Vierkaiserjahr II
IMPERATOR CAESAR PUBLIUS HELVIUS PERTINAX AUGUSTUS
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So sah Pertinax aus: Büsten, Münzen & mehr
Antike Darstellungen aus Museen im Vergleich: Was ist gleich, was ist anders?






Alle Fotos zeigen antike Originale und sind gemeinfrei. Zu den Bildnachweisen. Die Porträtzeichnung oben ist eine künstlerische Interpretation.
Der Sohn eines Freigelassenen auf dem Thron
In der Silvesternacht des Jahres 192 n. Chr. bekommt ein 66 Jahre alter Mann überraschend Besuch von Verschwörern, die ihm das Römische Reich anbieten: So beginnt die kurze Herrschaft des Pertinax.
Wenige Stunden zuvor war Kaiser Commodus ermordet worden. Geschickt hatten die Besucher der Prätorianerpräfekt Laetus und der Kämmerer Eclectus. Ihr Kandidat hatte eine außergewöhnliche Karriere hinter sich: Sein Vater war ein Freigelassener, also ein ehemaliger Sklave, und Pertinax selbst hatte sich vom Lehrer über den Offizier bis zum Statthalter und Stadtpräfekten von Rom hochgearbeitet. Als Kaiser hielt er sich genau 87 Tage.
Wie wurde er in der Geschichte wahrgenommen? Der Senator Cassius Dio kannte ihn persönlich und zeichnet ihn als ehrlichen, sparsamen und tüchtigen Herrscher. Sein einziger Fehler sei gewesen, alles auf einmal reformieren zu wollen. Machiavelli nannte ihn später in seinem Buch „Der Fürst“ als Beispiel, und der Historiker David Hume lobte ihn als „excellent prince“. Doch Vorsicht: Dio verdankte Pertinax sein Amt als Prätor, war also kein neutraler Beobachter.
Vom Lehrerpult in den Kaiserpalast
Geburt in Ligurien
Publius Helvius Pertinax kommt in Alba Pompeia zur Welt, dem heutigen Alba im Piemont; sein Vater Helvius Successus ist ein Freigelassener.
Vom Lehrer zum Offizier
Laut Historia Augusta gibt er seinen schlecht bezahlten Beruf als Grammatiklehrer auf und übernimmt mit Hilfe eines Gönners das Kommando über eine Kohorte in Syrien.
Bewährung im Partherkrieg
Er zeichnet sich im Krieg gegen die Parther aus und dient danach unter anderem als Tribun der Legio VI Victrix in Britannien.
Konsul
Nach Erfolgen in den Markomannenkriegen wird er Konsul, und zwar zusammen mit Didius Iulianus, seinem späteren Nachfolger auf dem Thron.
Meuterei in Britannien
Als Statthalter Britanniens greift er hart durch; meuternde Soldaten lassen ihn für tot liegen, 187 muss er sein Amt aufgeben.
Africa und Rom
Er verwaltet als Prokonsul die Provinz Africa und wird anschließend Stadtpräfekt von Rom.
Konsul neben dem Kaiser
Pertinax tritt sein zweites Konsulat an, gemeinsam mit Kaiser Commodus.
Kaiser über Nacht
Nach dem Mord an Commodus am 31. Dezember wird Pertinax in der Nacht im Lager der Prätorianer ausgerufen und noch vor Tagesanbruch vom Senat bestätigt.
Putschversuch
Während Pertinax an der Küste die Getreideversorgung prüft, wollen Soldaten den Konsul Sosius Falco zum Kaiser machen; der Plan scheitert.
Tod im Palast
Rund 200 Prätorianer (laut Historia Augusta 300) stürmen den Palast und töten den Kaiser; nur Eclectus verteidigt ihn bis zuletzt.
87 Tage Kassensturz
- Ein Kaiser wider Willen? Laut Cassius Dio schickte Pertinax, als Laetus und Eclectus vor ihm standen, zuerst seinen treuesten Freund los, um sich die Leiche des Commodus mit eigenen Augen anzusehen. Dann ging er heimlich ins Lager der Prätorianer und gewann die Soldaten mit dem Versprechen von Geld. Im Senat erklärte er, die Soldaten hätten ihn ernannt, er wolle das Amt aber gar nicht. Ob Pertinax schon vorher von der Verschwörung wusste, ist bis heute umstritten.
- Partner des Senats: Pertinax ließ sich nach altem Brauch „Princeps senatus“ nennen, also Erster des Senats, stellte die Ehre der unter Commodus zu Unrecht Hingerichteten wieder her und schwor, eine solche Strafe niemals zu billigen. Als der Senat den Putschisten Falco verurteilen wollte, rief er laut Cassius Dio: „Die Götter mögen verhüten, dass unter meiner Herrschaft ein Senator getötet wird, selbst wenn es gerecht wäre.“
- Leere Kassen: Nach Commodus war die Staatskasse fast leer. Pertinax ließ deshalb dessen Besitz versteigern: Statuen, Waffen, Pferde, Möbel, Ausrüstung für Wagenrennen und Gladiatorenspiele und sogar die Lieblinge des Commodus. Außerdem erhöhte er den Silbergehalt des Denars deutlich, nach heutigen Messungen von etwa 74 auf 87 Prozent.
- Land für alle, die arbeiten: Laut Herodian durfte jeder brachliegendes Land in Italien und den Provinzen bebauen, selbst wenn es dem Kaiser gehörte, und war dann zehn Jahre lang von allen Steuern befreit. Zölle, die Commodus eingeführt hatte, schaffte er ab. Ob dieses Gesetz wirklich so großzügig war, lässt sich außer bei Herodian nicht überprüfen.
- Ärger mit der Garde: Die Prätorianer waren unter Commodus verwöhnt worden. Pertinax verlangte wieder Disziplin und zahlte ihnen laut Cassius Dio rund 12.000 Sesterzen pro Mann. Vor dem Senat behauptete er, er habe so viel gegeben wie einst Marc Aurel und Lucius Verus, doch Dio stellt klar, dass jene etwa 20.000 Sesterzen gezahlt hatten. Die Historia Augusta behauptet sogar, er habe nur die Hälfte der versprochenen Summe ausgezahlt.
- Familie auf Abstand: Pertinax lehnte es laut Cassius Dio ab, seine Frau zur Augusta und seinen Sohn zum Caesar zu machen, obwohl der Senat es erlaubt hatte. Die Kinder wohnten beim Großvater statt im Palast, damit der Junge erst einmal ordentlich erzogen wurde.
Cassius Dio fasst zusammen: Pertinax habe trotz all seiner Erfahrung nicht verstanden, dass man nicht gefahrlos alles auf einmal reformieren kann. Am 28. März 193 marschierten die unzufriedenen Prätorianer laut Herodian um die Mittagszeit los. Pertinax floh nicht, sondern trat ihnen entgegen und versuchte, sie mit einer Rede umzustimmen. Ein Soldat sprang laut Dio vor und rief: „Dieses Schwert schicken dir die Soldaten!“ Danach steckten die Soldaten seinen Kopf auf einen Speer.
Sparsam, bärtig, hartnäckig
- Herkunft: Sein Vater Helvius Successus war ein Freigelassener. Laut Historia Augusta handelte er mit Holz und nannte seinen Sohn Pertinax, „den Hartnäckigen“, weil er dieses Geschäft so beharrlich betrieb. Cassius Dio schreibt nur, der Junge habe gerade genug Bildung erhalten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
- Lehrer und Soldat: Die Historia Augusta erzählt, er sei zuerst selbst Grammatiklehrer gewesen und habe dann zum Militär gewechselt, weil der Beruf zu wenig einbrachte. Auch die Encyclopaedia Britannica nennt ihn einen ehemaligen Lehrer. Wer ihm den Einstieg verschaffte, ist unklar: Die Historia Augusta nennt Lollianus Avitus, Cassius Dio dagegen Claudius Pompeianus.
- Aussehen: Laut Historia Augusta war er ein stattlicher alter Mann mit langem Bart und zurückgekämmtem Haar, etwas beleibt, aber mit königlicher Haltung.
- Knauserig? Cassius Dio berichtet, Pertinax habe statt großer Festessen manchmal nur einfache Gerichte an seine Gäste geschickt, worüber die Reichen spotteten. Die Historia Augusta übertreibt wohl wieder und behauptet, er habe Salat und essbare Disteln nur in halben Portionen serviert.
- Familie: Er war mit Flavia Titiana verheiratet, der Tochter des Senators Titus Flavius Claudius Sulpicianus. Das Paar hatte einen Sohn, Publius Helvius Pertinax, und eine Tochter, deren Name nicht sicher überliefert ist. Der Sohn wurde 212 n. Chr. von Kaiser Caracalla hingerichtet.
Quellenkritik: Unser wichtigster Zeuge, Cassius Dio, saß als Senator im Senat, verdankte Pertinax das Amt des Prätors und nahm an seiner Trauerfeier teil. Kein Wunder, dass sein Urteil so freundlich ausfällt. Die Historia Augusta liefert viele bunte Einzelheiten, ist aber spät entstanden und als Quelle sehr unzuverlässig. Wie gut man sie überprüfen kann, zeigt ein Stein aus Brühl bei Köln: Seine Inschrift nennt die Laufbahn des Pertinax und korrigiert die Historia Augusta an mehreren Stellen.
Warum ist er wichtig? Mit dem Mord an Pertinax begann das Jahr 193, in dem mehrere Männer gleichzeitig Kaiser sein wollten. Weil Clodius Albinus zunächst nur den Titel Caesar trug, spricht man im Deutschen vom Zweiten Vierkaiserjahr, im Englischen vom Jahr der fünf Kaiser. Der Sieger Septimius Severus nannte sich selbst Pertinax, ließ seinen Vorgänger vergöttlichen und richtete seine Mörder hin.
Wusstest du schon?
Quellen zu den Fun Facts: Rennpferd: Cassius Dio 74,4; Name: Historia Augusta, Pertinax 1,1; Taxameter: Historia Augusta, Pertinax 8,7; Salat: Historia Augusta, Pertinax 12,2; Flunkerei: Cassius Dio 74,8; Wachspuppe und Adler: Cassius Dio 75,4,3 und 75,5,5. Buchzählung bei Cassius Dio nach Boissevain, in der Loeb Ausgabe (Cary) Buch 73 und 74. Die Historia Augusta gilt als unzuverlässig.
Ein Stein erzählt eine Karriere
- Alba im Piemont
- Pertinaxstein aus Brühl bei Köln
- York (Legio VI Victrix)
- Karthago
- Prätorianerlager in Rom
- Machiavelli, „Der Fürst“
Der Pertinaxstein: In Brühl bei Köln fand man Bruchstücke einer Ehreninschrift, die die Bürger von Köln auf eigene Kosten für Pertinax aufgestellt hatten. Der linke Rand fehlt, und der Rest wurde später für einen Sarkophag wiederverwendet. Trotzdem konnten Fachleute den Namen Helvius erkennen und die Laufbahn rekonstruieren, weil römische Inschriften festen Mustern folgen. Sie nennt unter anderem das Kommando über eine gallische Kohorte, das Tribunat in der Legio VI Victrix, das Kommando über die Rheinflotte und hohe Finanzämter in Dakien und Mösien. So korrigiert ein Stein die Historia Augusta, die zum Beispiel ein falsches Amt nennt.
Projektidee für den Unterricht: „Inschriftendetektive“
Die Klasse bekommt die Inschrift des Pertinaxsteins mit fehlendem linken Rand (Rekonstruktion bei livius.org) und eine einfache Liste typischer Abkürzungen. In Gruppen ergänzen die Schülerinnen und Schüler die Lücken und legen die Ämter in die richtige Reihenfolge. Danach vergleichen sie das Ergebnis mit der Laufbahn in der Historia Augusta: Wo stimmen beide überein, wo widersprechen sie sich, und welcher Quelle würdet ihr eher trauen? Zum Abschluss überlegt die Klasse, warum ein vom Lehrer zum Kaiser aufgestiegener Mann für die Römer so ungewöhnlich war.
Teste dich! 4 Fragen zu Pertinax
1. Welchen Beruf soll Pertinax ausgeübt haben, bevor er Offizier wurde?
Laut Historia Augusta war er Grammatiklehrer, gab den Beruf aber auf, weil er zu wenig einbrachte.
2. Wie lange regierte Pertinax?
87 Tage, vom 1. Januar bis zum 28. März 193 n. Chr.
3. Was bedeutet der lateinische Name Pertinax?
„Hartnäckig“ oder „beharrlich“.
4. Was taten die Prätorianer nach seiner Ermordung?
Sie versteigerten den Thron an den Meistbietenden; Didius Iulianus bot 25.000 Sesterzen pro Soldat und wurde Kaiser.
Zu ehrlich für die Garde
Pertinax war ein Aufsteiger, wie ihn Rom selten gesehen hatte: Sohn eines Freigelassenen, Lehrer, Offizier, Statthalter und schließlich Kaiser. Er wollte nach den wilden Jahren unter Commodus die Kassen sanieren, den Senat achten und die Soldaten wieder an Disziplin gewöhnen. Genau das kostete ihn nach 87 Tagen das Leben. Sein Ende zeigt, wer im Jahr 193 wirklich die Macht in Rom hatte: die Prätorianer. Und es lehrt uns, auch einem freundlichen Zeugen wie Cassius Dio kritische Fragen zu stellen.
Pertinax für Unterricht und Sammlung
Münzen, Büsten und Bastelideen rund um Pertinax: für den Unterricht, fürs Reenactment oder als Geschenk. Mehr findest du bei den antiken Münzen und den Kaiserbüsten.
Sesterz des PertinaxReplik einer Münze mit dem Porträt des Kaisers.Zum Artikel
Sesterz des Didius JulianusMünze seines Nachfolgers im Jahr 193.Zum Artikel
Relief LegionärePertinax machte als Offizier im Heer Karriere.Zum Artikel
Kartonmodell KastellEin Lager, wie Pertinax es als Offizier kannte.Zum Artikel
Lorbeerkranz zum BastelnDer Kranz siegreicher Feldherren und Kaiser aus Papier.Zum Artikel
Poster Römische KaiserDie römischen Kaiser im Überblick, als Poster in DIN A3.Zum Artikel
Weiterlesen
- Alle römischen Kaiser im Überblick
- Kaiser Commodus, sein Vorgänger, dessen Ermordung Pertinax auf den Thron brachte
- Kaiser Marc Aurel, unter dem Pertinax in den Markomannenkriegen aufstieg
- Kaiser Galba, ein anderer sparsamer alter Kaiser, der sich im ersten Vierkaiserjahr 69 mit den Prätorianern anlegte
- Römisches Museum in deiner Nähe
Quellen
- Cassius Dio: Römische Geschichte, Buch 74 und Buch 75,1 bis 75,5 (Auszüge des Xiphilinus; Zählung nach Boissevain, in der Loeb Ausgabe Buch 73 und 74), Bericht eines Zeitzeugen und Senators
- Herodian: Römische Geschichte, Buch 2 (englische Übersetzung: Edward C. Echols, Herodian of Antioch's History of the Roman Empire, Berkeley/Los Angeles 1961)
- Historia Augusta: Vita Pertinacis (als Quelle sehr unzuverlässig)
- Kolbe, H.-G.: Der Pertinaxstein aus Brühl bei Köln, in: Bonner Jahrbücher 162, 1962
- Elliott, Simon: Pertinax. The Son of a Slave Who Became Roman Emperor, Greenhill Books 2020
- Clauss, Manfred (Hg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian, München (C.H. Beck) 1997
Bildnachweise
- Hauptbild und Porträtzeichnung: künstlerische Interpretation, © DER RÖMER SHOP
- Bild 1/6: Porträtkopf des Pertinax auf neuzeitlicher Büste, 193 n. Chr., Vatikanische Museen (Museo Pio Clementino), ausgestellt im Musée Lugdunum Lyon: Foto Romainbehar (2021), CC0 (gemeinfrei), Wikimedia Commons
- Bild 2/6: Aureus des Pertinax, Rom 193 n. Chr., American Numismatic Society (Inv. 1905.57.439): CC0 (gemeinfrei), Wikimedia Commons
- Bild 3/6: Büste des Pertinax, Uffizien Florenz (Inv. 1914 Nr. 202): Foto L. Dyck (2017), gemeinfrei, Wikimedia Commons
- Bild 4/6: Denar des Pertinax, Rom 193 n. Chr., American Numismatic Society (Inv. 1944.100.50042): CC0 (gemeinfrei), Wikimedia Commons
- Bild 5/6: Sesterz des Pertinax, Rom 193 n. Chr., Vorderseite, Universitätsbibliothek Gent (800000089535): CC0 (gemeinfrei), Wikimedia Commons
- Bild 6/6: Derselbe Sesterz des Pertinax, Rückseite, Universitätsbibliothek Gent (800000089535): CC0 (gemeinfrei), Wikimedia Commons


