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Iunius — Zwischen ritueller Sauberkeit, betrunkenen Flöten und dem großen Finale

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Iunius — Zwischen ritueller Sauberkeit, betrunkenen Flöten und dem großen Finale - Iunius - römischer Juni: Vestalinnen & Mater Matuta | Der Römer Shop

Iunius — Drei Göttinnen, das ewige Feuer der Vesta und ein Dichter, der verstummt

Wie war der Juni im antiken Rom?

Das Wichtigste in Kürze

Der römische Juni, lateinisch Iunius, war der Monat der Reinigung und der Schwellen. Sein Name geht auf Iuno zurück, die Schutzgöttin Roms, auch wenn schon der Dichter Ovid die Göttinnen Iuno, Iuventas und Concordia darum streiten ließ, welche von ihnen den Monat benennen dürfe. Im Zentrum stand die Vesta, Göttin von Herd und ewigem Feuer Roms. Ihre Vestalinnen, sechs jungfräuliche Priesterinnen unter dem Pontifex Maximus, begingen vom 7. bis 15. Juni die heilige Woche der Vestalia. In dieser Zeit stand das öffentliche Leben still: keine Hochzeiten, keine Verträge, keine Reisen. Erst als die Vestalinnen am 15. Juni den rituellen Unrat aus dem Tempel getragen hatten, ein Tag, den fünf Buchstaben markieren, Q.S.T.D.F., durfte Rom wieder anfangen. Der Juni kannte aber auch das andere Extrem: betrunkene Flötenspieler, die in Masken durch die Stadt zogen, ein Volksfest der Glücksgöttin Fors Fortuna mit bekränzten Booten auf dem Tiber, und Mütter, die am Forum Boarium für die Kinder ihrer Schwestern beteten. Am 30. Juni endet im Tempel der Musen das sechste Buch von Ovids Fasti, mitten im Werk, abgebrochen durch die Verbannung des Dichters. Warum eine Göttin vor Gänsen warnte, weshalb der römische Eid bis heute in unseren Gerichtssälen nachhallt und wieso die Esel Roms an einem Tag im Juni frei hatten: Das zeigt dieser Beitrag.

Drei Göttinnen, zehn Feste und der Monat, in dem Ovid aufhörte zu schreiben

Es ist Mai, kurz vor dem Monatswechsel, und auf dem Olymp wird gestritten. Drei Göttinnen wollen wissen, nach wem der kommende Monat benannt wird.

Iuno, die Königin der Götter, Gemahlin Jupiters, macht den Anfang. Der Monat gehöre ihr, sagt sie, schon der Name Iunius verrate das. Iuventas, die Göttin der Jugend, widerspricht. Und Concordia, die Göttin der Eintracht, mischt sich ebenfalls ein. Drei Göttinnen, ein Monat, kein Schiedsspruch.

Mittendrin steht der Dichter, der das alles aufschreiben soll: Ovid. Er hat sich vorgenommen, das römische Festjahr in Versen zu erklären, Monat für Monat, Fest für Fest. Sein Werk heißt Fasti, der Festkalender. Und ausgerechnet beim Juni gerät er in die Bredouille, denn drei mächtige Göttinnen erheben Anspruch auf denselben Monat, und keine lässt sich gern enttäuschen.

Ovid löst das Problem auf die einzige kluge Weise, die ihm bleibt. Er entscheidet sich nicht. Er hält fest, was jede der drei vorbringt, und zieht sich elegant aus der Affäre. Plus laedunt, quam iuvat una, duae, schreibt er, sinngemäß: Zwei zu verärgern schadet mehr, als einer zu gefallen nützt. Wer das Urteil des Paris kennt, den Jüngling, der zwischen drei Göttinnen wählen musste und damit den Trojanischen Krieg auslöste, versteht Ovids Vorsicht.

Mit dem Mai gingen die gespenstischen Nächte der Lemuren zu Ende, die ruhelosen Toten waren zurück in ihre Welt gebannt. Der Juni beginnt, und mit ihm kehrt das Leben in normale Bahnen. Ab dem 15. Juni durften die Römer wieder heiraten. Doch davor lag eine Woche, in der die ganze Stadt den Atem anhielt.

Es ist ein Monat mit zehn großen Festen, mit drei streitenden Göttinnen am Anfang und einem Dichter, der am 30. Juni unvermittelt verstummt. Was dazwischen liegt, beginnt schon am ersten Tag ungemütlich. Mit warnenden Gänsen, einem gekreuzigten Hund und einem Sturm, der seinen eigenen Altar hat.

Iuno, Iuventas, Concordia: Was die Sprache verrät

Iuno, Iuventas, Concordia: Was die Sprache verrät

Iuno, Iuventas, Concordia: Was die Sprache verrät

Sehen wir uns die drei Bewerberinnen genauer an, denn jede hat ein ernstzunehmendes Argument.

Iuno ist die mächtigste der drei. Königin der Götter, Gemahlin und Schwester Jupiters, Schutzgöttin Roms. Sie wacht über Ehe, Geburt und das Leben der Frauen. In ihrer Gestalt als Iuno Regina thront sie auf dem Kapitol, in ihrer Gestalt als Iuno Lucina hilft sie bei Geburten. Wenn ein Monat nach ihr benannt wäre, hätte niemand Grund, sich zu wundern.

Iuventas ist die Göttin der Jugend, das römische Gegenstück zur griechischen Hebe. Sie steht für die Jugendkraft, für den Übergang vom Knaben zum Mann, der in Rom mit dem Anlegen der Männertoga gefeiert wurde. Ihr Tempel wurde 191 vor Christus geweiht, wie Livius berichtet. Ihr Argument: Der Name Iunius könnte ebenso gut von iuvenis kommen, dem jungen Mann, wie der Name des Vormonats Maius vielleicht von den maiores, den Älteren, herrührt.

Concordia schließlich ist die Göttin der Eintracht, der politischen und gesellschaftlichen Harmonie. Ihr ältester Tempel soll 367 vor Christus von Camillus gestiftet worden sein, zur Versöhnung der verfeindeten Stände in Rom. Ihr Anspruch ist der schwächste der drei, aber sie bringt ihn dennoch vor.

Was sagt die Sprachwissenschaft? Die wahrscheinlichste Herleitung ist tatsächlich die von Iuno. Das Adjektiv Iunius, also der der Iuno geweihte Monat, geht auf dieselbe indogermanische Wurzel zurück wie der Name der Göttin selbst, vermutlich auf eine Wurzel rund um yeu-, die mit Lebenskraft und Jugend zu tun hat. Damit hätten am Ende sogar Iuno und Iuventas beide ein bisschen recht, denn ihre Namen sind sprachlich verwandt.

Ovid hatte also keinen schlechten Instinkt, als er sich vor einem Urteil drückte. Die Sprache selbst gibt keiner der Göttinnen einen restlos eindeutigen Sieg.

Im Deutschen hieß der Juni lange Brachmonat oder Brachet. Der Name stammt aus der Dreifelderwirtschaft: Rund um den Johannistag, den 24. Juni, wurden die brachliegenden Felder umgebrochen und gepflügt. Erst im 16. Jahrhundert setzte sich allmählich das von Iuno abgeleitete Juni durch, zunächst in der Kanzleisprache. Die heutige Form Juni entstand im 18. Jahrhundert aus dem lateinischen Genitiv Iunii.

Die Feste des Iunius auf einen Blick

Datum Fest Gottheit Worum es ging 2.000 Jahre später
1. Juni Kalendae Iuniae Iuno Moneta, Carna, Tempestates Warnung, Schutz der Türschwellen und Abwehr der Stürme, Bohnen mit Speck zum Auftakt Das Wort Moneten erinnert bis heute an Iuno Moneta
3. Juni Bellona Bellona Kriegsgöttin, vor deren Säule symbolische Kriegserklärungen vollzogen wurden Mark Aurel begann hier den Markomannenkrieg
5. Juni Dius Fidius Semo Sancus Dius Fidius Gott der Eide und Verträge, Schwüre im Tempel mit dem Loch im Dach Klingt nach im Schwur "So wahr mir Gott helfe"
7. Juni Ludi Piscatorii Vater Tiber, Vulcanus Fischerfest, bei dem der Fang ins Feuer geworfen statt gegessen wurde Frühe Form ritueller Opfergaben statt Verzehr
7. bis 15. Juni Vestalia Vesta Heilige Woche der Vesta, Pflege des ewigen Feuers, Pilgerung der Matronen Vorbild weiblicher Sakraltraditionen
11. Juni Matralia Mater Matuta Göttin des Frühlichts, Mütter beteten für die Kinder ihrer Schwestern Die besondere Rolle der Tante in der Familie
13. bis 15. Juni Quinquatrus Minusculae Minerva (für die Tibicines) Maskenumzug der Flötenspieler in langen Festgewändern, drei Tage Karneval Verwandt mit späteren Masken- und Umzugstraditionen
15. Juni Q.ST.D.F. Vesta Ritueller Tempelputz, danach waren Hochzeiten und Geschäfte wieder erlaubt Das Prinzip vom reinen Tisch vor dem Neuanfang
24. Juni Fors Fortuna Fors Fortuna Volksfest der Glücksgöttin am Tiber, Boote, Wein, Sklaven und Freie gemeinsam Sommerfeste am Wasser und die Idee des launischen Glücks
27. Juni Lares praestites und Iuppiter Stator Lares praestites, Iuppiter Stator Schutzgeister der Stadt und der Gott, der die fliehenden Krieger zum Stehen brachte Sinnbilder für Schutz und Standhaftigkeit
30. Juni Aedes Herculis Musarum Hercules Musagetes und die neun Musen Tempel der Musen, an dem Ovids Fasti abrupt enden Wichtigste literarische Quelle zum römischen Festkalender

1. Juni — Iuno warnt, Carna schützt, der Sturm hat seinen eigenen Altar

Gänse, Moneten und ein Weißdornzweig

Es ist Sommer 390 vor Christus. Auf dem Kapitol schlafen die Hunde.

Eine kleine römische Garnison hält die Burg, alles andere liegt unten in der Stadt, und unten in der Stadt sind die Gallier. Brennus hat Rom überrannt, die Stadt brennt seit Tagen. Nur der Kapitolshügel ist noch römisch. Die Männer dort oben warten. Sie wissen, dass die Gallier kommen werden.

Sie kommen in der Nacht.

Lautlos, an einer Stelle, wo der Hang fast unmöglich zu erklimmen ist. Krieger nach Krieger zieht sich am Felsen hoch. Sie sind fast oben. Die Hunde der Burg merken nichts. Die Hunde schlafen. Aber die Gänse nicht.

Sie sind heilig, das war jedem in Rom klar, heilige Tiere der Iuno, der Königin der Götter. Niemand hatte sie selbst in der Hungersnot der Belagerung geschlachtet. Und jetzt zahlt sich das aus. Eine der Gänse hört etwas. Sie schreit. Dann schreien sie alle.

Marcus Manlius wacht auf. Er greift zum Schwert, läuft zur Mauer, sieht den ersten Gallier gerade über den Rand klettern, und stößt ihn zurück. Der Mann fällt, reißt die anderen mit. Die ganze Stoßtruppe stürzt den Hang hinunter. Rom ist gerettet.

Manlius bekommt den Beinamen Capitolinus. Die Gänse werden zu Symboltieren der Stadt. Und die Hunde? Die Hunde hatten ihren Job nicht gemacht. Plinius berichtet ohne Umschweife, was Rom mit ihnen anstellte: Jedes Jahr im August wurde rituell ein Hund gekreuzigt. Strafe für ein Versagen vor über vierhundert Jahren. So lange dauern römische Erinnerungen.

Was das mit dem 1. Juni zu tun hat?

Vierundvierzig Jahre nach der Brennus-Episode, im Jahr 344 vor Christus, gelobt der Konsul Lucius Furius Camillus im Krieg gegen die Aurunker einen Tempel. Die Empfängerin: Iuno, diesmal in einem speziellen Aspekt. Iuno Moneta, die Warnerin. Von monere, mahnen. Die Göttin, deren Gänse einst rechtzeitig warnten.

Der Tempel kommt aufs Kapitol, an die Stelle, wo der Sage nach das Haus des Manlius gestanden hatte. Tempelweihtag: 1. Juni. Und jetzt wird es kurios.

Direkt neben dem Tempel, in derselben Baugruppe, richtet Rom irgendwann seine Münzprägestätte ein. Niemand weiß heute mehr ganz genau, wann, vielleicht schon im 3. Jahrhundert vor Christus. Münzen aus dem Heiligtum der Iuno Moneta. Münzen unter dem Schutz der Warnerin. Münzen, die nach dem Beinamen der Göttin benannt werden.

Moneta. Die Münze.

Im Italienischen heißt Münze bis heute moneta. Im Englischen wurde aus moneta das money. Im Französischen monnaie. Im Deutschen sagen wir umgangssprachlich noch immer Moneten. Wenn jemand auf seinem Konto rote Zahlen schreibt und seufzt "Mir fehlen die Moneten", dann ruft er, ohne es zu wissen, eine römische Göttin an. Iuno Moneta. Sie hört vermutlich nicht mehr. Aber ihren Namen tragen wir weiter, jeden Tag, jedes Mal, wenn wir bezahlen.

Während oben auf dem Kapitol die Priester der Iuno Moneta opfern, geschieht in den Häusern der Stadt etwas anderes. In einer engen Gasse der Subura, im dritten Stock einer Insula, geht eine Mutter mit einem Weißdornzweig zum Türrahmen. Sie klemmt ihn an einer bestimmten Stelle fest, dann an die Fensterläden. Drei Stück. Vier. Sie hat sich beeilen müssen, der Vormittag ist schon weit. Aber heute ist es wichtig. Heute ist der Tag der Carna.

Carna ist keine prominente Göttin. Manche Quellen schreiben Cardea, andere Carna, Ovid und Macrobius vermischen beide Namen. Für was sie zuständig ist, ist seltsam spezialisiert: die Türangeln und die inneren Organe. Cardo, die Angel. Caro, das Fleisch. Sie wacht darüber, dass Türen schließen, und dass Herz, Leber und Lunge funktionieren. Klingt nach einer wundersamen Mischung. Ist aber genau deshalb wichtig: weil ein Haus, in dem die Türen nicht halten, kein Schutz mehr bietet. Und weil ein Körper, in dem die Organe nicht arbeiten, kein Leben mehr trägt.

Ovid erzählt eine Geschichte zu Carna, die typisch ovidisch ist. Sie war einst die Nymphe Cranaë. Männer wollten sie. Sie lockte jeden Verehrer in den Wald, sagte ihm, dort warte sie, und verschwand. Dann kam Janus. Der Doppelgesichtige. Der Gott, der nach hinten und nach vorne gleichzeitig schaut. Sie konnte ihn nicht überlisten. Er bekam sie. Und gab ihr danach als Geschenk: Macht über alle Türangeln Roms, dazu einen Weißdornzweig als Schutzwaffe. Schutzwaffe wogegen?

Hier wird es düster. Die Striges ziehen durch Roms Nachthimmel. Eulen-Hexen, sagen die einen. Zauberinnen, die sich in Eulen verwandeln können, sagen die anderen. Was sicher ist: Sie greifen Säuglinge an. Sie kommen durch unverriegelte Fenster, durch offene Spalten, durch die Ritzen zwischen den Holzläden. Sie setzen sich auf das schlafende Kind und saugen ihm Blut aus.

Was Rom über diese Wesen erzählte, klingt für moderne Ohren nach Horror. Für die Mutter in der Subura war es ernst. Sie hat ein Kind, das nicht alleine schlafen darf. Heute klemmt sie Weißdorn an die Türrahmen, weil Janus es Carna geschenkt hat und Carna es allen weitergegeben hat. Die Hexenvögel werden den Zweig nicht überqueren können. So glaubt sie es. So glaubten es ihre Mutter und Großmutter. Vielleicht ist es Aberglaube. Vielleicht ist es Vorsicht. Beides nimmt man im Juni nicht auf die leichte Schulter. Wenn sie fertig ist mit dem Weißdorn, geht sie in die Küche. Auf dem Herd köchelt das, was an diesem Tag zur Pflicht gehört: Bohnen und Speck. Die Kalendae fabariae, das Bohnenfest. Macrobius beschreibt es nüchtern: An den Kalenden des Juni isst man Bohnen mit Speck. Punkt. Bohnen, die im Mai noch Speise der Toten waren, sind jetzt Schutznahrung. Speck dazu, damit die Innereien arbeiten. Carna soll zufrieden sein, dass im Haus jemand nach der alten Ordnung lebt.

Vor der Porta Capena, am südlichen Stadtrand, steht noch ein dritter Altar. Klein, weniger besucht, oft übersehen. Der Tempel der Tempestates. Der Sturmgöttinnen. Lucius Cornelius Scipio, Konsul des Jahres 259 vor Christus, hat ihn gelobt, nachdem er bei der Insel Korsika in einen Seesturm geriet und überlebte. Was die Tempestates genau taten, ob sie Stürme auslösten, ob sie sie abwehrten, ob sie beides konnten, sagen die Quellen nicht eindeutig. Ovid widmet ihnen drei Verse, mehr nicht. An ihrem Tempelweihtag, vermutlich dem 1. Juni, bringt jemand vom Pontifikalkollegium ein Opfer. Es ist kein großes Fest, kein Volkslauf, keine Prozession. Drei Sätze in einer Inschrift, ein knapper Vermerk im Kalender. Aber der Altar steht da. So sieht ein römischer 1. Juni aus.

Oben auf dem Kapitol: Iuno Moneta, die Gänse-Göttin, Schutzpatronin der Münze. Drinnen in den Häusern: Carna, die Wächterin über Türen und Innereien, mit ihrem Weißdorn gegen die Hexen. Draußen am Stadtrand: ein kleiner Sturm-Altar für die, die das Meer überstanden haben.

Drei Götter, drei Welten, und alle drei wachen über etwas, das nicht selbstverständlich ist. Dass die Stadt nicht überfallen wird. Dass das Kind die Nacht überlebt. Dass das Schiff zurückkehrt.

Der Juni fängt nicht harmlos an. Er fängt vorsichtig an.

3. Juni — Bellona: Blut, ein Speer und ein Krieg, der noch nicht erklärt ist

Der Fetialis wirft den blutigen Speer über die Columna bellica

Es ist der 3. Juni des Jahres 178 nach Christus. Mark Aurel ist Kaiser. Aber heute, an diesem späten Vormittag, steht er nicht im Senat. Er steht im Campus Martius, außerhalb der Stadtmauer, vor einem Tempel, den fast fünfhundert Jahre vor ihm ein anderer gelobt hat, Appius Claudius Caecus, im Krieg gegen die Samniten. Der Tempel der Bellona.

Vor dem Tempel: eine kleine Säule aus Stein. Niedriger als ein Mann, gedrungen, fast unscheinbar. Die Columna bellica. Wer nicht weiß, was sie bedeutet, geht an ihr vorbei. Wer weiß, was sie bedeutet, geht nicht freiwillig in ihre Nähe. Heute geht jemand sehr bewusst in ihre Nähe.

Der Mann ist ein fetialis. Diplomatenpriester. Eines der ältesten Priesterämter Roms, das es schon zu Zeiten der Könige gab. Sein Kollegium ist klein, zwanzig Männer. Was sie tun, hat das ganze Reich seit Jahrhunderten begleitet: Verträge schließen, Verträge brechen, Frieden besiegeln, Krieg erklären. Letzteres ist heute dran.

Die Markomannen, ein germanischer Stamm jenseits der Donau, haben gegen Rom verstoßen. Was genau passiert ist, interessiert die Historiker bis heute, vermutlich Grenzverletzungen, vielleicht Bündnisbruch. Egal. Der Senat hat entschieden. Mark Aurel hat zugestimmt. Krieg. Aber damit es ein römischer Krieg ist, mit den Göttern auf der eigenen Seite, bellum iustum, ein gerechter Krieg, muss er ausgesprochen werden. Nicht in einem Brief. Nicht in einer Rede. Mit einer Geste. Mit einem Speer.

Der Fetialis hält ihn in der rechten Hand. Eisenspitze, Schaft aus Hartholz, Spitze rot bemalt, hasta sanguinea, blutiger Speer. Er nimmt Anlauf. Drei Schritte. Vier. Dann schleudert er die Waffe über die Columna bellica nach Norden. Über die Säule hinweg. Durch die Luft. In die Erde dahinter. Genau dort, hinter der Säule, beginnt symbolisch das Feindesland. Es ist nicht wirklich Germanien, es ist Rom. Es ist ein Quadratmeter Erde im Campus Martius. Aber durch die Geste des Wurfes ist es Germanien geworden. Der Speer hat den Krieg eröffnet. Die Markomannen sind angegriffen, auch wenn sie tausend Kilometer entfernt davon noch nichts wissen. Mark Aurel sieht zu. Die Senatoren neben ihm. Das ganze Ritual dauert weniger als eine Minute.

So hat Rom Krieg erklärt, jahrhundertelang. Im 4. Jahrhundert vor Christus, als die Etrusker noch Nachbarn waren und nicht Provinz. Im 3. Jahrhundert, als Karthago vor der Tür stand. Im 2. Jahrhundert, als Hannibal endlich besiegt war und Rom sich nach Osten wandte. Immer derselbe Ablauf, immer dieselbe Säule. Aber etwas hat sich verändert. Schon lange.

Rom ist groß geworden. Zu groß. Als Pyrrhus aus Epirus 280 vor Christus gegen Rom zog, war es noch möglich, dass ein Fetialis mit dem Speer dorthin reiste, wo der Feind war, und ihn dort an der Grenze in den Boden steckte. Aber als Caesar gegen Vercingetorix kämpfte, war Gallien zu weit. Als Augustus gegen die Germanen vorging, war die Donau zu fern. Was tun?

Die Lösung war pragmatisch und sehr römisch zugleich. Wenn das Feindesland zu weit weg ist, bringt man es eben her. Ein Stück Erde, vor der Bellona-Säule, wird symbolisch zum Land des Feindes erklärt. Wirft man den Speer darüber, ist die Erklärung vollzogen. Krieg ist Krieg, ob die Markomannen es wissen oder nicht. Es ist ein Trick. Es ist gleichzeitig kein Trick. Für die Römer hatte die Form Bedeutung, nicht nur der Inhalt. Wenn die Geste richtig ausgeführt war, war der Krieg legitim. Die Götter waren einverstanden. Bellona war einverstanden.

Letzter belegter Vollzug dieser Geste: das Jahr 178 nach Christus. Mark Aurel und die Markomannen. Danach verlieren sich die Spuren. Im 3. und 4. Jahrhundert finden sich kaum noch Hinweise auf das Fetialen-Ritual. Vielleicht wurde es noch praktiziert, aber niemand schrieb mehr darüber. Vielleicht hatte das christianisierte Rom keinen Bedarf mehr an heidnischen Speerwürfen. Vielleicht war Krieg so alltäglich geworden, dass man die Zeremonie aufgab.

Was bleibt, ist die Geste selbst. Eine kleine Säule. Ein Speer. Eine symbolische Grenze. Ein Krieg, der durch einen Wurf beginnt.

Während der Fetialis seinen Speer wirft, ist eine andere Szene unweit von ihm im Gange. Innen im Tempel, oder vielleicht im Tempelbezirk drumherum, die Quellen sind nicht ganz präzise. Da sind die Bellonarii. Die Priester der Bellona im engeren Sinne. Eine Gemeinschaft, die mit dem politischen Akt des Speerwurfs wenig zu tun hat, aber alles mit der Göttin. Sie sind in Trance. Sie tragen schwarze Gewänder. In den Händen halten sie Doppeläxte und Messer. Und sie schneiden sich selbst. In Arme. In Beine. In die Brust. Nicht tief, keine tödlichen Wunden. Aber lang genug, dass Blut fließt. Das Blut sammeln sie auf, in flachen Schalen, und gießen es auf den Altar. Das ist Bellonas Opfer. Ihr Blut für ihres.

Dies sanguinis, nennen die Quellen diesen Tag. Tag des Blutes. Tibull schreibt darüber, in seinen Elegien. Lactanz, der christliche Apologet, schreibt empört darüber, Jahrhunderte später. Beide bestätigen: Das passierte wirklich. Männer schnitten sich selbst, in religiöser Ekstase, vor dem Tempel oder im Tempel der Kriegsgöttin.

Es klingt fanatisch. Es war es vermutlich auch. Die Bellonarii waren am Rand der römischen Religion, geduldet, manchmal beäugt, nicht im Zentrum des Staatskults. Aber sie waren da. Jedes Jahr am 3. Juni. Und ihre Wunden waren echt.

Mark Aurel verlässt nach der Zeremonie den Campus Martius. Hinter ihm bleibt die Säule, der Tempel, die Bellonarii. Die Markomannen werden noch nicht wissen, dass sie soeben angegriffen wurden. Die nächsten Jahre werden lang. So funktionierte Rom. Krieg wurde nicht erklärt, indem man ihn ankündigte. Krieg wurde erklärt, indem man eine Geste vollzog. Und die Geste fand vor einer kleinen Säule statt, im Schatten eines Tempels, an einem Tag im Juni, vor einer Göttin, deren Priester sich selbst aufschnitten, damit sie zufrieden war.

Drei Tage vorher hatte Carna Säuglinge vor Eulen-Hexen geschützt. Heute schickte der Fetialis einen Speer Richtung Germanien.

Der Juni hat viele Tonarten.

5. Juni — Dius Fidius: Wie ein römischer Eid bis heute geschworen wird

Tempel des Dius Fidius auf dem Quirinal mit dem Loch im Dach

Auf dem Quirinal, im westlichen Teil des Hügels, steht an diesem Vormittag des 5. Juni ein Tempel, in dessen Dach ein Loch ist. Kein Schaden. Kein Bauunfall. Absicht. Das Loch ist da, damit der Himmel offen bleibt, über genau dem Punkt, an dem die Männer schwören.

Zwei von ihnen sind heute hier. Der eine ist Olivenhändler aus Ostia, der andere Olivenölproduzent aus dem Sabinerland. Sie haben einen Vertrag auszuhandeln. Es geht um die nächste Ernte. Hundert Amphoren, vereinbarter Preis, Lieferung im Spätsommer. Beide haben sich vor Tagen geeinigt, mündlich, mit Handschlag. Aber Handschlag reicht in römischen Geschäften nicht für Beträge dieser Größenordnung. Was reicht, ist ein Schwur. Und Schwüre dieses Gewichts gehören vor diesen Tempel.

Der Tempel ist dem Semo Sancus Dius Fidius geweiht. Drei Namen, eine Gottheit. Semo, eine altitalische Halbgottheit, vergleichbar mit den Lares. Sancus, der Geheiligte, von sancire, "heiligen". Dius Fidius, der Treue-Gott, von fides, "Treue". Den vollen Namen sprechen die wenigsten Römer aus. Im Alltag heißt er Dius Fidius. Manchmal nur Fidius.

Was er macht: Er hört zu, wenn Männer schwören. Und er sorgt dafür, dass sie ihr Wort halten. Die beiden Olivenhändler treten unter den Schacht im Dach. Der Olivenölproduzent hat einen Vertragstext bei sich, auf eine Wachstafel geschrieben, knapp und nüchtern. Der Käufer aus Ostia hat eine zweite Tafel, identisch. Sie lesen sich gegenseitig vor, was vereinbart ist. Sie nicken. Dann sprechen sie die Formel.

"Me Dius Fidius iuvet." - "So wahr mir Dius Fidius helfe."

Genau diese Worte. Genau in dieser Reihenfolge. Plautus hat sie in seinen Komödien wieder und wieder verwendet, Cicero in seinen Reden, Augustus in offiziellen Dokumenten. Sie ist nicht beliebig formuliert. Sie ist Formel. Wenn jemand sie spricht, hört Dius Fidius. Und wenn jemand sie spricht und danach lügt, ist Dius Fidius nicht mehr auf seiner Seite. Was das in der römischen Vorstellung bedeutete, war konkret: ein gebrochener Eid brachte Unglück. Kinder erkrankten. Geschäfte scheiterten. Die Familie verlor das Glück. Niemand wusste, wann es kommen würde. Aber es kam.

Deshalb das Loch im Dach. Dius Fidius wohnt nicht im Tempel wie andere Götter in ihren Kultbildern. Er hört vom Himmel her zu. Und ein Eid, der unter freiem Himmel gesprochen wird, kommt direkt bei ihm an, ohne den Umweg über Mauern oder Decken. Varro erklärt es nüchtern: Die Römer haben das Loch ins Dach gebaut, damit der Himmel über dem Schwörenden offen bleibt. Das hat etwas Schönes. Eine Architektur, die nicht versuchen will, einen Gott einzufangen, sondern Platz lässt für seine Anwesenheit. Nach dem Schwur kommt das Schwein.Foedus ferire, "einen Vertrag schlagen", ist der römische Ausdruck dafür, was nun passiert. Wir sagen heute noch "einen Vertrag schließen", und das ist sprachlich harmloser. Die Römer waren konkreter. Sie schlugen. Sie schlugen ein Schwein. Vor dem Tempel steht der Altar des Dius Fidius. Ein Priester führt das Tier herbei, kein großes Schwein, mittelgroß, jung. Der Olivenölproduzent legt seine Hand auf den Kopf des Tieres. Der Käufer auch. Beide Hände berühren das lebendige Schwein. Dann tritt der Priester vor, hebt einen Steinhammer, keinen rituell glänzenden, einen einfachen Werkzeughammer, denn die Tradition will es so, und schlägt zu. Das Schwein fällt. Sein Blut läuft über den Altar. Das ist der Vertrag. Nicht die Wachstafel. Die Wachstafel ist nur die Quittung. Der eigentliche Vertrag liegt im toten Schwein, im Blut, im gemeinsamen Schwur. Die beiden Männer haben jetzt mehr als ein Geschäft besiegelt, sie haben Dius Fidius zum Zeugen genommen. Wer von beiden den Vertrag bricht, bricht den Eid. Und wer den Eid bricht, hat das Schwein umsonst getötet.

In der römischen Welt gab es nur eine Sache, die schlimmer war als ein gebrochener Vertrag: ein gebrochener Eid. Verträge konnte man neu verhandeln. Eide hingegen waren absolute Bindungen. Wer sie brach, war infam, ehrlos. Niemand schloss mehr Geschäfte mit ihm. Niemand glaubte mehr seinem Wort. Manchmal nahm sich der Eidbrüchige selbst das Leben, nicht, weil das Gesetz es verlangte, sondern weil das soziale Leben für ihn ohnehin vorbei war.

Deshalb war der Tag des Dius Fidius wichtig. Am 5. Juni, dem Tempelweihtag, kamen besonders viele Schwurleistende. Wer einen wichtigen Vertrag plante, Erbschaftsregelungen, Landverkäufe, Heiratsabkommen, wartete oft auf diesen Tag, weil die Gegenwart der Gottheit dann besonders intensiv galt. Es war eine Art religiöser "Schlagtag" für die Vertragsbürokratie der Stadt. Aber das Erstaunlichste an Dius Fidius ist nicht, was im antiken Rom passierte. Das Erstaunlichste ist, was bis heute passiert. Wenn vor einem deutschen Gericht jemand als Zeuge vereidigt wird, kann er wählen, entweder schwört er ohne religiöse Beteuerung oder mit der traditionellen Formel:

"So wahr mir Gott helfe."

Niemand denkt heute an Dius Fidius. Aber genau er steht in der direkten Linie zu dieser Formel. Im christianisierten Rom wurde aus "Me Dius Fidius iuvet" langsam "Me Deus iuvet", "So wahr mir Gott helfe". Aus dem römischen Treue-Gott wurde der christliche Gott. Der grammatische Aufbau blieb. Die Funktion blieb. Was sich änderte, war der Name.

Diese Verschiebung lässt sich in mittelalterlichen Eidesformeln nachverfolgen. Im 8. Jahrhundert findet sich in fränkischen Urkunden bereits "sic me Deus adiuvet", wörtlich "so möge mir Gott helfen". Im hochmittelalterlichen Deutsch: "so mir got helfe". Im modernen Deutsch: "So wahr mir Gott helfe". Sprachgeschichte ist ein Tunnel, der durch die Jahrtausende führt. Manchmal weiß man nicht, dass man durch ihn geht. Wer heute vor Gericht schwört, wer einen Amtseid leistet, wer als Notar einen feierlichen Eid spricht, der ruft eine Formel an, die in einem Tempel auf dem Quirinal entstanden ist. Mit einem Loch im Dach. Vor einem Gott, dessen vollen Namen kaum jemand mehr kennt.

Die beiden Olivenhändler verlassen den Tempel. Das Schwein wird zum Festmahl der Priester. Die beiden Wachstafeln werden archiviert. Wenn alles gut geht, kommt die Lieferung im Spätsommer wie versprochen.

Wenn es nicht gut geht, weiß Dius Fidius, wer schuld ist. Zweitausend Jahre später hört er noch immer zu...

7. Juni — Ludi Piscatorii: Wenn der Fang nicht in die Pfanne wandert

Römische Fischer am Tiber bringen ihren Fang zum Volcanal

Der Mann steht im hüfthohen Wasser des Tibers, gegenüber der Insel, in einer flachen Bucht, in der das Wasser ruhig fließt. Er zieht ein Netz ein, langsam, Hand über Hand. Hinter ihm, am Ufer, warten zwei Frauen und ein Junge. Die Frauen sortieren bereits den Fang vom Vormittag, kleine Aale, ein paar Karpfen, einen Hecht. Der Junge bekommt seinen ersten Aal in die Hand gedrückt und weiß noch nicht recht, wohin damit.

Es ist der 7. Juni. Vater Tiber hat heute seinen Tag.

Der Mann gehört zur Zunft der Fischer von Trastevere, dem rechten Tiberufer, jenseits der Stadt, dort, wo die Männer leben, die ihren Lebensunterhalt aus dem Fluss ziehen. Heute kommen sie nicht hierher, um Geld zu verdienen. Heute kommen sie, um Fische abzugeben.

Die Ludi Piscatorii sind eines der ältesten und gleichzeitig eines der schweigendsten Feste Roms. Sie haben keine Wagenrennen, kein Theater, keine Senatorenredezeit. Sie haben Fischer und einen Magistrat, den praetor urbanus, den Stadtprätor, der die Spiele eröffnet und beendet. Das ist alles. Was an diesem Tag passiert, ist nicht spektakulär. Es ist alt. So alt, dass selbst die Römer der Kaiserzeit nicht mehr sicher waren, warum sie es taten. Aber sie taten es. Jedes Jahr.

Der Mann legt sein Netz auf den Sand, hilft den Frauen beim Sortieren. Die größten Fische, die saubersten, die unversehrten, die kommen in einen separaten Korb. Der Korb ist für heute reserviert. Diese Fische werden nicht gegessen. Sie werden auch nicht verkauft. Sie werden zum Volcanal gebracht.

Das Volcanal ist einer der ältesten Kultorte Roms. Älter als der Tempel der Vesta, älter als das Forum in seiner heutigen Form, älter vielleicht als die Königszeit. Ein flacher Altar, ein kleiner offener Hof am Rand des Comitiums, dem politischen Versammlungsplatz. Hier wird Vulcanus geehrt, der Schmiede-Gott, der Feuer-Gott, der Gott, dem schon im Mai die Trompeten Roms zur Reinigung übergeben wurden. Wir sind ihm in diesem Beitrag das zweite Mal begegnet. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Römische Fischer am Tiber bringen ihren Fang zum Volcanal

Vulcanus' Verbindung zum Wasser ist ungewöhnlich. Götter teilen sich Aufgaben in Rom nach Funktionsbereich, und Wasser gehört Neptun. Aber Vulcanus hat eine eigene Beziehung zum Tiber, die niemand mehr ganz erklären kann. Vielleicht, weil Feuer und Wasser die beiden ältesten Gegensätze sind, die die Welt braucht. Vielleicht, weil Vulcanus in den ältesten römischen Vorstellungen nicht nur Schmied war, sondern eine umfassendere Naturmacht. Was sicher ist: Am 7. Juni gehört der Fang des Tibers Vulcanus.

Der Fischer aus Trastevere nimmt seinen Korb, geht den Tiber hinauf, überquert die Pons Sublicius, die alte Holzbrücke, an der noch im Mai die Argei-Puppen ins Wasser geworfen wurden, steigt am linken Ufer hinauf, durch das Velabrum, vorbei am Forum Boarium, bis er zum Comitium gelangt. Andere Fischer sind auch unterwegs. Sie nicken einander zu, sprechen kaum. Das Schweigen gehört dazu. Am Volcanal steht der Priester. Vor ihm: das Feuer. Klein, aber gleichmäßig genährt, wie es seit Jahrhunderten gepflegt wird. Der Fischer tritt vor. Er hebt seinen Korb. Der Priester nimmt einen der Fische heraus, den Aal vermutlich, den größten Karpfen, irgendeinen, den er für richtig hält, und legt ihn in die Flammen.

Der Fisch zappelt kurz. Dann verbrennt er. Es riecht intensiv. Nicht nach gebratenem Fisch, nach verkohltem. Niemand wird hier etwas essen. Niemand wird etwas mit nach Hause nehmen. Der Fang ist Vulcanus, und Vulcanus nimmt ihn als Feuer. So geht es Fisch für Fisch. Den ganzen Vormittag. Bis die Körbe leer sind. Warum tun sie das?

Hier kommt eine der schönsten Erklärungen der antiken Welt, und sie stammt von Plutarch, dem griechischen Schriftsteller, der zweihundert Jahre nach Christus über römische Bräuche schrieb. Plutarch fragt in seinen Quaestiones Romanae, den "römischen Fragen", genau das, was wir auch fragen: Warum verbrennen die römischen Fischer am 7. Juni ihren Fang?

Seine Antwort, kurz und überraschend:

pro animis humanis, "anstelle menschlicher Seelen"

Die Fische, sagt Plutarch, sind Ersatz. Stellvertretung. In ganz alter Zeit, in den dunklen Anfängen der römischen Religion, soll Vulcanus tatsächlich menschliche Brandopfer bekommen haben. Niemand kann das heute mehr belegen, und es ist klug, hier vorsichtig zu sein, die antiken Schriftsteller waren sich selbst nicht sicher, ob diese Ur-Praxis je wirklich existierte oder ob sie nur als Legende über die eigene Frühzeit kursierte. Was zählt, ist das, was die Römer der historischen Zeit darüber dachten: Sie glaubten, dass früher Menschen ins Feuer gingen, und dass irgendwann jemand, manchmal wird der König Numa Pompilius genannt, beschlossen hatte, das zu beenden. Stattdessen Fische. Stattdessen Tiere. Stattdessen Stellvertreter.

Es ist ein Reflexionsmoment, der typisch römisch ist. Die Römer haben ihre Riten nicht aufgegeben, weil sie altmodisch waren. Sie haben sie umgewandelt, und an die Stelle des Schrecklichen das Annehmbare gesetzt. Was bleibt, ist die Geste. Was verschwindet, ist die Grausamkeit. Plutarchs Erklärung lässt sich nicht endgültig beweisen. Manche Forscher meinen, die Fische seien einfach Erstlingsopfer gewesen, die ersten Fänge der Sommer-Saison, dem Gott der Hitze geweiht. Beide Erklärungen können richtig sein. Beide können falsch sein. Was sicher ist: Am 7. Juni eines jeden Jahres standen römische Fischer vor dem Volcanal, opferten ihren Fang ins Feuer und nahmen leere Hände mit nach Hause. Aber den Stolz der Pflicht.

Der Fischer aus Trastevere überquert auf dem Heimweg wieder die Pons Sublicius. Seine Körbe sind leer. Was er morgen fängt, gehört seiner Familie, dem Markt, dem Leben. Aber den Fang des 7. Juni hatte er nicht für sich. Den hatte er für etwas Älteres. Für eine Geste, die sich Rom bewahrt hat, lange nachdem niemand mehr wusste, warum. Wenn er nach Hause kommt, isst die Familie heute keinen Fisch. Es wird Brot geben, vielleicht ein paar Bohnen vom Vortag. Bohnen, wir erinnern uns an die Carna sechs Tage vorher. Im römischen Juni hängt eines mit dem anderen zusammen, auf Weisen, die niemand mehr ganz nachvollziehen kann.

Und in zwei Tagen beginnt die Vesta-Woche.

7. bis 15. Juni — Vestalia: Wenn die Esel Pause hatten

Es ist der 9. Juni, kurz nach Sonnenaufgang. Eine Frau verlässt ihr Haus auf dem Caelius, Sandalen lässt sie drinnen, das Haar trägt sie offen. Sie geht barfuß. Über den Pflastersteinen ist die Luft noch kühl, aber das Holzkohlenfeuer in den Bäckereien brennt schon, und der Geruch von frischem Brot zieht durch die Straßen.

Sempronia, Mitte vierzig, Frau eines Senators, drei Kinder, hat eine irdene Schale dabei. Darin: gekochte Hirse, ein Stück Brot, Käse. Keine Opfergaben aus Bronze, kein Wein, kein Honig. Was Vesta heute bekommt, ist "Hausmanskost". Speise vom heimischen Herd. Genau das, was die Göttin schützt.

Heute ist Hauptfesttag der Vestalia, der jährlichen Festwoche für Vesta. Sie war die Göttin des Herdes und des heiligen Feuers, das jedes römische Haus brennen ließ, und im Staatskult das Feuer der ganzen Stadt. Im griechischen Pantheon ist sie als Hestia bekannt, Schwester des Zeus, älteste der zwölf Olympier. In Rom wurde sie selten in Menschengestalt dargestellt. Sie war das Feuer selbst.

Das einzige Mal im Jahr: der Penus Vestae öffnet sich

Der Vesta-Tempel steht am östlichen Ende des Forums. Klein, rund, einzigartig in Rom, kein rechteckiger Bau wie alle anderen Tempel, sondern eine Erinnerung an die Strohhütten der Frühzeit, in denen das Herdfeuer kreisförmig in der Mitte brannte. Numa Pompilius soll ihn gestiftet haben. Mehrfach abgebrannt, beim Großen Brand 64 nach Christus, dann wieder 191. Die letzte Form geht auf Julia Domna zurück, die Frau des Septimius Severus. Im Inneren brennt das ewige Feuer Roms. Kein Symbol, ein echtes Feuer, gepflegt seit Jahrhunderten, das niemals ausgehen darf. Wenn doch, ist das ein böses Omen, und die zuständige Vestalin wird mit Rutenhieben bestraft. Das Feuer wird dann neu entzündet, durch das Reiben zweier Holzstücke. Nicht mit Flintstein, nicht mit anderem Feuer. Es muss alles selbst hervorbringen.

Im hintersten Teil des Tempels liegt das Penus Vestae. Das Wort penus heißt eigentlich "Vorratsraum", aber hier ist es das Allerheiligste. Ein abgetrennter Bereich, normalerweise verhangen, in den nur die Vestalinnen Zutritt haben. Was darin liegt, weiß niemand mit Sicherheit. Aber alle vermuten dasselbe.

Das Palladium.

Ein kleines hölzernes Kultbild der Pallas Athene, das angeblich aus dem brennenden Troja gerettet wurde. Aeneas brachte es nach Italien. Die Geschichte sagt: Solange das Palladium in Rom bleibt, kann die Stadt nicht fallen. Es ist nicht bloß ein Talisman, es ist das mythische Herz Roms. Die Vestalinnen bewachen es, von keinem Mann je gesehen, nicht einmal vom Pontifex Maximus, dem obersten Priester Roms. Aber am 7. Juni wird der Penus Vestae geöffnet. Einmal im Jahr. Nicht für Männer. Aber Matronen wie Sempronia dürfen den Vesta-Tempel betreten und im Vorraum stehen. Was sie tatsächlich sehen, ist umstritten, vermutlich nicht das Palladium selbst, sondern den geöffneten Vorhang, hinter dem es liegt. Aber das genügt. Für die acht Tage der Vestalia ist das mythische Herz Roms sichtbar, fast.

Was an dieser Woche besonders war, blieb nicht im Tempel. Solange die Vestalia liefen, galten in der ganzen Stadt strenge Tabus. Hochzeiten durften nicht gefeiert werden. Verträge sollten nicht geschlossen, wichtige Reisen nicht begonnen werden. Sogar die flaminica Dialis, die Frau des Iuppiter-Priesters, durfte sich in dieser Zeit weder die Haare ordnen noch ihren Schmuck verändern. Eine ganze Stadt hielt acht Tage lang inne. Sie wartete auf das, was am 15. Juni geschehen würde.

Sechs Frauen, ein Pontifex Maximus, eine Aufgabe

Wer waren diese Frauen, die das alles hüteten?

Die Vestalinnen, sechs an der Zahl, immer gleichzeitig im Dienst. Der Pontifex Maximus wählte sie persönlich aus, als Kinder, zwischen 6 und 10 Jahren alt, aus angesehenen Familien. Mit der Berufung schied das Kind aus seiner Familie aus. Es gehörte fortan dem Staat. Genauer: der Vesta. Die Dienstzeit dauerte 30 Jahre, zehn Jahre Lernen, zehn Jahre Ausüben, zehn Jahre Lehren. Mit etwa 36 bis 40 waren sie frei. Sie durften zurück ins zivile Leben, sogar heiraten, was nur wenige taten. Eine Frau, die ein halbes Leben lang dem heiligsten Kult Roms gedient hatte, ging selten zurück zu Haushalt und Ehemann.

Ihre Aufgaben waren konkret: das ewige Feuer hüten. Mola salsa herstellen, gesalzenes Mehl für alle staatlichen Opferrituale. Wasser holen, aus der Quelle der Egeria, in Krügen, die nicht abgesetzt werden durften. Bei Staatsritualen anwesend sein. Ihre Privilegien waren bemerkenswert, eigene Rechtsfähigkeit ohne männlichen Vormund, Ehrenplätze im Theater, das Recht, einen Verurteilten durch zufällige Begegnung zu begnadigen. Eine Vestalin konnte ein Menschenleben retten, einfach indem sie zur richtigen Zeit die richtige Straße entlangging.

Aber das Privileg hatte einen Preis. Verlor eine Vestalin ihre Jungfräulichkeit, wurde sie nicht hingerichtet, direktes Blutvergießen einer Vestalin galt als Sakrileg. Stattdessen wurde sie lebendig begraben, in einer unterirdischen Kammer bei der Porta Collina, mit Brot, Wasser, Öl und einer brennenden Lampe, symbolisch, damit die Stadt sich nicht des Mordes schuldig machte. Den Rest besorgte der Erstickungstod. Der Liebhaber wurde öffentlich zu Tode gegeißelt. Solche Hinrichtungen kamen selten vor. Aber sie kamen vor. Unter Kaiser Domitian, 91 nach Christus, wurde eine Vestalin namens Cornelia zum Tode verurteilt, Plinius der Jüngere nennt das Verfahren ungerecht, das Urteil politisch. Sie starb trotzdem.

Warum die Esel Brot um den Hals trugen

Die Esel der Bäcker werden geehrt und mit Kränzen und Brotgirlanden geschmückt

Aber das ist nicht allein die Stimmung des 9. Juni.

Heute ist Volksfest. Eines, das sich um eine seltsame Tatsache dreht: Die Esel Roms haben frei. Müller und Bäcker, deren Mühlsteine sonst von Eseln gedreht werden, gönnen ihren Tieren einen Ruhetag. Mehr noch: Die Esel werden mit Kränzen geschmückt, und um den Hals werden ihnen kleine Brotgirlanden gehängt, flache Fladen, an Schnüren aufgereiht. Die Tiere stehen den ganzen Tag in den Höfen, an den Bäckerei-Eingängen, und werden gefüttert.

Warum?

Ovid erzählt die Geschichte im sechsten Buch der Fasti. Bei einem Fest der Götter im Wald war Vesta, die jungfräuliche Göttin, eingeschlafen. Priapus, der grobschlächtige Gartengott, sah seine Chance. Er schlich sich an. Er war fast bei ihr. Da fing der Esel des Silenus an zu schreien, laut, schrill, hartnäckig. Vesta wachte auf. Sie erkannte, was passiert war. Priapus flüchtete unter dem Gelächter der anderen Götter. Vesta vergaß das nicht. Sie machte den Esel zu ihrem heiligen Tier. Und seitdem, sagt Ovid, ehren Müller und Bäcker am 9. Juni den Esel, denn ohne ihn wäre die Göttin um ihre Reinheit gekommen, und Rom hätte einen anderen Kult als den der jungfräulichen Vesta.

Eine seltsame Begründung. Aber sie passt. Vesta war die Göttin, die durch Reinheit existierte, durch Unversehrtheit. Wer ihre Reinheit rettete, selbst ein Esel, wurde geheiligt. Mahlsteine standen still. Bäcker schlossen. Die Stadt roch nach gestrigem Brot.

Eine Vestalin namens Rhea Silvia und das Rom, das wir kennen

Eine Geschichte fehlt, ohne die der Vesta-Kult nicht zu verstehen ist. Eine, die so weit zurückgeht, dass sie den Beginn Roms berührt.

Sie heißt Rhea Silvia. Tochter des Königs Numitor von Alba Longa, einer alten Stadt in Latium. Ihr Onkel Amulius hatte den Bruder vom Thron gestoßen und herrschte unrechtmäßig. Um sicherzustellen, dass keine Enkel je Anspruch auf den Thron erheben würden, machte Amulius seine Nichte zur Vestalin. Eine Vestalin durfte nicht heiraten. Das Problem war damit, dachte er, gelöst. Es war nicht gelöst.

Rhea Silvia wurde schwanger. Die Quellen sagen: Der Vater war Mars, der Kriegsgott. Sie gebar Zwillinge. Amulius befahl, die Kinder im Tiber zu ertränken. Sie wurden ausgesetzt. Eine Wölfin fand sie, säugte sie, ein Hirte nahm sie auf. Sie wuchsen heran, stürzten Amulius, rächten den Großvater. Romulus und Remus gründeten die Stadt, die einer von ihnen Rom nennen würde. Damit ist Rhea Silvia, eine Vestalin, die mythische Stammmutter Roms. Ohne ihre Vesta-Weihe gäbe es keine Romulus-Geschichte. Eine seltsame Symmetrie: Die Göttin der Reinheit, der bewahrten Unversehrtheit, sie steht am Anfang einer Gründungsgeschichte, in der Reinheit gebrochen wird. Und in der gerade aus diesem Bruch eine Stadt entsteht, die zweitausend Jahre überdauert.

Wenn Sempronia am 9. Juni vor dem Vesta-Tempel steht, betet sie auch zur Göttin der Rhea Silvia. Zur Göttin der Mutter Roms.

Das Ende: als das Feuer erlosch

Eines Tages hörte es auf.

394 nach Christus erließ Kaiser Theodosius I. ein Edikt: Alle heidnischen Kulte des Reiches sind verboten. Das ewige Feuer im Vesta-Tempel wurde gelöscht. Nicht symbolisch, physisch. Jemand schüttete Wasser darüber. Der Tempel wurde geschlossen. Die letzte Vestalin verließ das Haus der Vestalinnen. Was nach 394 mit den Frauen geschah, weiß niemand. Sie hatten keine Familien mehr, zu denen sie hätten zurückkehren können, kein Vermögen außer dem, was ihnen das Amt gegeben hatte. Vermutlich starben sie in den Jahren nach der Auflösung des Ordens, alt, vergessen, in einer Welt, die ihnen fremd geworden war. Aber Zosimus, ein griechischer Historiker um 500 nach Christus, überliefert eine Schluss-Geschichte. Sie ist umstritten, möglicherweise ausgeschmückt. Aber sie ist zu eindrucksvoll, um sie wegzulassen.

Wenige Jahre nach der Schließung soll Serena, Nichte des Theodosius, Frau des Feldherrn Stilicho, den verlassenen Vesta-Tempel betreten haben. Sie nahm einen Halsschmuck von einer Vesta-Statue und legte ihn sich um. Eine alte Frau, vermutlich eine ehemalige Vestalin, soll noch dabei gewesen sein. Sie verfluchte Serena, mit den Worten, dass kein Glück mehr auf ihr und ihrem Geschlecht ruhen werde. 408 nach Christus wurde Stilicho hingerichtet. Sein Sohn ebenfalls. Im selben Jahr wurde Serena auf Befehl des Senats erdrosselt, wegen angeblicher Komplizenschaft mit den Goten. Zosimus erzählt die Geschichte ohne Triumph. Aber er schließt: Der Fluch der letzten Vestalin habe sich erfüllt. Ob es so war, weiß niemand. Aber das ewige Feuer Roms war ausgegangen. Und nichts ersetzte es.

Sempronia geht den Forum-Weg zurück. Hinter ihr glimmt das Feuer noch, heute. Morgen. In sechs Tagen. Aber bevor diese Vestalia-Woche zu Ende ist, muss am Tempel selbst noch etwas geschehen. Etwas, ohne das die Stadt nicht weiterleben könnte.

Es ist nicht spektakulär. Es ist nicht heroisch.Es ist ... ein Hausputz.

11. Juni — Matralia: Die Tante ist die Beste

Römische Matrone mit Opferkuchen am Tempel der Mater Matuta am Forum Boarium

Es ist später Vormittag am Forum Boarium.

Pomponia trägt einen Jungen auf dem Arm. Er ist drei Jahre alt, hat einen Hustenanfall hinter sich und schläft inzwischen wieder. Er ist nicht ihr Sohn. Er ist der Sohn ihrer jüngeren Schwester Antonia, die seit Wochen kränkelt und an diesem Morgen das Bett nicht verlassen konnte. Also ist Pomponia heute hier, am wichtigsten Tag des Jahres für genau diesen Jungen.

Es ist der 11. Juni. Matralia. Das Fest der Mater Matuta, Göttin des Frühlichts, der Geburt und des frühen Wachstums. Ihr Name kommt von derselben Wurzel wie matutina, die Morgenstunde. Sie wacht über den Anfang: den Anfang des Tages, den Anfang eines Lebens, den Anfang einer Reife. Dass sie heute in Rom mit den Kindern der Schwestern verbunden wird, hat einen langen mythologischen Hintergrund. Aber zuerst zum Tempel.

Vor ihr ragt der Tempel auf, ein kleiner archaischer Bau aus dunklem Tuffstein. Servius Tullius soll ihn gestiftet haben, der sechste König Roms. Camillus restaurierte ihn 396 vor Christus, nach seinem Sieg über Veji. Daneben, fast wandgleich, steht der Tempel der Fortuna. Ein Doppelheiligtum mit langer Geschichte.

Das Forum Boarium liegt zwischen Aventin und Kapitol, direkt am Tiber, dort, wo der Hafenkai (Portus Tiberinus) endet und die Cloaca Maxima in den Fluss mündet. Es ist das Rinderforum, Viehmarkt, Hafen, Tempelbezirk, alles auf engstem Raum. Wer am 11. Juni am Forum Boarium steht, steht im wirtschaftlichen, religiösen und urbanen Herzen der frühen Stadt. Aber heute ist der Tempel nicht für Händler. Heute ist er für Frauen. Genauer: für eine ganz bestimmte Sorte Frauen.

Eine Sklavin, die ausgepeitscht werden musste

Vor dem Tempel hat sich eine Gruppe von Matronen versammelt. Sie tragen alle weiße Stolen, sie tragen alle Opferkuchen, gebacken in irdenen Schalen, testua nennen sie diese flachen Formen aus rauem Ton. Sie warten. Etwas muss geschehen, bevor sie eintreten dürfen.

Eine Sklavin wird in den Tempel geführt.

Sie ist jung, vielleicht zwanzig, und sie weiß, was passiert. Die Sklavinnen wissen es immer. Es ist Tradition. Es ist Pflicht. Es ist demütigend. Sie wird durch den Tempel gezogen, kurz vor den Altar geführt, dort von einer der Matronen mit Worten und mit der flachen Hand geschlagen, nicht hart, aber öffentlich. Dann wird sie hinausgetrieben. Ohne Zeremonie. Ohne Ehre.

Erst danach dürfen die freien Frauen den Tempel betreten. Plutarch beschreibt das Ritual in seinen Quaestiones Romanae, den "römischen Fragen", weil er es selbst nicht versteht. Er listet drei mögliche Erklärungen auf: Manche, schreibt er, glauben, eine Sklavin habe einst Athamas zur Untreue gegenüber Ino verführt, und deshalb hassen die Matronen, die sich rituell mit Ino identifizieren, alle Sklavinnen. Andere sagen, der Kult sei rein nur für freie Bürgerinnen gewesen, niemals für Unfreie; die Vertreibung mache das jedes Jahr neu sichtbar. Eine dritte Deutung: Die Sklavin steht symbolisch für das Unheil, das aus dem Haus muss, bevor das Gebet beginnen kann.

Plutarch entscheidet sich nicht. ( wie so oft bei den Römern...) Er war ein vorsichtiger Mann. Aber er beschreibt das Ritual nüchtern, und nüchtern ist es. Es war eine Trennlinie, jährlich gezogen, vor allen Augen, im Namen einer Göttin. Pomponia tritt ein. Der Junge auf ihrem Arm hat sich nicht gerührt.

Warum die Tante zählt, und nicht die Mutter

Im Tempelinneren wartet schon die nächste Eigenheit dieses Festes. Pomponia legt ihren Opferkuchen vor den Altar. Sie hebt den schlafenden Jungen kurz an, hält ihn so, dass die Göttin ihn sehen kann. Sie spricht ein Gebet, leise, ernst, lang. Sie bittet Mater Matuta um Gesundheit, um langes Leben, um einen klaren Verstand. Aber nicht für ihre eigenen Kinder.

Sie hat zwei Söhne und eine Tochter zu Hause. Die zählen heute nicht. Heute, an den Matralia, betet eine römische Mutter ausdrücklich für die Kinder ihrer Schwester, nicht für die eigenen. Es ist ein religiöses Tabu, das Ovid in den Fasti verzeichnet und Plutarch noch einmal kommentiert. Wer am Matralia-Fest für die eigenen Söhne oder Töchter betet, riskiert das Unheil, das die Göttin sonst abwendet. Die Tante ist die wichtigere Frau, heute zumindest.

Warum?

Ovid und Plutarch bieten dieselbe Antwort. Sie führt zurück zum Mythos der Mater Matuta. Denn unter ihrem römischen Namen verbarg sich, in der griechischen Tradition, eine andere Gestalt.

Ino, die ihren eigenen Sohn nicht retten konnte

Ino war eine Tochter des Kadmos von Theben, und die Tante des Dionysos. Ihre Schwester Semele war von Zeus schwanger geworden und kam dabei zu Tode. Den ungeborenen Sohn brachte Zeus zu Ino. Sie zog Dionysos auf wie ihren eigenen. Aber Hera, die eifersüchtige Frau des Zeus, vergaß das nicht. Jahre später trieb sie Ino in den Wahnsinn. Ino tötete in einem Anfall von Raserei ihren eigenen Sohn Melikertes und sprang anschließend mit dem toten Kind ins Meer. Die Götter verwandelten sie in Leukothea, die "weiße Göttin", eine Schützerin der Schiffer.

Das ist die Geschichte hinter der Mater Matuta. Sie konnte ihren eigenen Sohn nicht retten. Aber sie hatte den Sohn ihrer Schwester gerettet. Ihre eigene Mutterschaft war tragisch gescheitert. Ihre Tantenschaft war ein Triumph. Deshalb beten römische Mütter am 11. Juni nicht für die eigenen Kinder. Sie tun, was Ino getan hat: Sie kümmern sich um die Nachkommen ihrer Schwester. Sie ehren die Bindung, die Ino in der Geschichte gerettet hat, auch wenn diese ihre eigene nicht retten konnte. Es ist eine seltsame Logik. Aber sie ist konsequent. Die Römer dachten in Familien, in Schwestern, in Bindungen, die über die Mutter-Kind-Beziehung hinausgingen. An den Matralia wurde diese erweiterte Verantwortung sichtbar, jährlich, vor einem Altar, im Beisein der Göttin.

Pomponia spricht das Gebet zu Ende. Sie senkt den Jungen leise zurück in ihre Arme. Er hat geschlafen die ganze Zeit. Sie hofft, dass er morgen besser hustet. Sie hofft, dass Antonia bald wieder aufstehen kann. Sie hat heute getan, was eine römische Schwester tut. Sie verlässt den Tempel. Andere Matronen treten nach. Vor dem Tempel, hinter der Schwelle, ist die Sklavin längst verschwunden. Niemand weiß, wohin. Niemand fragt.

Sempronia drei Hügel weiter steht noch immer vor dem Vesta-Tempel. Mater Matuta und Vesta haben ihre Tage geteilt, die eine am Forum Boarium, die andere am Forum Romanum. Beide ehren das, was am Anfang steht: bei Vesta das Feuer im Haus, bei Mater Matuta das Kind, das aus dem Haus kommt.

Beide brauchen Schutz. Beide haben heute ihre Frauen.

13. bis 15. Juni — Quinquatrus Minusculae: Die Nacht der betrunkenen Flötenspieler

Es ist später Nachmittag. Cassius zieht seinem Sohn das lange Gewand über den Kopf, eines, das ihm bis zu den Knöcheln reicht, in tiefem Safrangelb. Es ist ein feierliches Gewand, wie man es sonst nur bei besonderen Tempelriten trägt, ungewohnt lang und reichlich fallend. Heute ist der 13. Juni, und heute tragen alle Tibicines Roms dieses Festgewand. "Halt still", sagt Cassius. "Die Maske kommt jetzt."

Der Junge hält still. Er ist zwölf, er hat seit zwei Jahren das Doppelrohrblatt der Tibia geübt, und heute wird er zum ersten Mal mit den anderen mitziehen. Cassius reicht ihm die Maske. Sie ist aus Holz geschnitzt, mit großen Augenlöchern, und wird hinten mit einem Lederband festgebunden. Wenn der Junge sie aufsetzt, sieht ihn niemand mehr. Das ist die Idee.

Warum sie sich anders kleiden als sonst

"Frag nicht jetzt", sagt Cassius. "Ich erklär dir das unterwegs." Sie verlassen das Haus, treten auf die Straße, treffen vor dem Tempel der Minerva auf dem Aventin die anderen. Hundert vielleicht. Mehr. Alle in den langen Festgewändern, alle mit Masken. Manche tragen breite Stirnbänder mit langen Bändern, die ihnen über die Schultern fallen, ungewöhnlich aufwendig für einen Mann. Manche haben sich die Bärte abrasiert, wie für ein hohes Tempelfest. Die Stimmung ist gelöst. Es wird viel gelacht. Ein paar haben schon Wein dabei, in Schläuchen, die an Riemen über der Schulter hängen.

Auf der Straße fragt der Junge wieder. Cassius nimmt die eigene Maske ab, weil er nicht reden kann mit dem Holz vor dem Mund, und beginnt. "Wir gehören zu einer Zunft, die der Stadt unentbehrlich ist. Du weißt das. Wenn wir nicht spielen, kann der Pontifex Maximus kein Opfer durchführen. Die Tibia muss den Klang des Rituals tragen, sonst gilt das Opfer als nicht vollzogen. Auch bei Spielen sind wir dabei, bei Bestattungen, bei Theateraufführungen. Wo immer in Rom etwas Heiliges oder etwas Feierliches geschieht, klingt die Tibia. Verstehst du das?" Der Junge nickt.

"Vor zweihundert Jahren, vielleicht ein paar mehr, ich weiß es nicht genau, verlor unsere Zunft ein altes Recht. Wir durften traditionell einmal im Jahr im Tempel des Jupiter Capitolinus speisen. Das war unser Festmahl. Eine Ehre. Eine Anerkennung. Und plötzlich nahm der Senat uns das weg. Niemand weiß heute mehr, warum. Vielleicht eine Sparmaßnahme. Vielleicht ein politischer Streit. Egal." "Was haben sie gemacht?", fragt der Junge. "Sie sind weggegangen."

Der Streik und die Falle in Tibur

Cassius lacht kurz, weil die Geschichte nach all den Jahren immer noch komisch ist. "Die Tibicines verließen Rom geschlossen. Alle. Sie zogen nach Tibur, das ist heute Tivoli, etwa dreißig Kilometer östlich von hier. Dort ließen sie sich nieder. Sie blieben. Sie weigerten sich zurückzukommen, solange das alte Recht nicht wiederhergestellt war." "Und was ist passiert?"

"Der Senat geriet in Panik. Ohne Tibicines konnten sie keine Opfer mehr durchführen. Stell dir das vor: Jeden Tag mehrere Staatsopfer, jedes davon ist ohne Tibia ungültig. Die ganze Stadt schwebte in religiöser Gefahr. Sie schickten Gesandte nach Tibur und baten die Tiburtiner um Hilfe. Die Tiburtiner waren amüsiert. Sie luden die Tibicines zu einem großen Fest ein."

Cassius bleibt stehen, weil er die Pointe richtig erzählen will. "Sie machten sie betrunken. Krug für Krug. Wein aus den besten Lagen. Die Tibicines, die nichts ahnten, tranken. Sie tranken weiter. Bis sie auf den Tischen lagen. Bis sie auf dem Boden lagen. Bis sie schliefen. Und während sie schliefen, luden die Tiburtiner sie auf Wagen, deckten sie zu, und schickten die Wagen nach Rom zurück."

Der Junge starrt durch seine Maske. "Als die Tibicines am nächsten Morgen aufwachten, lagen sie wieder in Rom. Auf dem Forum. Mit Kopfschmerzen, mit verklebten Augen, und das Volk umstand sie und lachte. Der Senat empfing sie höflich und gab ihnen ihr altes Festmahlsrecht zurück. Die Tibicines waren wieder in Rom, der Kult war gerettet, alle waren zufrieden. Außer dass die Tibicines blamiert waren wie nie zuvor." "Und deshalb tragen wir heute diese Gewänder?"

"Deshalb tragen wir heute lange Festgewänder. Maskiert, in der Erinnerung daran, dass unsere Großväter sich überlisten ließen. Maskiert, damit niemand uns ansehen kann. Aber gleichzeitig: stolz. Denn die Anekdote zeigt auch, dass die Stadt ohne uns nicht funktioniert. Wir sind nicht nur Musiker. Wir sind der Klang, der die Religion zusammenhält." Der Junge nickt langsam. Er hat die Tunika jetzt verstanden. Er hat die Maske verstanden. Was er noch nicht versteht, sind die Weinschläuche an den Riemen. Das wird er heute Abend verstehen.

Was ein Flötenspieler in Rom wirklich tat

Cassius setzt die Maske wieder auf. Sie ziehen durch die Stadt. Zuerst über den Aventin, dann hinunter zum Forum Boarium, am Tempel der Mater Matuta vorbei, wo gestern noch die Matronen für die Kinder ihrer Schwestern gebetet haben. Dann hinüber zum Forum, am Vesta-Tempel vorbei, an dem Sempronia und tausend andere Frauen vor Tagen ihre Opferkuchen abgegeben haben. Die Tibicines spielen. Sie spielen laut. Die Tibia ist ein Doppelrohrblatt-Instrument, mit zwei nach außen gespreizten Pfeifen, die gleichzeitig geblasen werden. Das gibt einen durchdringenden Klang, der über den Stimmen der Stadt liegt. In den engen Gassen wird er noch lauter. Menschen treten aus den Häusern und sehen zu.

Es ist nicht nur Lärm. Es ist Erinnerung. Die Tibicines begleiten seit Jahrhunderten die heiligen und feierlichen Momente Roms. Sie spielen bei den Opfern auf dem Kapitol, wenn Schweine, Stiere und Schafe für Iuppiter geopfert werden. Sie spielen bei Bestattungen, wenn die Toten zum Scheiterhaufen geführt werden. Sie spielen bei den Spielen im Zirkus, wenn die Wagen aus den Startboxen schießen. Wer in Rom geboren wird, hört die Tibia. Wer in Rom stirbt, hört sie auch.

Etwas anderes machen die Tubicines, die Trompeter mit ihren langen Bronze-Tuben. Sie sind die Stimme des Heeres. Ihre Tuben rufen zum Aufmarsch, zum Angriff, zum Rückzug. Sie ziehen vor den Triumphzügen siegreicher Feldherren ein. Aber bei den Opfern und im Tempel, das gehört uns. Den Tibicines. Die Tibia trägt das Heilige. Die Tuba trägt das Militärische. Beide klingen anders. Beide gehören zu Rom.

Heute aber ist das anders. Heute sind die Tibicines nicht Begleitung, sondern Hauptdarsteller. Heute spielen sie für sich selbst. Und das Volk versteht den Unterschied. Am Forum machen sie Halt. Die ersten Tibicines greifen zu den Weinschläuchen. Cassius nimmt einen Schluck und reicht den Schlauch seinem Sohn weiter.

"Pur", sagt er. "Ohne Wasser. Heute trinken wir wie unsere Großväter in Tibur. Das gehört zum Fest." Der Junge zögert. Er kennt Wein. Zum Essen mit drei Teilen Wasser, jeden Abend, seit er denken kann. Aber pur hat er ihn nie gehabt. Er nimmt einen Schluck und hustet sofort. Die anderen lachen. Cassius klopft ihm auf den Rücken, freundlich. "So", sagt er. "Jetzt verstehst du."

Drei Tage geht das so. Vom 13. bis zum 15. Juni. Tibicines durch Rom, in langen Festgewändern, in Masken, betrunken, musizierend. Am 16. Juni werden sie alle wieder spielen, wie immer, beim Morgenopfer auf dem Forum. Aber heute, morgen und übermorgen sind sie nicht im Dienst. Sie sind in Erinnerung. Wenn Cassius am 16. Juni in der Frühe wieder auf dem Forum steht, in normaler Tunika, mit klarem Blick, und das erste Opferschwein zum Altar geführt wird, wird er die Tibia ansetzen und spielen, wie er es seit dreißig Jahren tut. Sein Sohn wird neben ihm stehen, vielleicht zum ersten Mal mitspielen. Niemand wird in Frauenkleidern stehen. Niemand wird mehr lachen.

Aber jeder im Forum wird wissen, was die Tibicines hinter sich haben. Drei Tage Erinnerung. Drei Tage Karneval. Drei Tage Geschichte aus Tibur, von fernem Wein und sehr listigen Gastgebern. Und keiner in Rom denkt schlecht über sie. 

Sie sind die Tibicines. Sie spielen für die Götter. Manchmal trinken sie. Das ist römisch.

15. Juni — Q.ST.D.F.: Der Tag, an dem Rom wieder heiraten durfte

Vestalin trägt das Tongefäß mit dem stercus aus dem Vesta-Tempel

Es ist früh am 15. Juni. Eine der Vestalinnen kniet im hintersten Teil des Vesta-Tempels, dort, wo der Vorhang den Penus Vestae verbirgt. In ihrer Hand ein einfaches Tongefäß mit weiter Öffnung. Sie ist allein in diesem Augenblick. Die anderen fünf warten draußen. Was sie jetzt tut, hat sie schon hundertmal getan, im Lernjahr nach Lernjahr, aber heute ist es kein Üben. Heute ist es Pflicht.

Sie greift in den Boden vor dem Altar. Sie nimmt Asche, alte Asche, vermischt mit Resten der mola salsa des vergangenen Jahres, mit Spuren von Opferholz, mit feinem Staub, der sich seit Monaten angesammelt hat. Sie sammelt es vorsichtig im Tongefäß. Dann das nächste Häufchen. Dann das nächste.

Es ist stercus.

Im Alltag bedeutet das Wort schlicht Mist, Dreck, Unrat. Hier im Tempel der Vesta bedeutet es etwas anderes. Es bedeutet alles, was sich in einem Jahr heiliger Praxis abgesetzt hat: Asche des ewigen Feuers, Rückstände der mola salsa, jenes geheiligten Salzkuchens, den die Vestalinnen dreimal im Jahr aus dem ersten Getreide der Ernte herstellten. Die mola salsa wurde bei jedem Staatsopfer Roms über den Kopf des Opfertieres gestreut, daher kommt unser Wort immolieren. Was hier am Boden des Vesta-Tempels liegt, ist also nicht einfach Asche. Es ist das Konzentrat aller Gebete und Opfer Roms des vergangenen Jahres. Verbrauchtes Heiliges. Trotzdem muss es hinaus.

Wenn die Vestalin alle Häufchen gesammelt hat, trägt sie das Tongefäß aus dem Penus, durch den vorderen Tempelraum, hinaus durchs Tor. Die Quellen sind nicht ganz eindeutig, wohin der Unrat dann gelangte. Manche deuten auf eine Stelle am Clivus Capitolinus, die durch eine Pforte verschlossen war. Andere darauf, dass der Inhalt direkt in den Tiber geworfen wurde, damit das fließende Wasser das Unheil der Stadt davontrug. Beide Wege ergeben religiösen Sinn. In beiden Fällen verschwindet das verbrauchte Heilige aus dem Bereich der Stadt, nicht ausgelöscht, aber abgegeben. Das fließende Wasser nimmt es weg. Was Rom in einem Jahr an Gebet und Opfer geleistet hat, kommt zurück zur Erde, zum Fluss, ins Vergehen.

Sie tut es schweigend. Andere Tempeldiener begleiten sie, aber niemand spricht. In dem Moment, in dem das Tongefäß seinen Bestimmungsort erreicht und der Inhalt ausgeschüttet ist, ändert sich etwas in Rom. Nicht sichtbar. Nicht hörbar. Nicht spürbar, wenn man es nicht weiß. Aber präzise und für alle, die es wissen, real. Die dies religiosi sind vorbei.

Seit dem 7. Juni hatten die strengen Tabus über Rom gelegen, von denen wir schon in der Vestalia-Woche gesprochen haben. Keine Hochzeiten, keine Verträge, keine wichtigen Reisen. Sogar die flaminica Dialis durfte sich nicht die Haare ordnen. Die Stadt war im Wartemodus. Die Hitze staute sich in den Gassen, aber niemand durfte ein neues Geschäft eröffnen oder den Bund fürs Leben schließen. Mit dem Augenblick, in dem das letzte Gefäß stercus den Tempel verlassen hat, ist all das vorüber. Vier Buchstaben markieren diesen Moment im römischen Festkalender:

Q.ST.D.F. Quando Stercum Delatum Fas. - "Wenn der Dreck hinausgetragen worden ist, ist es erlaubt."

Es ist eines der kürzesten und prägnantesten Akronyme der römischen Religion. Ein Halbsatz, der entscheidet, ob in Rom geheiratet, gehandelt, gereist werden darf. Vor den Tempeln warten die Brautpaare. Vor den Notarstuben die Vertragspartner. Vor den Stadttoren die Reisenden. Niemand weiß genau, wann der Moment kommt, die Vestalin braucht so lange, wie sie braucht. Aber jeder weiß, dass er kommt. Spätestens am Mittag des 15. Juni ist Rom wieder ein Rom, in dem das Leben weitergeht.

Drei Hügel weiter wartet eine Familie. Der Vater hat sich heute morgen rasiert. Die Tochter trägt das safrangelbe Hochzeitsgewand, das in zwei Wochen genäht worden ist und gestern Abend zum ersten Mal angelegt wurde. Der Bräutigam steht draußen und schaut zur Sonne. Niemand hat Zeitansagen, aber jeder schaut zu dem Forum hinüber, in Richtung Vesta-Tempel, und wartet auf das Zeichen. Das Zeichen ist still. Es ist eine zurückgekehrte Vestalin, die ihr Tongefäß abgewaschen hat und wieder im Atrium Vestae sitzt. Es ist ein priesterlicher Vermerk, der über die kleinen Boten in die Stadt getragen wird: Es ist vollzogen. Dann, irgendwann am späten Vormittag, beginnt sich das Hochzeitspaar zu bewegen. Der Bräutigam tritt ein. Das Brautpaar versammelt sich. Der Tag ist freigegeben. Rom darf wieder anfangen.

So war der 15. Juni. Stiller als die Vestalia, kleiner als das Fest der Tibicines, ohne Esel, ohne Masken, ohne Wein. Aber ohne ihn hätte nichts weitergehen können. Vier Buchstaben am Rand eines römischen Kalenders. Ein Stück Asche im Tongefäß. Ein Fluss, der das Unheil davonträgt. Und ein ganzes Rom, das wieder atmen darf.

Ovid wird sein Werk am 30. Juni beenden. Aber dieser Tag, der 15. Juni, ist der Moment, an dem seine Welt, die Welt der Hochzeiten, Verträge und eleganten Feste, jedes Jahr rituell gerettet wird. Es ist der eigentliche Sommeranfang der römischen Seele.

24. Juni — Fors Fortuna: Boote und Wein. Eine Party am Fluss

Es ist der 24. Juni, kurz nach Sonnenaufgang. Hilarius steht im Atrium des Hauses, in dem er seit zwölf Jahren als Sklave dient, und zieht sich an. Heute zieht er nicht die Arbeitstunika an. Heute zieht er die saubere weiße Tunika an, die er nur an drei oder vier Tagen im Jahr trägt. Sein Herr hat sie ihm gestern Abend hingelegt. Mit einer kleinen Bemerkung. "Hilarius. Heute hast du frei. Geh und feiere."

Geh und feiere. Diese Worte hört Hilarius selten. Er ist nicht jung mehr, dreißig vielleicht, und seit er aus Asia Minor verschleppt wurde, hat er fast jeden Tag des Jahres gearbeitet. Der Saturnalientag im Dezember ist eine Ausnahme. Heute ist die zweite. Heute ist Fors Fortuna.

Eine Göttin für das Unvorhersehbare

Hilarius weiß, was die Göttin ist, der heute ganz Rom huldigt. Er hat es schon oft gehört, bei den Sklavenmahlen in der Küche, von älteren Sklaven, die ihm das Fest beschrieben haben, lange bevor er es selbst erleben sollte. Fors Fortuna ist Glücksgöttin. Aber nicht das ruhige, planbare Glück, das man durch Fleiß verdient. Sondern das andere. Das Unvorhersehbare. Das Schicksal, das einen Mann zum Konsul macht, weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht, und einen anderen zum Sklaven, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Der Name selbst sagt es. Fors heißt Zufall, blindes Geschick, das, was sich nicht voraussehen lässt. Fortuna heißt Glück, Schicksal, die mächtige Kraft, die über das Leben verfügt. Zusammen ergibt das einen Doppelnamen, der schon in sich Spannung trägt: Glück und Zufall sind nicht dasselbe, aber sie gehören zusammen. Wer beide ehrt, ehrt die ganze Bandbreite dessen, was im Leben über einen kommen kann.

Im römischen Götterhimmel gab es mehrere Fortuna-Aspekte. Fortuna Publica auf dem Quirinal, dem öffentlichen Glück des Staates gewidmet. Fortuna Virilis, von Frauen am 1. April verehrt. Fortuna am Forum Boarium, neben dem Tempel der Mater Matuta. Und draußen am Tiber, jenseits der Stadtmauer, dort, wo der Pomerium endet und das Profane beginnt: Fors Fortuna. Die populärste. Die wildeste. Die, an deren Fest ein Sklave heute frei hat.

Der König, der einmal Sklavenkind war

Hilarius weiß auch, warum gerade diese Göttin einen Tempel jenseits des Tibers bekam. Es war ein König. Und der König war kein gewöhnlicher. Servius Tullius war der sechste König Roms. Im sechsten Jahrhundert vor Christus, lange vor der Republik. Was die Tradition über ihn erzählt, ist erstaunlich für ein Reich, das sonst auf Stammbäume Wert legte. Servius Tullius war Sohn einer Sklavin.

Seine Mutter Ocrisia war Kriegsgefangene aus der Stadt Corniculum. Sie wurde nach Rom verschleppt, in den Haushalt des Königs Tarquinius Priscus gebracht, dort als Dienstmagd gehalten. Wie sie zur Mutter ihres Sohnes wurde, erzählen die Quellen unterschiedlich. Manche sprechen von einer göttlichen Erscheinung am Herdfeuer. Andere von schlichteren, weniger erhabenen Umständen. Was sicher ist: Ocrisia gebar einen Sohn namens Servius. Der Name selbst, Servius von servus, "Sklave", trug die Erinnerung an die Herkunft mit sich. Servius Tullius wuchs am Hof auf. Er heiratete die Tochter des Königs. Er wurde nach Tarquinius' Tod selbst König. Und er stiftete der Fors Fortuna einen Tempel, nicht in der Stadt, sondern jenseits des Tibers. Dort, wo das, was Rom geworden war, an das grenzte, was Rom nicht sein wollte.

Plutarch macht den Punkt klar in De fortuna Romanorum. Servius Tullius war ein Mann, der wusste, was fors heißt. Er war als Kind einer Sklavin geboren, hätte als Sklave sterben können, war stattdessen König geworden. Niemand verstand besser, dass das Schicksal launisch ist. Und niemand hatte mehr Grund, einer Göttin zu danken, die genau diese Launenhaftigkeit verkörperte. Deshalb am Tiber. Deshalb mit Sklaven beim Fest.

Wie Rom über den Tiber ruderte und nicht nüchtern zurückkam

Hilarius hat sich angezogen. Er verlässt das Haus auf dem Caelius, geht hinunter zum Forum, wo schon Massen unterwegs sind. Ein Strom von Menschen, vorwiegend in einfacher heller Kleidung. Sklaven mit ihren Familien. Plebejer, die sich den Tag freigenommen haben. Hier und da auch ein Senator in einfacherer Toga, der nicht missen will, was die Stadt heute feiert. Alle ziehen in dieselbe Richtung: hinunter zum Fluss. Am Tiberufer ist es voll. Boote werden vermietet, kleine flache Kähne mit einem Bootsmann am Heck. Manche sind geschmückt, mit Blumen, mit grünen Zweigen, mit Bändern, die im Wind flattern. Wer sich's leisten kann, bestellt einen Kahn mit Blumenkränzen am Bug. Wer nicht, nimmt einen schlichten und hängt sich selbst einen Zweig ins Haar. Hauptsache, das Boot kommt geschmückt am Tempel an.

Hilarius schließt sich drei anderen Sklaven aus benachbarten Häusern an. Sie teilen sich die Bootsmiete, ein paar Münzen pro Mann, die sie das Jahr über gespart haben. Der Bootsmann legt ab. Sie rudern flussabwärts, am Pons Sublicius vorbei, am Vesta-Tempel vorbei, der schon zehn Tage hinter ihnen liegt, hinaus zum Tempel der Fors Fortuna, ein gutes Stück hinter der Stadtmauer. Die Fahrt dauert nicht lang. Aber sie genügt, um die Weinschläuche zu öffnen, die einer von ihnen mitgenommen hat. Sklavenwein ist nicht das, was die Herren in den Senatorenhäusern trinken. Es ist verdünnter Tafelwein oder posca, Wein, Wasser und ein Schuss Essig zusammengerührt. Erfrischend an heißen Tagen, billig und mit gerade genug Alkohol, um die Hände warm zu machen. Heute, am Fors-Fortuna-Tag, wird mehr davon getrunken als sonst.

Ovid hat das Ritual des Tages in den Fasti beschrieben, die geschmückten Boote auf dem Tiber, die ersten Schlucke schon auf dem Wasser, die Stimmung, die sich vom Stadtgeräusch löst und in etwas Loseres übergeht. "Nicht der schlechteste Teil des Volkes feiert", schreibt er. Und meint damit Sklaven, Freigelassene, Plebejer. Die anderen kommen auch, aber sie sind heute nicht die Hauptakteure.

Am Tempel angekommen, riecht Hilarius schon von weitem, was ihn erwartet. Gebratenes Fleisch. An den Ufern stehen provisorische Zelte und Garküchen, aus denen Rauch in den Sommerhimmel steigt. Lamm, Schwein, manchmal Geflügel auf offenen Rosten. Dazu Brot, frisch aus Lehmöfen gebacken. Krüge mit Wein und Honigwasser auf langen Holztischen. Wer Geld hat, gibt es heute aus. Wer keines hat, bekommt manchmal von jemandem etwas geschenkt. Heute zählt, dass alle dabei sind. Es ist der erste Tag seit Anfang Juni, an dem Rom sich wirklich gehen lässt. Die Vestalia sind vorbei. Die Tabus sind aufgehoben. Die Hochzeiten haben am Forum begonnen. Hier draußen, jenseits der Stadtmauer, am Tiber, holt die Stadt nach, was sie wochenlang nicht durfte.

Hilarius mischt sich unter die Menge. Hunderte sind schon da. Sie opfern, sie sprechen Gebete, sie trinken. Er trinkt mit. Er trinkt mehr als sonst. Er denkt an Asia Minor, an die Familie, die er nicht mehr hat, an das Leben, das ihm das Schicksal genommen hat. Er denkt an Servius Tullius, der auch einmal das war, was er heute ist. Und er denkt: vielleicht. Vielleicht ist das Schicksal nicht für immer fest. Vielleicht.

Die Sonne steht tief, als die Boote zur Rückfahrt aufbrechen. Es ist ein anderes Schiffen als am Morgen. Die Ruderer sind langsamer geworden. Manche singen, manche torkeln. Hilarius sitzt am Bug, halb bewusst, die Hand in den Tiber gehalten. Auf dem Ufer stehen Passanten, die heimwärts wollen, und schauen den Booten zu. Vom Wasser her schallen Witze. Manche frech, manche grob, manche an den ersten besten Spaziergänger gerichtet, der gerade vorbeigeht. Ovid hat diese Heimkehr beschrieben, mit dem Lächeln dessen, der wusste, dass es schon immer so war. Betrunkene Boote, die die Passanten verspotten. Verspottete Passanten, die zurücklachen oder murren. Niemand nimmt es übel. Heute ist Fors Fortuna. Auf der Stadtmauer in der Ferne sieht Hilarius die Türme des Aventin, die Tempel des Forums. Sein Rom. Seit zwölf Jahren sein Rom.

Wer dem Schicksal heute eine Münze gegeben hat, weiß nicht, was es einem morgen zurückgeben wird. Aber Fors Fortuna ist eine Göttin, der man begegnen muss. Einmal im Jahr, am 24. Juni, am Tiber, mit Wein und Booten. Wer sie nicht ehrt, ärgert sie. Wer sie ehrt, weiß zumindest, dass er ein Chance vom Schicksal bekommt.

27. Juni — Zwei Statuen mit Hunden und ein Tempel der Standhaftigkeit

Schrein der Lares praestites mit den bronzenen Hunden an der Sacra Via

Am 27. Juni steht eine kleine Gruppe von Priestern am Anfang der Sacra Via, dort, wo das Forum in die heilige Straße übergeht und sich der Weg zum Palatin hinaufzieht. Sie tragen einfache weiße Gewänder. In ihren Händen Blumen und Kränze, frisch gepflückt am Morgen. Vor ihnen ein schlichter Schrein, kaum größer als ein Hausaltar, und in diesem Schrein stehen zwei Statuen.

Zwei junge Männer in Tunika, kaum unterscheidbar voneinander. Jeder mit einem Hund zur Seite. Die Hunde sind aus Bronze, gegossen, sitzen still, schauen wachsam. Heute werden sie bekränzt. Ovid beschreibt es in seinen Fasti mit einer Wendung, die das Bild präzise einfängt:

"ubi fit docta multa corona manu"
"dort, wo viele Kränze von geschickter Hand gewunden werden."

Es ist ein eigentümliches Bild: kaltes Metall, das mit Sommerblüten geschmückt wird, von Priesterhänden, sorgfältig, fast zärtlich. Das sind die Lares praestites. Die Schutzgeister der Stadt Rom.

Die Lares praestites: Hundewächter Roms

Wer in Rom lebte, kannte die Lares. Sie waren überall. In jedem Haus stand ein kleiner Lares-Schrein, das Lararium, oft im Atrium, manchmal in der Küche. Dort wurden die Lares familiares verehrt, die Hausgötter, die das Familienleben schützten. Eine Mahlzeit, die ohne ein paar Krümel für die Lares begann, war undenkbar. Sie waren keine fernen Götter wie Iuppiter oder Iuno. Sie waren da. Sie waren die kleinen, treuen Geister, die mitten unter den Menschen wohnten.

Aber es gab nicht nur Lares im Haus. An jeder größeren Wegkreuzung Roms stand ein Schrein für die Lares compitales, die Kreuzungs-Lares, die das Stadtviertel beschützten und bei den Compitalia im Januar gefeiert wurden. Und am 27. Juni waren wieder andere Lares an der Reihe: die praestites. Das Wort kommt von praestare, "vorstehen, schützen". Sie standen voran, schützten von vorne. Sie waren die obersten Schutzgeister Roms selbst, nicht eines Hauses, nicht eines Viertels, sondern der ganzen Stadt.

Plutarch wundert sich in seinen Quaestiones Romanae über die Hunde an ihrer Seite. Warum Hunde? Warum nicht Löwen, Adler, edlere Tiere? Plutarchs Antwort ist eine der schönsten der antiken Literatur. Die Lares praestites, schreibt er, sind wie Hunde. Sie sind Wächter. Sie sind treu. Sie kennen ihre Leute und ihre Stadt. Sie bellen, wenn Fremdes kommt. Sie greifen an, wenn es nötig ist. Und sie verlangen wenig zurück, nur Nähe, nur Mitleben.

Wenn ein Besucher Rom durch eines der Tore betrat, war es, als trete er über die Schwelle eines riesigen Hauses. Das Pomerium, die heilige Stadtgrenze Roms, war wie die Türschwelle eines Larariums, und die Lares praestites an der Sacra Via waren die Wächter dieses Hauses, das die ganze Stadt war. Wie die kleinen Hunde im Lararium den Hausherrn vor Eindringlingen schützten, schützten diese bronzenen Hunde die Stadt. Niemand betritt Rom, ohne dass sie es wissen. Niemand verlässt es, ohne dass sie es sehen.

Iuppiter Stator: Der Gott, der niemanden fliehen ließ

Ein paar Schritte weiter die Sacra Via hinauf, gegen den Palatin, steht ein anderer Tempel. Größer, gemauert, mit Säulenvorbau. Auf seinem Architrav steht der Name eines Gottes, den die Römer für einen ihrer ältesten halten: Iuppiter Stator. Jupiter, der zum Stehen Bringt. Auch sein Festtag ist der 27. Juni. Auch er gehört zu den Wächtern Roms, auch wenn auf eine ganz andere Art. Wenn die Lares praestites sagen: "Du bist hier sicher", sagt Iuppiter Stator: "Du weichst keinen Millimeter zurück." Die einen schützen aus mütterlich-loyaler Sorge heraus. Der andere fordert eiserne Disziplin. An derselben Sacra Via, nur wenige Schritte auseinander, treffen sich diese zwei Kräfte. Beide halten Rom zusammen, aber auf entgegengesetzten Wegen.

Die Geschichte hinter Iuppiter Stator geht zurück bis zu Romulus. So erzählt es Livius, im ersten Buch seiner Ab urbe condita. Es war in den ersten Tagen Roms, kurz nach der Gründung, im Krieg gegen die Sabiner. Die Sabiner hatten die Burg eingenommen, durch den Verrat der Tarpeia. Sie drängten die Römer ins Tal, immer weiter den Hang hinab, bis zur Stelle, wo die Sacra Via auf den Palatin trifft. Die römischen Reihen begannen zu brechen. Männer warfen ihre Schilde weg. Männer rannten. Der Krieg war fast verloren. Da blieb Romulus stehen, mitten im Strom der Fliehenden, und sprach ein Gelübde. Wenn Jupiter, der höchste Gott, die fliehenden Römer jetzt zum Stehen brächte, würde er ihm an dieser Stelle einen Tempel weihen. Den Tempel des Iuppiter Stator. Des Gottes, der niemanden fliehen ließ. Und so geschah es. Die Römer wandten sich um. Sie hielten Stand. Sie schlugen die Sabiner zurück. Romulus weihte den Tempel.

So die Sage. Die Forschung weiß, dass der erste tatsächlich bezeugte Tempelbau für Iuppiter Stator viel später kam: 294 vor Christus, gestiftet vom Konsul Marcus Atilius Regulus nach einem Sieg über die Samniten. Aber die Geschichte mit Romulus blieb. Sie war zu gut, um sie aufzugeben. Und sie erklärte präziser als jede historische Datierung, wofür dieser Gott eigentlich da war.

Iuppiter Stator war nicht nur ein Schlachtengott. Für einen Römer stand er für die Kraft, die das Chaos stoppt. Wenn Männer ihre Schilde wegwarfen, war das mehr als ein militärisches Versagen. Es war der Inbegriff von Schande, von zerbrochener Ordnung, vom Versagen der Gemeinschaft. Iuppiter Stator hielt diesem Versagen entgegen. Er war der Gott, der die innere Haltung wieder aufrichtete, wenn die äußere zusammenbrach. Die Lares wachten an den Toren der Stadt. Iuppiter Stator wachte über die Haltung der Männer in der Schlacht. Beide hielten Rom zusammen, an verschiedenen Punkten, mit verschiedenen Mitteln.

Ein berühmter Satz aus diesem Tempel

Es gibt einen Moment, in dem der Tempel des Iuppiter Stator noch einmal in die Weltgeschichte tritt, lange nach Romulus, lange nach Atilius Regulus.

Im Jahr 63 vor Christus, am 8. November, hat Marcus Tullius Cicero als amtierender Konsul den Senat zu einer Sondersitzung einberufen. Es geht um Catilina, den jungen Patrizier, der eine Verschwörung gegen den römischen Staat angezettelt hat. Cicero hat Beweise. Catilina sitzt im Senat. Cicero will ihn entlarven. Der Senat tagt an diesem Tag nicht in der Curia, dem üblichen Sitzungsgebäude. Er tagt im Tempel des Iuppiter Stator. Cicero steht auf. Er beginnt seine Rede. Und der erste Satz, mit dem er Catilina öffentlich angreift, ist einer der berühmtesten lateinischen Sätze, die je gesprochen wurden:

"Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?" - Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld missbrauchen?

Die Wahl des Ortes war kein Zufall. Cicero hatte den Tempel gewählt, weil er die symbolische Bedeutung wusste. Iuppiter Stator. Der Gott, der niemanden fliehen ließ. Der Gott, der die Männer zum Stehen brachte. An diesem Tag stand der römische Staat selbst kurz vor der Flucht. Und Cicero rief Jupiter Stator als Zeugen seines Worts. Catilina verließ noch am selben Abend die Stadt. Die Verschwörung wurde innerhalb weniger Wochen aufgedeckt und niedergeschlagen. Iuppiter Stator hatte erneut das getan, wofür er da war.

Am 27. Juni, gut sechshundert Jahre nach Romulus und siebzig Jahre nach Cicero, ehren die Priester an der Sacra Via beide. Die Lares praestites am Anfang der Straße, mit frischen Blumenkränzen über ihren bronzenen Hunden. Iuppiter Stator weiter den Hang hinauf, mit dem Altar, an dem Cicero einst stand. Beide schützen die Stadt. Beide bewahren sie. Drei Tage später wird Ovid an einem anderen Ort der Stadt seinen letzten Festtag beschreiben. Aber bis dahin steht Rom, gehalten von Hunden, die Statuen sind, und von einem Gott, der Männer zum Stehen brachte, lange bevor Marmor und Tempel daraus wurden.

30. Juni — Marcia als zehnte Muse und Ovids letzter Vers

Hercules Musagetes mit Leier und die neun Musen im Tempel auf dem Marsfeld

Ovid sitzt im Schatten der Säulen. Die Sonne neigt sich. Sommerlicht fällt schräg über das Marsfeld, vergoldet die Statuen vor ihm, die in einer Reihe stehen, in Bronze, älter als jeder lebende Römer. Neun Frauen.

Er kennt jede einzeln. Calliope, die Epische, die ihn beim Werk begleitet hat. Clio, die Geschichte. Erato, die Liebeselegie, die ihn berühmt gemacht hat. Polyhymnia, die Heilige Hymne. Melpomene, die Tragödie. Terpsichore, der Tanz. Thalia, die Komödie. Urania, die Astronomie. Euterpe, die Flötenmusik.

Über ihnen, auf einem Sockel, eine zehnte Statue. Nicht eine Frau diesmal, sondern ein Mann. Hercules. In der einen Hand die Keule, in der anderen die Leier. Hercules Musagetes, Hercules, der Anführer der Musen. Eine ungewöhnliche Verbindung. In Griechenland war es üblicherweise Apoll, der die Musen führte. In diesem Tempel, hier in Rom, übernahm der Halbgott der zwölf Aufgaben die Rolle. Ein römischer Hercules. Ein Hercules mit einer Leier. Ovid lächelt kurz. Er hat eine schwierige Bitte zu formulieren, und er weiß es.

Der Tempel, den ein Konsul aus Griechenland mitbrachte

Der Tempel selbst hat eine Geschichte, die Ovid kennt wie sein eigenes Werk. Sie beginnt 189 vor Christus, mehr als zweihundert Jahre vor diesem Augenblick. Marcus Fulvius Nobilior, Konsul jenes Jahres, führte einen Krieg in Griechenland. Gegen die Aitoler, einen Bund griechischer Städte im westlichen Mittelgriechenland. Die Aitoler hatten sich gegen Rom gestellt. Fulvius siegte, eroberte ihre Hauptstadt Ambracia, plünderte ihre Tempel und brachte Tonnen von Kunst nach Rom.

Unter dieser Beute waren neun Bronzestatuen der Musen. Wer sie geschaffen hatte, weiß man nicht. Aber sie waren so kostbar, dass Fulvius beschloss, sie nicht zu verkaufen, nicht in seinem eigenen Haus aufzustellen, sondern einen Tempel für sie zu bauen. Einen Tempel im Marsfeld, im Bereich des späteren Circus Flaminius. Er stellte die neun Musen zusammen mit einer Statue des Hercules auf, den er zum Anführer der Gruppe machte. So entstand die Aedes Herculis Musarum, der Tempel des Hercules und der Musen.

Damit war Rom plötzlich Hüter eines griechischen Heiligtums. Die Musen waren da. Die Kunst war da. Das, was Griechenland kulturell bedeutet hatte, hatte einen Platz mitten in der römischen Stadt gefunden. Und Hercules, der römische Held, der griechisch-mythische Heros, war ihr Anführer. Eine ungewöhnliche, fast verwegene Verbindung, und sie funktionierte. Im Laufe der Zeit wurde der Tempel zu mehr als einem Museum. Er wurde Aufbewahrungsort der Fasti Antiates, alter Kalenderdokumente Roms. Die fasti selbst, die Festkalender, deren poetische Variante Ovid gerade schreibt, wurden hier verwahrt. Ein Tempel der Musen also, der zugleich der Tempel der Festkalender war. Was Ovid in seinem Werk tut, ist hier in Stein bewahrt. Die Verbindung ist nicht zufällig. Es ist der richtige Ort, um die Fasti zu beenden. In der Zeit Ovids hat Lucius Marcius Philippus, der Stiefvater des Augustus, den alten Tempel restauriert. Dazu kam, wesentlich beteiligt an dieser Erneuerung, seine Tochter.

Marcia.

Marcia, die zehnte Muse

Marcia ist nicht irgendeine Frau. Sie ist Cousine ersten Grades des Kaisers. Ihre Mutter Atia und die Mutter des Augustus waren Schwestern. Damit gehört Marcia zur engsten kaiserlichen Familie, und sie ist verheiratet mit Paullus Fabius Maximus, Konsul des Jahres 11 vor Christus und einer der besten Freunde Ovids. Wenn Ovid Marcia in seinen Versen rühmt, lobt er also nicht eine zufällige römische Edelfrau. Er lobt eine Frau, die zum innersten Kreis um den Kaiser gehört. Eine Verwandte des Mannes, der über Ovids Schicksal entscheidet. Ein politischer Akt also, getarnt als poetische Geste.

Was Ovid in den Versen 801 bis 812 des sechsten Buches schreibt, ist Lob auf eine konkrete Frau. Ihre Schönheit. Ihre Abstammung. Ihre Wohltätigkeit. Aber er geht weiter. Er stellt sie mit den Musen auf eine Stufe. Sie sei "würdig" der Schwesternschaft mit ihnen. Sie sei in gewisser Weise, er sagt es nicht direkt, aber er deutet es an, eine zehnte Muse. Es ist ein riskantes Lob. Eine sterbliche Frau auf den Sockel zu heben, auf dem griechische Göttinnen stehen, ist eine Geste, die nur funktioniert, wenn der Dichter sie elegant macht. Ovid macht sie elegant. Er verstößt nicht gegen die religiöse Ordnung, er erweitert sie nur sanft. Marcia tritt nicht an die Stelle der Musen. Sie tritt zu ihnen. Sie ist da, neben ihnen, und der Tempel ist ihr Zuhause, weil sie ihn restaurieren ließ.

Der Hintergrund ist alles andere als naiv. Ovid weiß, dass er bei Augustus in einer prekären Lage steht. Seine Ars amatoria, das Lehrbuch der Verführung, hat den Kaiser verärgert. Es kursieren Gerüchte über Indiskretionen am Hof. Ovid sucht Verbündete. Marcia, Paullus Fabius Maximus, der Kreis um die Kaiserin Livia, sie alle könnten ihn schützen, wenn das Schicksal zuschlägt. Die Verse 801 bis 812 sind also nicht nur Poesie. Sie sind ein Versuch, sich einer mächtigen Frau dankbar zu erweisen, in der Hoffnung, dass sie sich ihrerseits dankbar zeigt. Es wird nicht reichen. Aber das weiß Ovid heute, in diesem Augenblick im Tempel, noch nicht.

Coeptis addite summa meis: Ovids letzter Vers

Er nimmt den Stift wieder auf. Er schreibt die Verse zum 30. Juni. Er beschreibt den Tempel, die Musen, die Restaurierung. Er rühmt Marcia. Und dann formuliert er eine Bitte an die Musen, die zugleich der gebetähnliche Auftakt zum Finale des Werks wird.

"coeptis addite summa meis." - "Setzt meinem Werk den letzten Schliff."

Es ist eine Bitte. An die Musen. An sie, das Begonnene zu vollenden. Im Kontext der Fasti meint Ovid: Helft mir, die nächsten sechs Bücher zu schreiben. Juli, August, September, Oktober, November, Dezember. Saturnalien. Vinalia. Vulcanalia. Alle die Feste, die noch kommen, die er kennt, die er beschreiben will. Was darauf folgt, ist nicht Stille. Es ist ein Klang.

Im Tempel singt Clio, die Muse der Geschichte, Ovid die Antwort auf die Bitte. Sie erzählt von Marcia, von ihrer Abstammung, von ihrer Würde. Sie schließt ihren Gesang. Die anderen Musen nicken zustimmend. Und dann, ganz am Ende des sechsten Buches der Fasti, geschieht das, was die literarische Geste des Abschiedes ist:

"annuit Alcides increpuitque lyram." - "Der Sohn des Alkaios nickte und ließ seine Leier erklingen."

Hercules, hier mit seinem Patronym Alcides angesprochen, Enkel des Alkaios, bestätigt mit einer kleinen Geste die Musen, die Erzählung, das Lob Marcias. Und dann lässt er die Leier erklingen. Ein einzelner, klarer Ton durchschneidet die Stille des Marsfeldes. Ein metallischer Klang in der Abendsonne. So endet das letzte vollendete Buch der Fasti. Nicht mit Schweigen, sondern mit einem Ton. Dieser Ton ist alles, was wir aus Ovids Feder über den römischen Festkalender besitzen. Was Juli wäre, was August, was die Saturnalien, wir werden es nie erfahren.

Das war 8 nach Christus, oder kurz davor. Wenige Monate später, oder vielleicht ein, zwei Jahre, niemand weiß es genau, erreicht ihn ein Brief des Kaisers Augustus. Er wird des Landes verwiesen. Verbannt nach Tomis, einer kleinen Stadt am Schwarzen Meer, am äußersten Rand des Reiches, wo die Winter hart sind und die Bewohner nur wenig Latein verstehen. Ovid wird seine Familie nicht wiedersehen. Er wird Rom nicht wiedersehen. In Tomis wird er die Fasti überarbeiten. Was wir heute lesen, ist nicht die erste Niederschrift, sondern die Version, die der Verbannte aus der Erinnerung redigiert hat. Der Tempel des Hercules und der Musen, den er in den Versen 797 bis 812 beschreibt, ist für ihn am Schwarzen Meer nur noch ein Erinnerungsort. Die kühlen Säulen. Die Bronzestatuen. Marcia, die zehnte Muse. All das ist für ihn unerreichbar geworden. Er beschreibt einen Ort, den er nie wieder betreten wird.

Er schreibt auch andere Werke in Tomis. Die Tristia, die Klagelieder. Die Epistulae ex Ponto, Briefe vom Schwarzen Meer. Beides voll Sehnsucht, voll Verzweiflung, voll Bitten an alte Freunde, sich beim Kaiser für ihn einzusetzen. Niemand hilft. Im Jahr 17 oder 18 nach Christus stirbt Ovid in Tomis. Die Fasti bleiben so, wie er sie verließ. Sechs Bücher, sechs Monate. Januar bis Juni. Und am Ende des Junis, im Tempel der Musen, klingt eine Leier.

Das war Ovids letzter Festtag.

Götter des Juni — Steckbrief

Gottheit Domäne / Funktion Symbole / Attribute Tempel / Heiligtum Festtag
Iuno Moneta Warnerin, Aspekt der Iuno Gänse, Münzen Kapitol 1. Juni
Carna / Cardea Türangeln, innere Organe Weißdorn Caelius 1. Juni
Tempestates Sturmgöttinnen (in den Quellen kaum beschrieben) Altar Porta Capena 1. Juni
Bellona Kriegsgöttin Speer, Doppelaxt Campus Martius 3. Juni
Semo Sancus Dius Fidius Treuegott, Eide und Verträge Loch im Tempeldach Quirinal 5. Juni
Vater Tiber / Vulcanus Fluss und Feuer Fische, Schmiedehammer Volcanal 7. Juni
Vesta Herd, ewiges Feuer Feuer, weißes Gewand Forum Romanum 7. bis 15. Juni
Mater Matuta Frühlicht, Geburt Opferkuchen, Kinder Forum Boarium 11. Juni
Minerva (für die Tibicines) Schutzherrin der Künste Tibia, Maske Aventin 13. bis 15. Juni
Fors Fortuna Glück, Schicksal Boot, Rad Rechtes Tiberufer 24. Juni
Lares praestites Schutzgeister der Stadt Bronzene Hunde Sacra Via 27. Juni
Iuppiter Stator Standhaftigkeit Säule, Blitz Sacra Via / Palatin-Fuß 27. Juni
Hercules Musagetes und die neun Musen Künste, Heldenmut Leier, Keule Marsfeld 30. Juni

Fazit — Eine Leier, die nachklingt und ein Sommer, der beginnt

Der römische Juni ist weit mehr als nur der Übergang in den Sommer. Er ist ein rituelles Aufatmen, das uns bis heute zeigt, wie tief Glaube, Recht und Lebensfreude in unserer Kultur verwurzelt sind.

Er beginnt mit einer unerbittlichen Ernsthaftigkeit, die uns in jedem modernen Gerichtssaal begegnet: Die Eidesformel vor Dius Fidius am 5. Juni hallt noch heute in unserem "So wahr mir Gott helfe" nach. Ein Satz, der zweitausend Jahre überdauert hat und daran erinnert, dass Vertrauen das Fundament jeder Gesellschaft ist.

Besonders faszinierend ist die heilige Woche der Vesta vom 7. bis 15. Juni, eine Zeit des Innehaltens und der Besinnung. In dieser Phase stand das offizielle Leben Roms rituell still, bis am 15. Juni der entscheidende Wendepunkt kam: Q.ST.D.F., Quando Stercum Delatum Fas. Die Vestalinnen trugen den rituellen Unrat eines ganzen Jahres aus dem Tempel hinaus, und erst in diesem Moment des großen Hausputzes wurde das normale Leben wieder erlaubt. Das ist eine zeitlose Lehre: Wir müssen den alten Ballast erst rituell entsorgen, bevor wir mutig neue Wege gehen, sei es eine Hochzeit, ein neuer Vertrag oder eine große Reise.

Doch der Juni ist auch der Monat der sozialen Durchlässigkeit. Am 24. Juni, dem Fest der Fors Fortuna, gehörte der Tiber den Sklaven und einfachen Leuten. In den bekränzten Booten auf dem Fluss wurde die strenge Ordnung für einen Tag durch Wein und Lachen weggespült. Es ist die Erinnerung daran, dass das Schicksal unberechenbar ist und dass jeder, vom König bis zum Sklaven, ein Recht auf diesen Moment der Freiheit hat. Servius Tullius, der den Tempel gestiftet haben soll, war selbst das Kind einer Sklavin und wurde König. Niemand verstand besser, dass das Glück die Seiten wechseln kann.

Schließlich endet der Juni mit einer melancholischen Note im Tempel des Hercules und der Musen. Hier bricht Ovids monumentales Werk, die Fasti, am 30. Juni abrupt ab. Hercules lässt seine Leier erklingen, ein einzelner klarer Ton, und dann ist Schluss. Es ist ein mahnendes Echo der Geschichte, das uns zeigt, wie fragil Ruhm und Kunst im Angesicht der Macht sein können. Acht Jahre vor seinem Tod in der Verbannung von Tomis legte der größte Dichter seiner Zeit den Stift weg, und das Werk blieb ein Torso.

Mein Fazit: Der Iunius lehrt uns Standhaftigkeit (Iuppiter Stator), Loyalität (Dius Fidius) und die Notwendigkeit des Loslassens (Q.ST.D.F.).

Wenn Sie das nächste Mal den Staub eines vergangenen Jahres abschütteln wollen, denken Sie an die Vestalinnen. Manchmal braucht es einen rituellen Hausputz, bevor der Kopf wieder frei wird für das, was kommt. Wenn Sie das nächste Mal einen Vertrag unterschreiben oder einen Eid leisten, denken Sie an einen kleinen Tempel auf dem Quirinal mit einem Loch im Dach. Und wenn Sie das nächste Mal an einem Sommerabend am Fluss sitzen und keinen guten Grund dafür haben außer der Wärme und dem Wein, denken Sie an Hilarius, den Sklaven aus Asia Minor, der vor zweitausend Jahren genau das tat, am Tiber, in einem geschmückten Boot.

Rom ist nicht untergegangen. Es lebt in jedem unserer Versprechen, in jedem rituellen Loslassen, in jedem befreienden Lachen am Fluss weiter.

So endet der römische Juni. So fängt der Sommer an.

Römischer Sommer am Tiber: Boote, Tempel und das Ende des Iunius

Wie verschiedene Gruppen den Juni erlebten

Gruppe Wie der Juni sie traf
Senatorenfrauen Vestalia-Pilgerung zum Tempel der Vesta, barfuß, mit einfachen Opferschalen. Am 11. Juni Matralia am Forum Boarium, wo sie für die Kinder ihrer Schwestern beten
Plebejerinnen und Mütter Carna-Ritual am 1. Juni: Weißdorn an die Türrahmen, Bohnen mit Speck zum Mittag. Schutz für die Kinder vor den Striges. Matralia für die Nichten und Neffen
Sklaven und Sklavinnen Am 24. Juni, dem Fors-Fortuna-Tag, der wichtigste Tag im Jahr. Boote auf dem Tiber, Wein, Weihrauch. Servius Tullius als Sklavenkind, das König wurde, ist ihr Symbol. Beim Matralia-Ritual werden Sklavinnen jedoch rituell aus dem Tempel vertrieben
Händler und Kaufleute Vertragsabschlüsse vor dem Tempel des Dius Fidius am 5. Juni. "Me Dius Fidius iuvet." Schweineopfer. Iuno Moneta am 1. Juni als Schutzgöttin der Münzprägung
Bauern auf dem Land Carna-Ritual auf dem Hof. Vestalia mit eigenen Vestalinnen-Riten in den Dörfern. Mola salsa als Verbindung zwischen Ernte und Tempelopfer
Soldaten und Veteranen Bellona-Ritual am 3. Juni: Speerwurf vor der Columna bellica. Mark Aurels Markomannenkrieg beginnt hier. Iuppiter Stator am 27. Juni für die Standhaftigkeit in der Schlacht
Priester und Magistrate Mehrere Tempelweihtage. Pontifex Maximus überwacht die Vestalinnen. Fetiales vollziehen die Speerwürfe an der Bellona-Säule
Tibicines (Flötenspieler) Eigener Berufsstand-Festtag 13. bis 15. Juni. Quinquatrus Minusculae. Maskenumzug in langen Festgewändern. Drei Tage Karneval
Fischer und einfaches Volk Ludi Piscatorii am 7. Juni: Tagesfang in das Feuer des Vulcanus. Fors-Fortuna-Volksfest am 24. Juni am Tiber. Boote, Wein, Heimkehr betrunken
Dichter und Gelehrte Aedes Herculis Musarum am 30. Juni. Ovid am Tempel der Musen. "Annuit Alcides increpuitque lyram." Letztes Buch der Fasti endet hier
Brautpaare Wartender Status bis zum 15. Juni. Vestalia-Tabuwoche verbietet Hochzeiten. Mit Q.ST.D.F. endet die Sperrzeit

Was vom Iunius übrig blieb

Frage Im antiken Rom Heute
Woher hat der Juni seinen Namen? Mensis Iunius, der Monat, der der Göttin Iuno geweiht war. Das Adjektiv Iunius leitet sich von Iuno ab Der deutsche Monatsname Juni. Seit dem 8. Jahrhundert als "Junius" belegt, im 16. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt, im 18. Jahrhundert zur Form Juni gekürzt
Was war der "Brachmonat"? Die Dreifelderwirtschaft prägte den Jahreslauf. Rund um den Johannistag, den 24. Juni, wurden die Brachfelder umgebrochen Der alte deutsche Name für den Juni: Brachmonat oder Brachet. Seit althochdeutscher Zeit belegt, abgelöst durch Juni ab dem 16. Jahrhundert
Woher kommt das Wort "Moneten"? Der Tempel der Iuno Moneta auf dem Kapitol stand am Standort der römischen Münzprägestätte. Die Münzen erhielten den Namen moneta Die Wörter Moneten, englisch money, französisch monnaie und deutsch Münze leiten sich alle von moneta ab
Warum schwört man "So wahr mir Gott helfe"? Beim Treuegott Semo Sancus Dius Fidius schwor man mit der Formel Me Dius Fidius iuvet. Eide wurden in seinem Tempel auf dem Quirinal besiegelt Dieselbe Schwurlogik lebt in der Eidesformel "So wahr mir Gott helfe" fort, die bis heute in Gerichtssälen und bei Amtseiden gesprochen wird
Warum beginnt im Juni der Sommer? Die Sommersonnenwende war den Römern als längster Tag des Jahres bekannt und fiel in die zweite Junihälfte Der astronomische Sommerbeginn am 21. Juni, bis heute kalendarischer Wendepunkt des Jahres
Was ist die wichtigste Quelle zum römischen Festkalender? Ovids Fasti, ein Versepos über die Festtage des römischen Jahres, abgebrochen am 30. Juni nach dem sechsten Buch Die Fasti gelten bis heute als die zentrale literarische Quelle zum römischen Festkalender. Bücher I bis VI, Januar bis Juni, sind erhalten

Häufige Fragen zum römischen Juni

Warum heißt der Juni Juni?

Der Monat Juni ist nach der römischen Göttin Iuno (Juno) benannt, der Schutzgöttin Roms und Gemahlin Jupiters. Das lateinische mensis Iunius bedeutet "der Iuno geweihte Monat". Schon der Dichter Ovid diskutierte diese Herleitung, auch wenn er die Göttinnen Iuno, Iuventas und Concordia um die Ehre streiten ließ.

Wer war Vesta?

Vesta war die römische Göttin von Herd, Heim und dem ewigen Feuer Roms. Im griechischen Pantheon entspricht ihr die Göttin Hestia. Ihr Kult zählte zu den wichtigsten Staatskulten. Im Vesta-Tempel auf dem Forum Romanum brannte das ewige Feuer, das niemals erlöschen durfte. Vesta wurde selten in Menschengestalt dargestellt, sie war das Feuer selbst.

Was waren die Aufgaben der Vestalinnen?

Die sechs Vestalinnen hüteten das ewige Feuer Roms, das niemals erlöschen durfte. Sie stellten die mola salsa her, das gesalzene Mehl für alle Staatsopfer, holten täglich Wasser aus der heiligen Quelle der Egeria und bewachten das Palladium und andere heilige Gegenstände im Tempel. Der Pontifex Maximus wählte sie als Kinder aus, ihre Dienstzeit betrug 30 Jahre.

Warum mussten die Vestalinnen jungfräulich bleiben?

Die Vestalinnen mussten während ihrer 30-jährigen Dienstzeit jungfräulich bleiben. Antike Autoren verbanden die Reinheit der Priesterinnen mit der Sicherheit Roms und der Reinheit des heiligen Feuers. Verlor eine Vestalin ihre Jungfräulichkeit, wurde sie lebendig in einer Kammer bei der Porta Collina begraben, weil das direkte Blutvergießen einer Vestalin als Sakrileg galt.

Wer war Rhea Silvia?

Rhea Silvia war eine Vestalin und nach dem römischen Gründungsmythos die Mutter von Romulus und Remus. Ihr Onkel Amulius hatte sie zur Vestalin gemacht, damit sie keine Kinder bekäme. Sie wurde dennoch schwanger, der Vater war der Kriegsgott Mars. Damit gilt Rhea Silvia als mythische Stammmutter Roms.

Was bedeutet "So wahr mir Gott helfe" und woher kommt es?

Im antiken Rom schwor man beim Treuegott Semo Sancus Dius Fidius mit der Formel Me Dius Fidius iuvet, "so möge mir Dius Fidius helfen". Wichtige Schwüre wurden in seinem Tempel auf dem Quirinal abgelegt, der ein Loch im Dach hatte, damit der Gott vom freien Himmel aus zuhören konnte. Das lateinische Verb iuvare, helfen, findet sich noch heute in der Eidesformel "So wahr mir Gott helfe".

Was ist die Mater Matuta?

Mater Matuta war die römische Göttin des Frühlichts, der Geburt und des frühen Wachstums. Ihr Name leitet sich von derselben Wurzel wie matutina, die Morgenstunde, ab. An ihrem Fest, den Matralia am 11. Juni, beteten römische Matronen am Forum Boarium für die Kinder ihrer Schwestern, nicht für die eigenen.

Was wurde am Fest der Fors Fortuna gefeiert?

Am 24. Juni feierte Rom die Glücksgöttin Fors Fortuna. Es war ein Volksfest, an dem auch Sklaven teilnahmen. Die Menschen fuhren in geschmückten Booten über den Tiber zum Tempel jenseits der Stadtmauer, tranken Wein und feierten. Der Tempel soll von König Servius Tullius gestiftet worden sein, der selbst Sohn einer Sklavin war.

Warum brechen Ovids Fasti im Juni ab?

Ovids Fasti, das große Versepos über den römischen Festkalender, enden am 30. Juni nach dem sechsten Buch. Ovid wurde im Jahr 8 nach Christus von Kaiser Augustus nach Tomis am Schwarzen Meer verbannt. Ob die Bücher für Juli bis Dezember verloren gingen oder nie geschrieben wurden, ist bis heute ungeklärt.

Quellen und weiterführende Literatur

Antike Hauptquellen

  • Ovid, Fasti, Buch VI (die zentrale Quelle für fast alle Junifeste)
  • Ovid, Fasti, Buch III (Rhea Silvia und die Gründungssage)
  • Ovid, Tristia und Epistulae ex Ponto (Verbannung nach Tomis)
  • Macrobius, Saturnalia (Kalendae fabariae, Festkalender)
  • Titus Livius, Ab urbe condita (Romulus und Iuppiter Stator, Bellona-Tempel, Streik der Tibicines, Servius Tullius, Fors Fortuna, Mater Matuta)
  • Plutarch, Quaestiones Romanae (Matralia, Lares praestites, Tibicines-Streik, Vestalinnen)
  • Plutarch, Numa und De fortuna Romanorum (Vesta-Kult, Servius Tullius)
  • Plinius der Ältere, Naturalis historia (Gänse auf dem Kapitol, neun Musen des Fulvius Nobilior)
  • Marcus Terentius Varro, De lingua Latina (Etymologien, Q.ST.D.F., Dius Fidius)
  • Sextus Pompeius Festus, De verborum significatu (Penus Vestae, stercus, Q.ST.D.F.)
  • Cicero, In Catilinam und De natura deorum (Iuppiter Stator, Vesta-Theologie)
  • Cassius Dio, Römische Geschichte (Bellona-Ritual unter Mark Aurel, Vestalin Cornelia)
  • Aulus Gellius, Noctes Atticae (Auswahl und Regeln der Vestalinnen)
  • Plinius der Jüngere, Epistulae (Prozess gegen die Vestalin Cornelia)
  • Zosimus, Historia Nova (Ende des Vesta-Kults, Serena-Episode)

Standardwerke der Forschung

  • Georg Wissowa, Religion und Kultus der Römer
  • Kurt Latte, Römische Religionsgeschichte
  • H. H. Scullard, Festivals and Ceremonies of the Roman Republic
  • Mary Beard / John North / Simon Price, Religions of Rome
  • Jörg Rüpke, Die Religion der Römer

Online-Ressourcen

Dieser Beitrag wurde mit größter Sorgfalt auf Grundlage der genannten antiken Quellen und der modernen Forschungsliteratur erstellt. Stand: Juni 2026.

Aktualisiert am: 01.06.2026

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"Autorin Manuela Priess"

Über die Autorin:

Salvete! Mein Name: Manuela Priess und mich interessiert an der römischen Geschichte vor allem das, was oft zwischen den großen Daten und bekannten Namen liegt: der Alltag, die kleinen Details und die Geschichten hinter der Geschichte. Ich schreibe über Themen, die in der Antike verwurzelt sind und bis in unseren heutigen Alltag hineinreichen. Meine Texte sind quellenbasiert, verständlich erzählt und dort, wo es passt, mit eigenen Erfahrungen aus vielen Jahren Reenactment verbunden. Besonders intensiv habe ich mich viele Jahre lang mit römischer Frisurenmode und Blumen in der Antike beschäftigt, in Workshops auf Museumsevents und bei Vorträgen in römischen Museen. Im Römer Shop leite ich den Servicebereich und begleite unsere Kundinnen und Kunden mit Rat, Erfahrung und einem Blick für die Geschichte hinter dem Produkt. Mein Ziel ist es, römische Geschichte so zu beschreiben, dass sie nicht im Museum stehen bleibt, sondern im Alltag und im Kopf lebendig wird.

Also Augen zu, historisches Kopfkino an...

Andreas Hopson Autor - Experte für experimentelle Archäologie seit über 25 Jahren
Andreas Hopson - Der Römer Shop

Über den Autor:

Andreas Hopson ist Experte für römische Alltagskultur und antike Mosaiktechniken und verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der experimentellen Archäologie.

Im Rahmen der experimentellen Archäologie forscht, rekonstruiert und vermittelt Andreas Hopson römische Alltagsgegenstände und die Handwerkstechniken antiker Mosaizisten. Seine Expertise stützt sich auf Quellenstudium, praktische Umsetzung und vernetzte Arbeit in Fachverbänden.

Mit seinen Publikationen, Workshops und Rekonstruktionen unterstützt er Museen, Schulen und Forschungseinrichtungen dabei, antikes Handwerk lebendig und nachvollziehbar zu vermitteln.

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