig wird.
Also Augen zu, historisches Kopfkino an...