Maius: Wonnemonat heute, Unglücksmonat damals — und Bona Dea mittendrin
Wie war der Mai im antiken Rom?
Das Wichtigste in Kürze
Der römische Mai, lateinisch Maius, hieß nach einer Wachstumsgöttin und galt trotzdem als Unglücksmonat. Sein Name geht auf Maia zurück, eine alte römische Göttin, die mit der Bona Dea identifiziert wurde. Trotzdem mieden die Römer in diesem Monat Hochzeiten, schlossen Tempel und fürchteten die Nächte. Drei davon gehörten den Lemuren, den ruhelosen Geistern der Verstorbenen. Ovid prägte den Satz, den Eltern bis heute zitieren, ohne seine Herkunft zu kennen: „Mense Maio malae nubunt", sinngemäß: Wer im Mai heiratet, heiratet unter schlechten Vorzeichen. Was wir heute als Aberglaube belächeln, war für die Römer pragmatisch. Wer in einem Geistermonat heiratete, lud die Toten zum Hochzeitsmahl. Der Maius war ein Monat zwischen den Welten, voller Blüten und Bohnen, Mütter und Mauern, Düfte und Ahnen. Wie Rom diesen Widerspruch lebte, warum die heutigen Maibäume nicht römisch sind und welcher Kaiser nach Nero den Mai ein zweites Mal umbenennen wollte: Das zeigt dieser Beitrag.
Inhaltsverzeichnis
- Der unruhige Frühling — Warum der Mai in Rom hell und dunkel zugleich war
- Bona Dea, Maia, Maiestas: Wem gehörte der Mai eigentlich?
- Die Feste des Maius im Überblick
- 1. Mai — Bona Dea und die Frauenräume Roms
- 9., 11. und 13. Mai — Lemuria: Die Nächte, in denen Rom seine Toten aus dem Haus bittet
- Rosalia — Das Fest, das mit der Rosenblüte kam
- 14. Mai — 27 Puppen, eine Brücke, ein Geheimnis
- 15. Mai — Mercuralia: Wenn Händler einen Dieb um Glück baten
- 21. Mai — Agonalia: Ein Opfer für einen Gott, den niemand mehr verstand
- 23. Mai — Wenn Vulcanus seine Trompeten zurückbekam
- 25. Mai — Nach den Geistern: Eine Göttin für das öffentliche Glück
- Ambarvalia — Wenn Rom seine Felder einkreiste
- Grün und gespenstisch — Der Monat zwischen den Welten
- Mai für jede Gruppe — Wie verschiedene Stände den Monat erlebten
- Was vom Maius übrig blieb
- Fragen zum römischen Mai
- Quellen und weiterführende Links
Eine Göttin am Anfang. Drei Geisternächte in der Mitte. Und ein Volksspruch, der bis heute lebt.

Der Mai wirkt auf den ersten Blick wie der Monat, in dem alles endlich leicht wird.
Die Luft ist wärmer. Wege sind trocken. Das Grün ist nicht mehr verborgen, sondern Wirklichkeit. Man könnte meinen, jetzt beginne einfach der schöne Teil des Jahres. Und genau hier wird der römische Mai interessant. Denn in Rom war dieser Monat nie nur hell. Er war ein Frühlingsmonat, ja! Aber einer mit Schatten. Ovid eröffnet sein fünftes Buch der Fasti schon mit einer Unsicherheit im Namen selbst: Kommt Maius von Maia, von den maiores oder von Maiestas? Schon der Monatsanfang wirkt also nicht glatt, sondern doppeldeutig.
Diese Unruhe passt erstaunlich gut zu seinem Inhalt. Denn der Mai bringt in Rom Dinge zusammen, die wir heute selten zusammendenken würden: Fruchtbarkeit und Geisterabwehr, Frauenkult und Händlergebete, öffentliche Rituale und nächtliche Hauszeremonien. Der Monat beginnt mit der Bona Dea, einer Göttin, deren Kult in Rom stark weiblich geprägt war, und kippt dann in die Lemuria, jene stillen Nächte, in denen Familien glaubten, die ruhelosen Toten aus dem Haus lösen zu müssen. Im selben Monat stehen dann die Mercuralia, also das Fest der Händler und des Gewinns, und später das Tubilustrium, die Reinigung der Trompeten. Der Mai ist in Rom also kein einzelne Frühlingsgeste. Er ist ein Monat mit mehreren Stimmen zugleich.
Für eine römische Familie muss das sehr spürbar gewesen sein. Tagsüber war der Monat offen, öffentlich, beweglich. Frauen hatten mit der Bona Dea einen Kultbereich, der Heilung, Fruchtbarkeit und weiblichen Schutz berührte. Händler dachten an Wasser, Waren und Gewinn. Die Stadt war nicht mehr winterlich gebremst. Aber nachts wurde der Mai plötzlich privat und unheimlich. Dann stand der Vater des Hauses auf, wusch sich, ging barfuß durch das Haus und warf schwarze Bohnen hinter sich, um die Lemuren zu besänftigen oder zu vertreiben. Das ist keine große Staatsreligion auf dem Forum. Das ist Religion im Flur, im Schlafraum, am Herd.
Genau daraus entsteht seine eigentümliche Farbe. Der April war der Monat, in dem Rom sichtbar lebte. Der Mai ist der Monat, in dem dieses Leben plötzlich nicht mehr selbstverständlich wirkt. Was draußen blüht, hat drinnen seine Unruhe. Was öffentlich gefeiert wird, hat privat seine Gegenrituale. Selbst der sonst so fröhlich gedachte Frühlingsmonat hatte in Rom einen schlechten Ruf als Hochzeitsmonat; die antiquarische Tradition nennt den Mai wegen der Lemuria ausdrücklich als unheilvoll für Ehen und überliefert das Sprichwort, dass Frauen, die im Mai heiraten, schlecht heiraten. Das ist kein Randdetail. Es zeigt, wie tief der Monat mit Übergängen, Unsicherheit und alten Schatten verbunden war.
Der Mai sieht aus wie Entspannung, ist aber in Wahrheit ein Monat erhöhter Wachsamkeit. Die Natur steht offen. Die Stadt lebt draußen. Handel, Bewegung und Öffentlichkeit nehmen zu. Und gerade deshalb fragt Rom nun: Ist das Haus ruhig? Sind die Toten besänftigt? Sind die Geschäfte gesichert? Ist der Monat wirklich günstig, oder nur grün? Der Mai ist deshalb kein bloßer Wonnemonat. Er ist der Monat, in dem der Frühling seine zweite Wahrheit zeigt: Dass jedes sichtbare Leben auch seine unsichtbare Rückseite hat.
Was Maia mit der Bona Dea zu tun hatte, warum die Geister neun Tage lang umhergingen, was Mercurius am 15. Mai wirklich gewollt hat und wem die Trompeten des Vulcanus am 23. Mai gewidmet wurden, das beginnt am 1. Mai. Mit einer trächtigen Sau. Und einem Tempel auf dem Aventin, in dem nur Frauen sein durften.
Bona Dea, Maia, Maiestas: Wem gehörte der Mai eigentlich?

Ovid sitzt in seinem Stadthaus auf dem Esquilin und hat ein Problem.
Er schreibt das fünfte Buch seiner Fasti, den Mai. Er soll erklären, woher der Monat seinen Namen hat. Aber je länger er liest, je mehr Quellen er befragt, desto unsicherer wird er. Drei Erklärungen kursieren in Rom. Drei Etymologien, die alle plausibel klingen und sich gegenseitig ausschließen.
Was macht ein Dichter in so einer Lage?
Ovid macht das Eleganteste, was man machen kann: Er lässt drei Musen miteinander streiten. Polyhymnia spricht zuerst, dann Urania, dann Calliope. Jede plädiert für eine andere Herleitung. Ovid hört zu. Er entscheidet nicht. Am Ende lässt er die Frage offen. Eine Geste, die man heute akademische Demut nennen würde und die in Rom außerordentlich selten war.
Die erste These: Der Monat gehört den maiores, den Älteren, den Vorfahren. Der nachfolgende Iunius gehörte dann logischerweise den iuniores, den Jüngeren. Eine schöne Symmetrie. Numa, der zweite König Roms, soll diese Ordnung eingeführt haben, als Geste der Würdigung gegenüber der älteren Generation. Klingt überzeugend, hat aber einen Haken: Es ist eine Erklärung, die zu glatt funktioniert.
Die zweite These: Maiestas, die Würde, die Erhabenheit. Eine Personifikation, eine Tochter der Honos und der Reverentia. Ovid lässt diese Variante zu, weil sie zum Ton passt, der Mai als Monat der gehobenen Verhältnisse, des erblühenden Imperiums. Aber wirklich überzeugen tut sie ihn auch nicht.
Die dritte These — und für unseren Beitrag die entscheidende: Maia.
Wer war Maia?
Hier wird es kompliziert, weil die Römer zwei verschiedene Maias hatten und sie über Jahrhunderte miteinander vermischten. Da war einmal die griechische Pleiade Maia, die Tochter des Atlas, die von Zeus Mutter des Hermes wurde. Diese Maia kam mit den griechischen Mythen nach Rom und wurde zur Mutter des Mercurius. Eine elegante, mythische Figur, fern und distanziert. Und da war die andere Maia, die alte italische. Eine Erdgöttin, eine Wachstumsmacht, eine Gefährtin des Vulcanus. Diese Maia war alt. Älter als die griechische Adaption. Älter wahrscheinlich als Rom selbst. Auf dem Volcanal, dem alten Kultplatz des Vulcanus auf dem Forum, opferte ihr der flamen Volcanalis alljährlich am 1. Mai eine trächtige Sau. Porca praegnans. Das größte Fruchtbarkeitsopfer, das die römische Religion kannte. Zwei Leben in einem Tier. Schon das ist ein Hinweis: Diese Maia war keine ferne Sterngöttin. Sie war Erde. Sie war Bauch. Sie war das, was im Mai unter den Feldern bewegte. Und dann kommt Macrobius, der spätantike Gelehrte und schreibt den entscheidenden Satz:
Maia est Bona Dea.
Maia ist die Bona Dea. Sie sind dieselbe.
— Macrobius, Saturnalia I, 12
Diese Identifikation ist mehr als ein gelehrtes Detail. Sie öffnet eine Tür. Denn die Bona Dea war eine der geheimsten, mächtigsten und unzugänglichsten Gottheiten Roms. Eine Göttin, deren wahren Namen kein Mann aussprechen durfte. Manche Quellen geben Fauna, manche Damia, manche schreiben gar nichts und verweisen nur auf den Beinamen, die Gute Göttin, die Bona Dea. Ihr Hauptfest fand nicht im Mai statt, sondern im Dezember, in der Wohnung eines höchsten Magistrats, von der seine eigene Frau für eine Nacht alle männlichen Wesen entfernte. Selbst Statuen von Männern wurden verhüllt. Selbst die männlichen Haustiere wurden aus dem Haus gebracht.
Aber im Mai gab es ihren anderen Festtag. Den 1. Mai. Den öffentlicheren. Den, der mit Maia verbunden ist. Auf dem Aventin, in einem Tempel, der von Vestalinnen mitbetreut wurde, opferten Frauen und nur Frauen. Wein floss, durfte aber nicht so heißen. Er wurde als Milch bezeichnet, weil Wein im Bona-Dea-Kult tabu war. Eine Göttin, die keinen Wein trank, bekam Milch. Auch wenn alle wussten, dass es Wein war. Auch wenn alle wussten, dass auch sie es wussten.
Die Tabus sind das Faszinierendste an dieser Göttin. Kein Mann durfte den Tempel betreten. Kein Männername durfte gesprochen werden. Kein Wein durfte beim Namen genannt werden. Und doch war ihr Kult einer der populärsten der ganzen Republik. Frauen jeden Standes, Senatorinnen, Freigelassene, Sklavinnen, pilgerten zu ihrem Tempel. Sie kamen mit kranken Kindern. Sie kamen mit Kinderwünschen. Sie kamen mit Sorgen, die sie ihren Männern nicht erzählen wollten.
Die Bona Dea war eine Göttin der Frauen. Aber wer dann genau Maia war, die griechische Pleiade, die italische Erdgöttin oder die geheimnisvolle Bona Dea unter anderem Namen, das ist eine Frage, die selbst Ovid nicht beantwortet. Er schreibt im fünften Buch der Fasti einen rätselhaften Satz, der die ganze Verwirrung in einer Zeile bündelt:
„Maia, die Mutter des Mercurius, gibt dem Monat seinen Namen."
— Ovid, Fasti V
Mehr nicht. Keine Erklärung, ob es die griechische oder die italische ist. Keine Auflösung der Identifikation mit Bona Dea. Nur eine knappe Behauptung und der Verdacht, dass selbst der Dichter nicht wusste, welche Maia er meinte. Vielleicht meinte er beide. Vielleicht waren beide dieselbe geworden, irgendwann zwischen Romulus und Augustus, und niemand wusste mehr, wer die Erste gewesen war. In Tusculum, einer kleinen Stadt 20 Kilometer südöstlich von Rom, gab es übrigens auch noch einen männlichen Maius. Einen Gott, der mit Jupiter gleichgesetzt wurde. Macrobius erwähnt ihn fast beiläufig. Niemand weiß heute mehr, wer er war oder was er bedeutete. Ein Gott, der den Monatsnamen trug. Ein lokaler Schatten, den die Hauptquellen kaum erwähnen.
Das ist der Mai. Schon der Name ist ein Vorhang aus drei oder vier Schichten und hinter jedem steht eine andere Göttin.
Die Feste des Maius im Überblick
Acht Festtage und ein bewegliches Fest gliederten den römischen Mai. Manche waren staatstragend wie das Tubilustrium oder die Tempelweihe der Fortuna Publica. Andere waren so privat, dass sie nur in der Mitternacht stattfanden, hinter geschlossenen Türen, mit schwarzen Bohnen und einer Formel, die man neunmal flüstern musste. Was alle eint: Sie machen den Maius zu dem, was er war — ein Monat zwischen den Welten.
| Datum | Fest | Gottheit | Worum es ging | 2.000 Jahre später |
|---|---|---|---|---|
| 1. Mai | Maia-Opfer / Bona Dea | Maia, Bona Dea | Trächtige Sau für die Erdmutter, geheimes Frauenfest auf dem Aventin, Wein als „Milch" getarnt | Tag der Arbeit, Maibaum, Maibowle — der 1. Mai gehört bis heute den Frauen, den Müttern, dem Frühling |
| 9./11./13. Mai | Lemuria | Lemuren | Pater familias geht barfuß durch sein Haus, wirft schwarze Bohnen hinter sich, vertreibt die Geister der Ahnen | Allerheiligen-Vorgänger — Christen verlegten den Termin später auf den 13. Mai, dann auf den 1. November |
| Verschiedene Maitermine (kaiserzeitlich) | Rosalia / Dies Rosationis | Manen, Tote | Familienritual mit Rosen am Grab — kein fest datiertes Staatsfest, sondern regional und privat organisiert, je nach Rosenblüte | Allerseelen, Totensonntag, Gestecke auf Gräbern — die Geste lebt unter anderem Namen |
| 14. Mai | Argei | unklar | 27 Binsenpuppen werden von der Pons Sublicius in den Tiber geworfen — das rätselhafteste Ritual der römischen Religion | Niemand weiß bis heute warum — und genau das macht es interessant |
| 15. Mai | Mercuralia | Mercurius | Händler bespritzen ihre Waren mit Wasser aus der Mercurius-Quelle und bitten um göttliche Deckung für vergangene und künftige Lügen | Caveat emptor — der Käufer hüte sich. Das Misstrauen gegen Händler ist 2.000 Jahre alt |
| 21. Mai | Agonalia | Veiovis | Opfer für den dunklen Gegen-Jupiter — einen jungen, unheimlichen Gott, der niemandem so recht zugeordnet werden konnte | Eine vergessene Gottheit — die zeigt, wie viele römische Götter wir nie wieder kennenlernen werden |
| 23. Mai | Tubilustrium | Vulcanus | Reinigung der heiligen Trompeten in der Schusterhalle, Opfer eines Lammes, Tanz der Salii-Priester | Klangrituale beim Beginn militärischer Operationen — Trommeln, Pfeifen, Hörner kennt jede Armee bis heute |
| 25. Mai | Fortuna Publica | Fortuna Publica Populi Romani Quiritium | Tempelgründungstag auf dem Quirinal — Glück für Staat und Volk, gestiftet aus einem Gelübde während des Krieges gegen Hannibal | Public Luck, kollektives Glück, Glück fürs Gemeinwesen — die Idee, dass Glück gestiftet werden kann, lebt in jeder Lotterie weiter |
| Mai (beweglich) | Ambarvalia | Ceres, Mars | Drei Opfertiere — Stier, Schaf, Eber — werden um die Felder geführt, dann geopfert. Ältester Flurumgang Italiens | Die Flurprozession an Markusentag, das Erntedankfest, die Segnung von Feldern — der Ambarvalia-Geist lebt überall in Europa weiter |
1. Mai — Bona Dea und die Frauenräume Roms

Der Mai beginnt nicht mit Geistern.
Er beginnt mit einer Tür, die sich schließt. Nicht um etwas auszusperren, sondern um einen Raum zu schützen.
Später Vormittag am 1. Mai. Cornelia hat ihre beste Stola angezogen, einfach, woll-weiß, nicht aufwendig, denn was zählt, ist nicht die Kleidung. Was zählt, ist, dass sie hingeht. Sie ist Tochter eines Töpfers aus dem Stadtviertel hinter dem Circus Maximus, verheiratet mit einem Mann, der Tonkrüge auf dem Forum Boarium verkauft. Sie hat zwei Kinder verloren, bevor sie das erste Atemholen geschafft haben. Heute geht sie zum Tempel der Bona Dea.
An ihrer Seite ihre Mutter, Quinta, die schon vor dreißig Jahren denselben Weg gegangen ist. Hinter ihnen Aelia, die Sklavin der Familie, mit einem kleinen Korb: Honigfladen, ein paar Kupfermünzen als Opfergabe, einen Tonbecher mit Olivenöl. Drei Frauen, drei Generationen, drei verschiedene Stände, die Herrin, die Mutter der Herrin, die Sklavin. An diesem einen Tag im Jahr werden sie nebeneinander knien.
Der Weg zum Aventin ist nicht weit. Sie steigen die Steinstufen am Saxum hinauf, dort, wo der Tempel der Bona Dea liegt, etwas oberhalb des Circus Maximus. Schon von weitem hören sie Stimmen, viele Stimmen, alle weiblich. Vor dem Tempelbezirk stehen Männer in kleinen Gruppen. Ehemänner, Brüder, Söhne. Sie reden, sie warten, sie blicken nicht hinein. Niemand würde es wagen. An diesem Tag gehört der Tempel den Frauen, und die Männer wissen es.
Wer war diese Bona Dea?
Hier wird es schnell kompliziert, denn die Quellen halten sich seltsam bedeckt. Sie tragen viele Namen für sie, ohne den richtigen zu nennen — Fauna, Damia, manchmal nur die Gute Göttin. Macrobius identifiziert sie mit Maia, derselben Erdgöttin, die dem Monat seinen Namen gab. Andere nennen sie eine Tochter des Faunus, manche eine seiner Frauen. Die wahrscheinlichste Wahrheit ist auch die unbefriedigendste. Die Bona Dea war eine sehr alte italische Erd- und Fruchtbarkeitsmacht, älter als Rom selbst, und ihr eigentlicher Name gehörte einer Zeit an, in der man Götter noch nicht beim Namen rief. Man wusste, was sie war. Man sagte nicht, wie sie hieß.
Eine Geschichte, die Plutarch erzählt, klingt nach: Die Bona Dea war einst eine Ehefrau, die heimlich Wein trank. Ihr Mann erschlug sie mit Myrtenzweigen. Hinterher bereute er es und vergöttlichte sie. Seitdem sind in ihrem Kult zwei Dinge tabu: Wein und Myrte. Die Geschichte ist mythologisch, nicht historisch, aber sie erklärt, warum bei den Riten der Bona Dea bis heute kein Myrtenkranz gewunden und kein Weinkrug offen genannt werden darf.
Cornelia tritt in den Tempelbezirk. Es riecht nach Weihrauch und nach den ersten Frühlingsblumen, die andere Frauen schon gebracht haben. Vor dem Altar stehen drei Vestalinnen, jung, in weißen Gewändern, mit ernsten Gesichtern. Sie führen die Riten. Eine ältere Matrone, die Frau eines amtierenden Magistrats, traditionell die Hauptfigur des Tages, eröffnet die Opferhandlung. Eine porca, eine Sau, wird zum Altar geführt. Das Tier hat einen Namen: damium. Das bedeutet nichts mehr, was man heute übersetzen könnte; es ist ein Wort aus einer anderen Zeit, ein Klang, der zur Göttin gehört.
Während das Opfer vollzogen wird, schaut Cornelia zu Aelia hinüber, ihrer Sklavin. Aelia trägt heute keine Schürze, kein Zeichen ihres Standes. Sie kniet wie alle anderen. Quinta, Cornelias Mutter, schließt die Augen und murmelt ein Gebet, das sie als Mädchen von ihrer Großmutter gelernt hat. Cornelia legt die Hand auf ihren Bauch, der seit vier Monaten leer geblieben ist nach dem letzten Verlust, und denkt einen einzigen Wunsch.
Dass dieser Wunsch hier laut werden darf, ohne dass ein Mann zuhört, das ist das Eigenartige an diesem Tag. Es gibt nicht viele Räume in Rom, in denen Frauen unter sich sein dürfen. Der Tempel der Bona Dea ist einer von ihnen. Und er ist der wichtigste.
Drei Monate, drei Frauenräume
Was an dieser Abfolge besonders fasziniert, ist ein Muster, das man leicht übersieht.
Auch der 1. März und der 1. April gehörten bereits auf ihre Weise Frauen. Der Frühling beginnt in Rom also nicht mit einem einzigen männlichen Machtzeichen, sondern gleich dreimal mit weiblich geprägten Räumen, nur jedes Mal anders. Im März stehen bei den Matronalia Geburt, Ehe und legitime Nachkommenschaft im Mittelpunkt. Im April verschiebt sich der Blick mit den Veneralia auf Erscheinung, Anziehung und weibliche Sichtbarkeit im sozialen Raum. Und im Mai schließlich führt die Bona Dea noch einmal tiefer: weg von Öffentlichkeit und Blicken, hinein in einen geschützten sakralen Raum von Heilung, Fruchtbarkeit und weiblicher Ritualmacht.
Gerade darin zeigt sich, wie vielschichtig Rom dachte. Der Frühling beginnt nicht einfach mit Wachstum. Er beginnt mit Frauen, aber nicht immer mit derselben Rolle, nicht mit demselben Ton, nicht mit derselben Form von Macht. In der späten Republik war dieser Aventin-Kult einigen römischen Herren so suspekt geworden, dass das Mai-Fest in Vergessenheit zu geraten drohte. Es waren später, unter Augustus, die Kaiserin Livia selbst, die den Tempel restaurierte und das Fest revitalisierte. Eine Frau an der Spitze des Reiches, die einer alten Frauengöttin ihren Platz zurückgab. Auch das gehört zur Geschichte des 1. Mai.
Wenn Cornelia am Abend den Aventin wieder hinabsteigt, ist sie weder bekehrt noch geheilt. Sie wird kein anderes Leben haben als am Morgen. Aber sie hat etwas getan, was kein Mann ihr nehmen oder erklären kann. Sie war an einem Ort, der ihr gehörte, mit Frauen, die sie verstehen, vor einer Göttin, deren Namen niemand kennt und die trotzdem zuhört.
Niemand sagt etwas auf dem Heimweg. Niemand muss.
9., 11. und 13. Mai — Lemuria: Die Nächte, in denen Rom seine Toten nach draußen bat

Mitternacht. Die Lampe im Atrium ist erloschen, die Sklaven schlafen, das Haus liegt still. Marcus Tullius, Tuchhändler in einer ruhigen Gasse hinter dem Forum Boarium, öffnet die Augen. Er hat darauf gewartet. Er hat nicht wirklich geschlafen.
Er steht auf, ohne ein Wort. Seine Frau bleibt liegen, atmet ruhig, weiß, dass er aufstehen würde. Heute ist die zweite der drei Nächte. In der ersten, vor zwei Tagen, hat er es schon einmal getan. In zwei Tagen wird er es erneut tun. So will es der Brauch. So hat es sein Vater getan, sein Großvater, der Großvater seines Großvaters.
Er ist barfuß. Er greift nach dem irdenen Becher, der seit dem Vorabend bereitsteht, mit Wasser aus der Quelle hinter dem Haus gefüllt. Er gießt sich das Wasser über die Hände. Dreimal. Dann legt er die Finger zu einer alten Abwehrgeste, die er als Kind gelernt hat. Signum digitis. Sein Vater hat ihn die Hand führen lassen, die ersten Male, bis er es allein konnte.
In der linken Hand hält er nun die schwarzen Bohnen. Fabae nigrae. Sie liegen seit Tagen bereit. Schwarze Bohnen sind die Speise der Toten, das wussten schon die Ältesten. Pythagoras hat seinen Schülern verboten, sie überhaupt zu essen, aus Furcht vor dem, was darin wohnt. Marcus Tullius weiß das nicht. Er weiß nur: Heute sind sie das Lösegeld.
Er beginnt zu gehen. Durch das Atrium, am Brunnenbecken vorbei, in den Garten dahinter. Ohne sich umzudrehen. Wer sich umdreht, hat verloren. Die Geister müssen vor ihm sein, hinter ihm, neben ihm, aber sie dürfen nicht in seinem Blick stehen. Bei jedem dritten Schritt wirft er eine Bohne über die Schulter. Er hört sie auf den Boden fallen, hinter sich, ein leises Klick auf dem Mosaik.
Und er spricht.
„Haec ego mitto, his redimo meque meosque fabis."
„Diese hier werfe ich, mit diesen Bohnen kaufe ich mich los, mich und die Meinen."
— Ovid, Fasti V, 436–437
Neunmal. Genau neunmal. Nicht acht, nicht zehn. Die Zahl ist heilig. Bei der dritten Wiederholung denkt er an Lucius. An seinen jüngeren Bruder, der vor acht Jahren von Ostia aus nach Massilia segeln wollte und nie ankam. Es gab keine Bestattung. Es gab keinen Scheiterhaufen, kein Grab, keinen Stein. Nur die Nachricht eines Schiffsmannes, der überlebt hatte, von einem Sturm vor Korsika.
Marcus Tullius weiß, was Rom über solche Tote denkt. Wer im Wasser bleibt, kommt nicht zur Ruhe. Wer kein Grab hat, hat keinen Ort. Wer keinen Ort hat, sucht einen. Manchmal in den Häusern der Lebenden. Bei der neunten Bohne hört er auf zu zählen. Er weiß auch ohne Zählen, dass es neun waren. Er bleibt stehen, mitten im Garten, atmet.
Dann wäscht er sich erneut. Wasser über die Hände, dreimal. Er greift nach dem bronzenen Becken, das neben dem Brunnen bereitsteht, und schlägt mit dem Stab dagegen. Bronze gegen Bronze. Ein hoher, klarer Ton, der durch das schlafende Haus hallt. Geister, sagt die alte Lehre, fürchten Bronze. Das Geräusch treibt sie nach draußen, wenn die Worte sie nicht erreichen. Und jetzt die zweite Formel. Auch sie neunmal. Lauter diesmal, fast bittend:
„Manes exite paterni." | „Geht hinaus, ihr Geister der Vorväter." - Ovid, Fasti V, 443
Er sagt es zu allen, die er nicht kennt. Zu denen, die in diesem Haus gewohnt haben, bevor seine Familie es kaufte. Zu denen, die in seiner Familie sind, deren Namen niemand mehr weiß. Und zu Lucius. Auch zu Lucius. Vielleicht ist er es, der in dieser Nacht durchs Haus geht. Vielleicht hat er einen Weg gefunden, vom Meer zurück. Marcus Tullius bittet ihn höflich, wieder zu gehen. Bei der neunten Wiederholung schweigt er. Er senkt die Hände. Erst jetzt darf er sich umdrehen. Er tut es langsam. Das Atrium ist still. Der Brunnen plätschert. Die Lampe im Vestibulum ist erloschen, wie es sein soll.
Es ist vorbei.
Er geht zurück ins Schlafzimmer. Seine Frau hat die Augen geöffnet. Sie sagt nichts. Er legt sich neben sie. Sie weiß, dass er an Lucius gedacht hat. Er weiß, dass sie es weiß. So ist die Lemuria. Es wird nicht darüber gesprochen, was im Haus passiert ist. Aber alle wissen es. In ganz Rom wiederholt sich diese Szene in derselben Stunde. In großen Häusern auf dem Palatin und in engen Wohnungen der Subura. In Kaufmannsfamilien wie der von Marcus Tullius und in den Villen der Senatoren. Die Tempel der Stadt sind in diesen drei Nächten geschlossen. Es werden keine Hochzeiten gefeiert, keine Verträge unterzeichnet, keine wichtigen Geschäfte abgeschlossen. Wer im Mai heiratet — malae nubunt, schreibt Ovid, schlecht heiraten sie - heiratet in einen Monat hinein, in dem die Toten umgehen.
Drei Nächte. Neun Bohnen pro Nacht. Neun mal die Formel. Und am Ende eines jeden 13. Mai war Rom fertig. Die Geister waren gebeten. Die Häuser waren rein. Das Jahr konnte weitergehen.
Rosalia — Das Fest, das mit der Rosenblüte kam

Pompeji, später Vormittag, ein Tag im Mai des Jahres 78 nach Christus. Octavia tritt aus ihrem Haus an der Via di Nola und sieht ihre Tochter und ihren Sohn schon am Eingang warten. Der Sohn hält einen Korb, in dem ein gebratenes Stück Lamm liegt, Brot, Käse, ein Krug Wein. Die Tochter trägt einen anderen Korb, voll mit Rosen aus dem Atriumgarten. Sie haben sie am Morgen geschnitten, kurz nach Sonnenaufgang, weil die Stiele dann am festesten sind.
Octavias Mann ist seit zwei Jahren tot. Er liegt in einem Grab vor dem Stadttor an der Via dei Sepolcri, dort, wo die meisten Pompejaner ihre Toten beerdigen. Heute besuchen sie ihn. Heute ist dies rosationis, der Tag der Rosenschmückung.
Welcher Tag genau? Das war die Sache der Familie, nicht des Staates. In Rom mochte das ein anderer Tag sein als in Pompeji, in Ostia ein anderer als in Capua. Es hing davon ab, wann die Rosen blühten. Manche feierten am 7. Mai, manche am 10., manche am 11., manche am 21., manche erst Ende Mai. Im Norden des Reiches feierte man später, im Süden früher. Die Natur gab den Takt vor, nicht der Pontifex.
Ein Fest, das jünger ist, als man denkt
Hier ist ein Detail, das man wissen muss, bevor man die Rosalia romantisiert: Sie war kein altes römisches Fest. Ovid, der akribische Chronist des republikanischen und augusteischen Festkalenders, schreibt kein Wort über sie in seinen Fasti. Die ältesten Belege stammen aus der Zeit Domitians, also Ende des 1. Jahrhunderts. Erst dann taucht die Rosalia in Inschriften auf, in Phrygien, in Rom, in Italien. Sie war nie ein staatlich datiertes Fest mit fester Liturgie. Sie war ein privater Brauch, der aus dem viel älteren Ritus erwuchs, Gräber mit Blumen zu schmücken und der sich im 1. und 2. Jahrhundert über das ganze Reich ausbreitete.
Für Octavi war die Rosalia das, was ihre Mutter und Großmutter getan hatten. Familienkultur. Pietät. Erinnerung. Sie verlassen die Stadt durch das Vesuvtor, der Weg zur Nekropole ist nicht weit. Andere Familien sind unterwegs in dieselbe Richtung. Eine Frau mit drei kleinen Kindern, ein älteres Ehepaar, eine Gruppe Männer, die zu einem gemeinsamen Grab gehen, wahrscheinlich Mitglieder eines collegium funeraticium, eines Bestattungsvereins, die ihren verstorbenen Bruder besuchen. Solche Vereine waren im 1. Jahrhundert weit verbreitet. Man zahlte zu Lebzeiten Beiträge, dafür sicherte der Verein die Bestattung und die jährliche Rosalia. Eine Inschrift aus Acmonia in Phrygien aus dem Jahr 95 nach Christus dokumentiert genau das: Zwölf Denare jährlich für Rosen am Grab des Titus Praxias, festgelegt im Vermächtnis. Wer zahlte, wurde nicht vergessen.
Wein, Honig und ein vierter Becher
Am Grab angekommen, beginnt die ältere der Generationen das Ritual. Octavia gießt Wein auf die Erde, nicht symbolisch, sondern direkt durch die kleine Öffnung im Grabstein, die viele römische Gräber dafür hatten. Profusio nennen das die Gelehrten. Das Trankopfer fließt zum Toten hinab. Dann Milch. Dann Honig. Manche Familien gaben auch Blut, meist von einem kleinen Tieropfer, manchmal nur Wein, der wegen seiner Farbe als Ersatz galt.
Die Rosen werden auf dem Grabstein arrangiert, in den Nischen, über die Inschrift. Wo Veilchen blühten, kamen auch sie hinzu, violatio, die Veilchenfeier, ein paralleler Brauch. Veilchen waren die ersten Blumen des Frühlings, Rosen die letzten. Beide rahmten die Saison. Beide standen für dasselbe: für die Erinnerung, für das Wiederkommen, für die Farbe Rot, die in der römischen Vorstellung die Farbe des Bluts war und damit die Farbe der Versöhnung mit den Toten.
Dann setzt sich die Familie. Sie essen. Sie trinken. Sie sprechen über den Toten, manchmal mit ihm. Das ist das, was die Forschung refrigerium nennt, die Mahlzeit am Grab, die Erfrischung, der gemeinsame Augenblick zwischen Lebenden und Toten. Octavia schneidet das Brot. Ihr Sohn gießt Wein in vier Becher. Auch in den vierten, den seines Vaters. Der Becher steht auf dem Grabstein, neben den Rosen. Später am Tag, wenn die Sonne tiefer steht, packen sie zusammen. Die Rosen bleiben. Sie werden welken, in den nächsten Tagen, vielleicht in einer Woche. Bis zum nächsten Jahr. Bis zur nächsten Rosalia.
In den folgenden Jahrhunderten breitete sich dieser Brauch über das gesamte Reich aus, von Britannien bis Syrien. Selbst Christen und Juden in den Provinzen übernahmen Elemente, die Rosalia kam ohne staatliches Opfer aus, niemand musste einer Gottheit huldigen, die er nicht anerkannte. Das machte sie zu einem der wenigen römischen Feste, das alle teilen konnten. Aus der Rosalia wurde später, im christlichen Kontext, das pasca rosatum, das Pfingsten der Rosen, in manchen italienischen Regionen bis heute Pasqua di rose genannt. Und unsere Allerseelen, der Totensonntag, das Schmücken von Gräbern im Spätherbst, sie tragen die DNA der Rosalia in sich, auch wenn niemand mehr ihren Namen sagt.
Octavia und ihre Kinder gingen am Abend zurück in die Stadt. Der Vesuv im Hintergrund, ein normaler Maitag, ein Stück Lamm noch übrig im Korb. Sie konnten nicht wissen, dass elf Monate später jeder von ihnen unter Asche liegen würde. Aber sie hatten an diesem Tag getan, was Pietät verlangte. Sie hatten an die Toten gedacht. Sie hatten Rosen gebracht. Und das ist alles, was die Rosalia je verlangt hat.
14. Mai — 27 Puppen, eine Brücke, ein Geheimnis

Der Junge ist neun Jahre alt und steht zum ersten Mal auf der Pons Sublicius. Sein Großvater hält seine Hand, fest, weil die Brücke schmal ist und unten der Tiber so braun und schnell fließt, wie er es noch nie gesehen hat. Es ist später Vormittag am 14. Mai. Über ihnen ein Himmel ohne Wolken. Um sie herum Menschen, die schweigen.
Die Pons Sublicius ist die älteste Brücke Roms. Ganz aus Holz gebaut, ohne ein einziges Stück Eisen, so wollten es die alten Gesetze, niemand wusste mehr genau warum. Eisen war den Göttern dieses Übergangs nicht gestattet. Wenn Rom Hochwasser hatte, war diese Brücke die erste, die zerbrach. Wenn Rom überfallen wurde, war diese Brücke die erste, die brennen sollte. Aber jetzt steht sie. Wie immer. Und die Vestalinnen kommen.
Sie kommen vom Forum, in weißen Gewändern, ihre Stirnbänder weiß, ihre Schritte ruhig. Hinter ihnen der flamen Dialis, der höchste Priester des Jupiter, und seine Frau, die flaminica Dialis. Sie hat ihr Haar nicht gekämmt. An diesem Tag darf sie es nicht. Sie trägt Trauer. Niemand erklärt dem Jungen warum. Sein Großvater zuckt mit den Schultern, als er fragt.
In der Mitte der Prozession schreiten Männer, die etwas tragen. Puppen. Aus Binsen geflochten, menschengestaltig, mit Köpfen, Armen, Beinen, wie grobe Strohgestalten, größer als Kinder, kleiner als Erwachsene. Es sind genau siebenundzwanzig. Nicht fünfundzwanzig, nicht dreißig. Siebenundzwanzig. Niemand weiß mehr, warum gerade diese Zahl.
Sie heißen Argei. Auch das weiß keiner mehr genau zu erklären.
Auf der Brücke angekommen, treten die Vestalinnen vor. Sie nehmen die Puppen entgegen, eine nach der anderen, und werfen sie in den Fluss. Keine Hast, keine Geste der Verzweiflung. Ruhig, fast nüchtern. Die Binsenpuppen schlagen aufs Wasser. Manche schwimmen kurz, drehen sich, bevor sie versinken. Der Tiber trägt sie nach Süden, zum Meer.
Ein Ritual ohne Erklärung
Der Junge fragt seinen Großvater, was das soll.
Der alte Mann öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Dann sagt er: Manche meinen, die Puppen seien Ersatz für alte Männer, die früher in den Fluss geworfen wurden. Sechzigjährige, Greise, die der Stadt nicht mehr nützten. Das hätten die Vorfahren so gemacht, vor langer Zeit, als Rom noch nicht Rom war. Andere sagen, es seien Erinnerungspuppen für Argiver, Männer aus Argos, die mit Herkules nach Italien gekommen seien und hier gestorben seien, bevor sie den Heimweg fanden. Wieder andere sagen, sie seien gar keine Menschen, sondern einfach das, was die Stadt loswerden müsse, bevor der Sommer beginnt.
Welche Geschichte stimmt? Der Großvater senkt den Kopf. Vielleicht keine. Vielleicht alle.
Selbst Ovid, der ein Buch über alle römischen Feste schrieb, gibt im fünften Buch der Fasti zu, dass er die Argei nicht versteht. Er nennt mehrere Theorien. Er entscheidet sich für keine. Plutarch, der Gelehrte, der Jahrhunderte später über römische Bräuche schrieb, tut das Gleiche. Er listet die Möglichkeiten auf, und schweigt zwischen ihnen.
Das ist das Eigentümliche an den Argei. Rom hat dieses Ritual ein Jahrtausend lang vollzogen, am 14. Mai jedes Jahr, mit Vestalinnen, Pontifices und einer trauernden Priestergattin. Und Rom wusste nicht, warum. Der Junge schaut den Puppen nach, die jetzt fast nicht mehr zu sehen sind. Eine treibt noch, viel weiter unten, näher am rechten Ufer, fast schon hinter der Tiberinsel. Dann ist auch sie weg.
Was er nicht ahnt: Auch im März, vor zwei Monaten, hat es eine Argei-Prozession gegeben. Damals zogen Priester durch die Stadt, von Kapelle zu Kapelle, siebenundzwanzig insgesamt, eine für jede Puppe, die heute im Tiber landet. Der März-Termin war Vorbereitung. Der Mai-Termin war Vollzug. Aber auch das verstand niemand mehr. Es waren zwei Hälften eines Rituals, dessen Mitte verlorengegangen war.
Die Prozession löst sich auf. Die Vestalinnen gehen zurück zum Forum. Der flamen Dialis bringt seine Frau nach Hause, wo sie sich endlich wieder das Haar kämmen darf. Die Brücke leert sich. Der Junge und sein Großvater bleiben noch einen Moment stehen.
"Wieso machen wir das, wenn wir nicht wissen warum?", fragt der Junge. Der Großvater drückt seine Hand etwas fester. "Weil wir es schon immer gemacht haben. Und weil es vielleicht wichtiger ist, dass wir es weiterhin tun, als zu wissen warum."
Sie gehen zurück in die Stadt. Hinter ihnen die älteste Brücke Roms, vor ihnen der Mai, der jedes Jahr eine Frage offen lässt.
15. Mai — Mercuralia: Wenn Händler einen Dieb um Glück baten

Lucius hat seinen Stand an diesem Morgen früher geschlossen als sonst. Sein Lehrjunge Marcus muss den Rest des Vormittags allein bestreiten, Wolltücher falten, mit Kunden feilschen, Münzen zählen. Lucius selbst hat einen anderen Termin. Es ist der 15. Mai, die Iden des Maius, und seit dreißig Jahren versäumt er diesen Tag nicht.
Er schultert einen leeren Tonkrug und einen Lorbeerzweig, schlängelt sich durch die enge Gasse, in der seine Werkstatt liegt, und nimmt den Weg Richtung Süden. Quer über das Forum, vorbei am Tempel der Vesta, weiter durch die Velabra, hinaus zum Aventin. Sein Ziel liegt jenseits der Porta Capena, dort, wo die Via Appia aus der Stadt führt. Eine Quelle entspringt dort am Hang, fast unscheinbar, eingefasst in einer kleinen Steinummauerung. Die Aqua Mercurii. Das Wasser des Mercurius.
Lucius ist nicht der Erste an der Quelle. Vor ihm warten schon vier Männer in der Schlange, alle mit Tonkrügen, alle mit Lorbeerzweigen. Ein Weinhändler aus dem Forum Boarium, den er vom Sehen kennt. Zwei jüngere, vielleicht Gewürzhändler, ihre Kleidung riecht nach Kreuzkümmel. Ein älterer Mann mit gebeugtem Rücken, der aussieht, als verkaufe er Bronzewaren. Sie nicken einander zu, sprechen wenig. Heute geht es nicht ums Geschäft. Heute geht es um die Bilanz.
Zwischen Markt und Moral
Die Mercuralia, der Festtag des Mercurius und der Maia, gemeinsam gefeiert an den Iden des Mai, gehörten den Händlern Roms. Mercator heißt Händler auf Latein, und das Wort selbst hängt am Namen des Gottes: Mercurius vom Wortstamm merx, Ware. Wer mit Waren handelte, brauchte ihn. Und Mercurius war freundlich zu seinen Leuten. Aber er war ein eigenartiger Gott für eine Handelsklasse. Denn Mercurius war auch der Gott der Diebe.
Schon in seinen ersten Lebenstagen, so erzählten es die Griechen, hatte er die Rinder des Apollo gestohlen, als Säugling. Er war der listigste der Götter, der schnellste, der wendigste. Wer mit ihm Geschäfte machte, machte sie mit dem Schutzpatron aller, die mit Wahrheit großzügig umgingen. Das wussten die Händler. Das wusste der Gott. Das war Teil der Abmachung.
Lucius ist an der Reihe. Er füllt den Krug mit dem klaren, kalten Wasser. Es schmeckt nach Stein. Er hebt den Lorbeerzweig, taucht ihn ein, lässt ihn triefen. Dann wendet er sich ab und geht ein paar Schritte zurück in den Schatten der Tempelmauer. Hier, abgeschirmt vom Strom der Vorbeigehenden, beginnt er.
Er besprengt sich selbst zuerst. Stirn, Schultern, Hände, die Hände, die mehr Eide gebrochen haben als er zählen mag. Dann bespritzt er den Krug, den er morgen mit zur Werkstatt nehmen wird, um seine Tücher zu segnen. Dann murmelt er das Gebet, das jeder Händler kennt. Ovid hat es in seinen Fasti überliefert, fast wortwörtlich. Lucius spricht es leiser, weil er weiß, was er sagt:
„Wasche meine vergangenen Eide weg. Wasche die Lügen des verflossenen Tages weg.
Wenn ich auf das Numen Jupiters geschworen habe in der Hoffnung, nicht gehört zu werden,
Wenn ich wissentlich einen Gott oder eine Göttin getäuscht habe,
Lass die schnellen Winde meine Lügen davontragen.
Möge der morgige Tag mir die Bahn freimachen für neue Meineide,
Und mögen die Götter darüber wegsehen." - sinngemäß nach Ovid, Fasti V, 681–690
Das ist der Punkt, an dem viele moderne Leser stutzen. Das Gebet bittet nicht um Vergebung. Es bittet um Vergessen und um künftige Erlaubnis. Wasche die alten Lügen weg, damit ich morgen frische lügen kann. Ovid kommentiert das selbst, mit dem Lächeln eines Mannes, der weiß, wovon er spricht. Mercurius, schreibt er, lacht herab vom Olymp. Er erinnert sich an die Rinder Apollos. Er weiß, mit wem er es zu tun hat. Und er hat nichts dagegen.
Das ist die wahre Größe der Mercuralia. Nicht, dass Rom seinen Handel segnen ließ. Sondern dass Rom genau wusste, was Handel ist und seinen Frieden damit gemacht hat. Der römische Händler war keine moralische Idealfigur. Er war ein Mensch, der mit Waren und Worten arbeitete, und der wusste, dass beides geschmeidig sein musste, um zu funktionieren. Mercurius war kein Gott, der Ehrlichkeit verlangte.
Lucius beendet das Gebet, nimmt seinen Krug und macht sich auf den Heimweg. Andere Männer stehen jetzt an der Quelle, in der gleichen Geste, mit den gleichen Worten. Oben auf dem Aventin, am Tempel des Mercurius, wird in dieser Stunde auch der Maia gedacht, der Mutter des Gottes, die an diesem Tag mitgefeiert wird. Doppelt geheiligt: der Sohn und die Mutter, der Gott und die Göttin, der Schutzpatron und seine Wurzel.
Auf dem Rückweg geht Lucius am Forum vorbei. Er sieht Männer, die feilschen, Frauen, die um Preise streiten, Sklaven, die Lasten tragen. Das Geschäft Roms, der ganz normale Mai-Vormittag. Er weiß: Morgen wird er wieder dort stehen, hinter seinem Tisch, und seinen Tüchern eine Qualität zuschreiben, die sie vielleicht nicht ganz haben. Heute hat er vorgesorgt. Mercurius wird darüber lachen. Aber Mercurius wird auch zuhören. So hat es immer funktioniert.
Und so funktioniert es im Grunde noch heute, auch wenn niemand mehr Lorbeerwasser auf seine Waren spritzt. Caveat emptor - der Käufer hüte sich - ist ein Satz, der aus genau dieser Tradition kommt. Rom hat seine Marktordnung nicht durch göttliche Reinheit organisiert, sondern durch göttliche Komplizenschaft. Der Händler weiß, dass er färbt. Der Käufer weiß, dass er gefärbte Ware kauft. Mercurius weiß alles und sagt nichts.
So einfach war die antike Geschäftsethik. Und so kompliziert.
21. Mai — Agonalia: Ein Opfer für einen Gott, den niemand mehr verstand

Ein Schreiber aus Brundisium, geschäftlich in Rom, steht vor der kleinen Tempelinschrift auf dem Kapitol und kommt nicht weiter. Er liest den Namen langsam, Buchstabe für Buchstabe: VEIOVIS. Daneben das Datum der Weihung. Daneben die Erinnerung an einen Konsul, dessen Namen er nie gehört hat. Aber wer ist Veiovis?
Er fragt einen alten Mann, der vor dem Tempel sitzt und Tauben füttert. Der Alte zuckt mit den Schultern. Ein junger Jupiter. Oder das Gegenteil von Jupiter. Niemand weiß es genau.
Heute, am 21. Mai, ist die Agonalia dieses Gottes. Es ist eine von vier Agonalia im Jahr, die anderen finden am 9. Januar, 17. März und 11. Dezember statt. Wie alle vier folgt sie einem festen, alten Ritus: Der Rex Sacrorum, der heilige König der Republik, opfert in der Regia. Der Ablauf ist immer derselbe. Die Frage, an die sich der Priester am Ende stellt, auch. Wer das genauer wissen will, findet die Beschreibung dieser Form im Januar-Beitrag, dort galt das Opfer dem Janus, dem Gott der Schwellen. Hier in Rom geht es heute aber nicht um Janus. Heute geht es um Veiovis. Und das ist das Eigentümliche.
Wer war Veiovis?
Selbst die antiken Gelehrten waren sich nicht einig, wer dieser Gott war. Aulus Gellius widmet ihm in seinen Noctes Atticae ein ganzes Kapitel und kommt zu drei Möglichkeiten. Erstens: Der Name Vediovis setze sich zusammen aus ve- (eine alte Vorsilbe) und Iovis (Jupiter). Wenn ve- verkleinernd ist, dann wäre Veiovis ein „kleiner Jupiter", ein junger, noch nicht voll mächtiger Gott. Wenn ve- dagegen verneinend ist, dann wäre Veiovis ein „Nicht-Jupiter" oder gar „Gegen-Jupiter", ein dunkler Schatten des höchsten Gottes, vielleicht eine Unterweltsgestalt.
Macrobius, der spätantike Gelehrte, identifiziert Veiovis mit Apollo. Andere antike Quellen vermuten eine Verbindung zur Heilkunst, weil einer der beiden römischen Veiovis-Tempel auf der Tiberinsel stand, derselben Insel, auf der später der Asklepios-Tempel errichtet wurde. Die moderne Forschung diskutiert all diese Möglichkeiten weiter, ohne abschließendes Ergebnis. Etruskischer Ursprung? Vor-italische Heilgottheit? Junger Jupiter der italischen Frühzeit?
Niemand weiß es genau.
Was wir wissen: Die Statue im kapitolinischen Tempel zeigte einen jugendlichen Gott mit Pfeilen, möglicherweise Blitzen, in der Hand. Neben ihm stand traditionell eine Ziege. Ziegen waren sonst bei Jupiter tabu, beim Veiovis-Kult dagegen das Standardopfer. Das Tier wurde humano ritu geschlachtet, „nach menschlichem Ritus". Was diese seltene Formel genau bedeutet, ist bis heute umstritten. Möglicherweise: nicht wie ein gewöhnliches Tieropfer, sondern eher wie eine Bestattung. Ein Hinweis darauf, dass Veiovis wirklich etwas mit der Unterwelt zu tun hatte?
Der Schreiber aus Brundisium liest die Inschrift noch einmal, packt seine Schreibtafel ein und geht weiter. Er hat keine Antwort bekommen. Aber er hat etwas gelernt, was viele Reisende in Rom irgendwann begreifen: Diese Stadt feiert Götter, deren Geschichte in der Tiefe ihrer eigenen Vergangenheit verschwunden ist. Sie tut es trotzdem. Pünktlich, präzise, ohne Hadern.
Wer war Veiovis? Vielleicht ein junger Jupiter. Vielleicht sein finsteres Gegenstück. Vielleicht ein etruskischer Heilgott, dessen Identität sich in römischer Übersetzung verloren hat. Vielleicht alles davon zugleich. Rom hat ihn ein halbes Jahrtausend lang am 21. Mai geopfert, mit einer Ziege und der Formel humano ritu, und niemand hat öffentlich gefragt, ob das alles noch Sinn ergibt. Es war Tradition.
Genau wie bei den Argei sieben Tage zuvor. Genau wie bei der Januar-Agonalia. Genau wie bei vielem, was Rom tat, ohne es noch ganz zu verstehen.
23. Mai — Wenn Vulcanus seine Trompeten zurückbekam

Marcus Servilius sitzt vor seinem Haus im Subura, ein alter Mann auf einem alten Hocker, und hört die Stadt. Es ist später Nachmittag am 23. Mai. Die Sonne schiebt sich schon hinter die Insulae, das Licht ist orangerot, der Geruch von gebratenem Fleisch zieht aus dem Nachbarhaus zu ihm herüber. Und gleich wird er sie hören - die Trompeten.
Sein Sohn Quintus ist heute drüben am Atrium Sutorium. Er gehört zum Kollegium der Tubicines, wie Marcus es vor ihm war, und wie sein Vater vor ihm. Drei Generationen Trompeter. Dort, in der Schusterhalle zwischen Forum und Argiletum, werden die heiligen Trompeten Roms gerade gereinigt, am Tubilustrium, dem zweiten des Jahres. Der erste war im März. Damals galt das Ritual Mars, dem Gott des Krieges, am letzten Tag der Quinquatrus. Wer das ganze Ritual nachlesen will, findet es ausführlich im März-Beitrag dieser Reihe. Heute, im Mai, ist der Empfänger ein anderer. Heute gehört das Tubilustrium Vulcanus.
Warum Vulcanus?
Warum dem Schmiede-Gott? Weil die Tubae aus Bronze waren. Weil Vulcanus sie geschmiedet hatte, in jener mythischen Vorzeit, in der die Götter selbst Werkzeug für die Menschen bauten. Ovid sagt es in den Fasti in einer schlichten Notiz:
„Tubilustria sequuntur, Volcani sacrum festumque dies eadem est."
„Das Tubilustrium folgt, dem Vulcanus geweiht, am gleichen Tag."
— Ovid, Fasti V, 725–728
Wer ein Werkzeug schuf, war auch zuständig für seine Pflege. Im März segnete Mars, was die Trompeten bedeuteten. Im Mai segnete Vulcanus, was sie waren - Bronze, Metall, Handwerk, geschmiedete Substanz. Marcus weiß das. Er weiß auch, dass es kein Zufall ist, dass das Mai-Tubilustrium auf diesen Monat fällt. Maia, deren Name den Mai trägt, war die Gefährtin des Vulcanus. Schon am 1. Mai hat der flamen Volcanalis ihr eine trächtige Sau geopfert. Der Mai war im Hintergrund immer ein Vulcanus-Monat, leise, durch die Hintertür, durch seine Frau. Am 23. Mai trat er noch einmal hervor, dieses Mal sichtbar, mit den Trompeten in der Hand. Marcus' Tuba lehnt neben ihm an der Hauswand. Sie ist alt, wie er selbst, und hat seit zwei Jahren keinen Ton mehr gesagt. Die Bronze ist matt geworden, die Mundstückränder sind abgegriffen. Trotzdem hat er sie nicht weggegeben. Sie hat zu viel mitgemacht.
Mehr als ein Kriegswerkzeug
Er hat damit in den Feldzügen gegen die Markomannen geblasen, vor vierzig Jahren. Das Geräusch einer Tuba im Morgengrauen, vor einer Schlacht, ist nichts, was man vergisst. Aber er hat sie auch bei Bestattungen gespielt. Reichen Senatoren-Bestattungen, bei denen fünfzig Trompeter den Leichenzug eröffneten. Ärmeren Familien, die nur ihn engagieren konnten, einen einzigen Tubicen, der trotzdem dasselbe machte: den Toten mit Klang aus der Stadt zu führen. Er hat bei drei Triumphzügen geblasen. Er hat den Beginn unzähliger Senatssitzungen signalisiert. Er hat Volksversammlungen einberufen, Spiele eröffnet, das Aufbrechen von Legionen verkündet.
Tubicen sein heißt: an jeder Schwelle dabei sein. Geburt, Tod, Krieg, Politik. Die Tuba war kein Soldatenwerkzeug allein. Sie war Roms akustisches Werkzeug für alles, was wichtig genug war, um angekündigt zu werden.
Deshalb gab es ein eigenes Collegium tubicinum sacrorum populi Romani — das Kollegium der Trompeter für die heiligen Riten des römischen Volkes. Ein anerkannter Berufsstand, mit eigenen Festtagen (die Quinquatrus minusculae im Juni), eigenen Schutzpatronen, eigener Berufsehre. Tubicen zu sein war nicht niedere Arbeit. Es war Handwerk im alten Sinne, mit Stolz, mit Tradition, mit Bezahlung. Marcus' eigene Tuba hatte er mit zwanzig bekommen, von einem Schmied in Capua, der dem Vulcanus geweiht war. Er hat dafür drei Monatslöhne bezahlt. Sie hat ihm vierzig Jahre gedient.
Standarten mit Rosen - die Rosaliae signorum
In den Provinzen feierten die Legionen den Mai militärischer als die Stadt. Am 10. und 31. Mai schmückten sie die Standarten ihrer Legionen mit Rosen, die Rosaliae signorum, das militärische Rosenfest. In Vindonissa in der Schweiz, in Dura-Europos in Syrien, an allen Grenzen des Reiches, bekamen die Adler und Standarten an diesem Tag rote Kränze. Manche Forscher haben sich gefragt, ob die Rosaliae signorum und das Tubilustrium zusammengehörten, zwei Akte derselben Reinigung, einer für die Klanggeräte, einer für die optischen Symbole, beide am Beginn der Sommer-Feldzüge. Marcus hält das für plausibel. Er hat im Feld erlebt, wie die Standarten geschmückt wurden, einen halben Monat vor dem Marsch. Es war ein Anfang. Wie das Tubilustrium ein Anfang war.
Er hört es jetzt. Drüben, irgendwo nördlich des Forums, beginnt eine Tuba zu klingen. Lang, klar, hoch. Dann eine zweite. Dann die anderen. Die Trompeten sind gereinigt, sie sind dem Vulcanus übergeben worden, und jetzt klingen sie wieder. Das ganze Jahr werden sie klingen, bis zum nächsten 23. Mai. Sie werden Tote zum Scheiterhaufen führen und Konsuln in den Senat einladen. Sie werden Legionen in den Krieg blasen und Volksversammlungen einberufen. Sie werden Triumphe eröffnen und Spiele beginnen lassen. Sie werden alle Schwellen Roms markieren, eine nach der anderen.
Marcus schließt die Augen. Er hört zu. Sein Sohn ist dort drüben. Sein Vater hat das auch gehört, vor sechzig Jahren. Sein Großvater. Vielleicht hat Vulcanus selbst zugehört, vom Olymp herab, oder von wo immer Schmiede-Götter ihre Werke prüfen. Marcus sitzt noch lange. Bis es ganz dunkel ist. Bis die Trompeten verklungen sind. Bis nur noch der Geruch von Holzfeuer und gebratenem Fleisch in der Subura bleibt, und die alte Bronzetuba neben ihm, die selbst kein Ton mehr macht, aber Erinnerung an alles ist, was Klang war.
Manche Werkzeuge wären lange. Manche Klänge auch.
25. Mai — Nach den Geistern: Eine Göttin für das öffentliche Glück

Lucius Valerius steigt den Hang des Quirinals hinauf, früher Vormittag, langsamer als er es vor zehn Jahren getan hätte. Hinter ihm sein Sklave Cassius mit dem Opferkorb. Vor ihm der Tempel der Fortuna Publica Populi Romani Quiritium Primigenia, ein Name, so lang, dass die meisten Römer ihn auf Fortuna Publica abkürzten. Die öffentliche Fortuna des Volkes der Quiriten. Lucius spricht ihn trotzdem in voller Länge aus, jedes Mal, wenn er das Tempelfest besucht. Es ist seine vierte Magistratur, sein viertes Tempelfest, und er weiß, dass die Götter in Rom auf ihre vollen Namen Wert legen.
Der Tempel hat eine Geschichte, die Lucius gut kennt. Sie begann in der dunkelsten Zeit Roms, im Krieg gegen Hannibal, mit einem Schlachtgelübde des Konsuls Publius Sempronius Tuditanus. Wer siegt, baut Rom einen Tempel. Sempronius siegte, der Tempel wurde gebaut, und am 25. Mai 194 vor Christus wurde er eingeweiht. Damit hatte das Volk der Quiriten seine eigene Glücksgöttin im Stadtbild. Auf dem Quirinal, neben zwei weiteren Fortuna-Tempeln, die Vitruv die Tres Fortunae nannte.
Auf der Tempelterrasse stehen bereits andere Magistrate. Lucius nickt seinem Kollegen Marcus Aemilius zu, einem Mann seiner Generation, den er aus dem Senat kennt. Sie warten, bis der zuständige Priester die Vorbereitungen abgeschlossen hat. Ein junger Stier wird zur Opferstätte geführt. Der Priester spricht die Eröffnungsformeln. Weihrauch steigt. Die Sonne ist jetzt höher, die Luft warm. Im Hintergrund, von der Stadt herauf, hört man entfernt das gewöhnliche Geräusch eines Mai-Vormittags: Stimmen vom Forum, Geschrei von Händlern, das Rollen eines Wagens. Aber hier oben, vor dem Tempel, ist es still.
Ovid hat dieses Fest in den Fasti festgehalten, kurz, in zwei Versen, die mehr in sich tragen als ihre Wortzahl vermuten lässt:
„Nec te praetereo, populi Fortuna potentis publica, cui templum luce sequente datum est."
„Auch dich übergehe ich nicht, öffentliche Fortuna des mächtigen Volkes, der am folgenden Tag der Tempel geweiht wurde."
— Ovid, Fasti V, 729–730
Eine Göttin für alle
Es ist kein großer Vers. Ovid wird poetischer, wenn er von Geistern und Göttinnen erzählt. Aber genau diese Schlichtheit passt zur Fortuna Publica. Sie war keine geheimnisvolle Macht, kein dunkler Schatten, keine kultische Fremdgottheit aus dem Osten. Sie war die ganz römische Idee, dass das Glück eines Volkes etwas anderes ist als das Glück eines Einzelnen. Dass der Staat als Ganzes ein eigenes Schicksal hat. Dass dieses Schicksal verehrt, gepflegt und durch Rituale gestärkt werden muss.
Das ist eine Vorstellung, die wir heute kaum mehr haben. Wir kennen privates Glück, beim Lotteriespiel, bei der Liebe, in der Karriere. Aber kollektives Glück? Glück eines ganzen Staates, das man als Person verehren und ihm Tempel weihen kann? Das ist uns fremd geworden. Den Römern war es selbstverständlich. Eine Stadt, die ein halbes Jahrtausend lang Krieg geführt und sich dabei in ein Imperium verwandelt hat, weiß, dass Glück nicht zufällig ist. Es muss gepflegt werden. Es braucht Tempel.
Lucius gibt dem Priester ein Zeichen. Das Tieropfer beginnt. Cassius hält den Korb mit den weiteren Gaben, Wein, Salz, Mehl. Nach dem Stier wird Lucius selbst eine Schale Wein über den Altar gießen. Er spricht dabei eine kurze Formel. Pro salute populi Romani Quiritium. Für das Wohl des römischen Volkes der Quiriten.
Der Bogen schließt sich
Im Mai endet damit ein eigentümlicher Bogen. Der Monat begann mit Maia auf dem Aventin, mit Frauen unter sich, mit der Bona Dea und ihrem geheimen Kult. Er führte durch Geisterabwehr, durch Binsenpuppen im Tiber, durch Händler-Eide am Brunnen, durch Trompetenklänge in der Schusterhalle. Und er endet mit einem Senator auf dem Quirinal, der für das öffentliche Glück Roms opfert.
Das ist kein Zufall. Der Mai ging durch alle Schichten, alle Stimmungen, alle Schwellen. Er endete im Hellen. Bei Sonne, bei Tempel, bei Versprechen, die Generationen überdauern. Lucius steigt nach dem Opfer langsam wieder hinab. Cassius folgt ihm. Unten in der Stadt riechen die Linden. Der Mai ist fast vorbei.
Ambarvalia — Wenn Rom seine Felder einkreiste

Quintus steht vor seinem Hof in der Sabina, früh am Morgen, und schaut auf seine Felder. Es ist ein Tag in der zweiten Maihälfte, er hat ihn nicht im voraus festgelegt, sondern abgewartet, bis das Wetter passte und der Stand des Getreides es nahelegte. Sein Vater hat es so gehalten. Sein Großvater. So wird er es seinem Sohn beibringen. Die Ambarvalia waren nie ein Fest mit festem Datum. Sie waren ein Fest mit festem Sinn.
Ambire arva - die Felder umgehen. Das ist die Bedeutung des Namens, und das ist das ganze Ritual. Man nimmt die wichtigsten Tiere, die man hat, führt sie um seine Felder herum, dreimal, und opfert sie dann den Göttern, damit das Wachstum Bestand hat. So einfach. Und so alt, dass selbst die Römer sich wiedermal nicht mehr erinnerten, wann es entstanden war.
Quintus' Sohn Maius ist heute zum ersten Mal richtig dabei. Er ist neun Jahre alt, und sein Vater hat ihm beigebracht, was zu tun ist: voranzugehen, nicht zu sprechen, nicht zurückzuschauen. Hinter den beiden gehen zwei Sklaven mit den Opfertieren. Drei Tiere insgesamt - ein Ferkel, ein Schaf und ein junger Stier.
Drei Tiere, ein Rundgang, ein ganzes Jahr
Die Römer hatten für diese Drei-Tier-Kombination ein eigenes Wort: suovetaurilia. Sus — das Schwein. Ovis — das Schaf. Taurus — der Stier. Die drei zusammengefasst zu einem einzigen, sperrigen, perfekt römischen Begriff, der in keine andere Sprache wirklich gut übersetzbar ist. Drei Tiere, drei Opfer, ein Ritus. Wer ein römisches Relief sieht, auf dem Schwein, Schaf und Stier neben einem Altar stehen, sieht eine Suovetaurilia. Es war eine der häufigsten Opferdarstellungen der antiken Bildkunst, auf Trajanssäule, auf Ehrenmonumenten, auf Provinzsteinen. Wo Rom etwas Großes reinigen wollte, kamen diese drei Tiere zum Einsatz.
Quintus führt seinen kleinen Zug entlang des äußeren Randes seiner Felder. Er bleibt an jeder Ecke kurz stehen, spricht eine Formel, geht weiter. Beim ersten vollständigen Rundgang noch wortkarg, beim zweiten beginnt er das Hauptgebet, das sein Vater ihm beigebracht hat und das kein Geringerer als Cato der Ältere in seinem Buch über den Landbau, De agricultura, im Wortlaut überliefert hat. Ein Gebet, das überraschen mag, denn es richtet sich nicht an Ceres, die Getreidegöttin, und nicht an Tellus, die Erde. Es richtet sich an Mars.
„Mars pater, te precor quaesoque uti sies volens propitius mihi domo familiaeque nostrae..."
„Vater Mars, ich bitte und beschwöre dich, dass du mir, meinem Haus und meiner Familie wohlgesonnen seist..."
— Cato, De agricultura 141
Das ist erstaunlich. Wir denken bei Mars an Krieg, an Legionen, an den März der Feldzüge. Aber im italischen Bauernsinn war Mars zuerst ein anderer: ein Schützer der Felder, ein Abwehrer von Krankheit, ein Wächter gegen alles, was dem Wachstum schaden könnte. Krieg gegen die Pilze, Krieg gegen die Heuschrecken, Krieg gegen das, was in der Nacht über die Halme zieht. Mars war für den Bauern ein Frontkämpfer für die Ernte. Erst später, als Rom zur Weltmacht wurde, verschob sich seine Rolle ganz zum militärischen Gott.
Quintus betet weiter, leise, fast murmelnd. Sein Sohn geht vor ihm. Die Sklaven hinter ihm. Die Sonne steigt höher. Beim dritten Rundgang ist die Luft warm, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Die Tiere ahnen vielleicht, was kommt, der Stier wirft den Kopf, das Schaf bleibt zwei Mal stehen. Aber sie gehen weiter. Der Zug hält an der westlichen Ecke des Feldes, wo Quintus den Altar aufgestellt hat, einen einfachen Steinblock, den schon sein Vater benutzt hat. Hier werden die Tiere geopfert. Eines nach dem anderen. Schwein zuerst, dann Schaf, dann Stier, die kleinste, die mittlere, die größte Gabe.
Das ist die Privatform der Ambarvalia. Sie fand auf jedem Hof Italiens statt, in jedem Mai, manchmal Juni, wann immer das Klima und die Ernte es nahelegten. Niemand hat darüber Buch geführt. Niemand hat die Gebete der Bauern aufgeschrieben, abgesehen von Cato, der das einmal getan hat, weil er befürchtete, dass das Wissen verloren gehen könnte.
Die Arvalbrüder und ein Kaiser auf dem Acker
Aber es gab auch eine Staatsform. In Rom, präziser: 8 Kilometer außerhalb der Stadt, an der Via Campana, im Hain der Dea Dia, versammelten sich an genau diesen Tagen die Arvalbrüder. Zwölf Männer, eine der ältesten Priesterschaften Roms, die sich mythisch auf Romulus selbst zurückführten. Acca Larentia, die Amme des Stadtgründers, soll zwölf Söhne gehabt haben, und einer von ihnen sei früh gestorben, Romulus habe seinen Platz eingenommen. So entstand das Kollegium der zwölf Fratres Arvales, der „Brüder des Ackers". Mythos? Wahrscheinlich. Aber das Kollegium gab es, und es war alt. In der späten Republik war es fast in Vergessenheit geraten. Bis Augustus kam.
27 vor Christus, im Rahmen seiner umfassenden religiösen Restauration, belebte Augustus die Arvalbrüder wieder. Er trat selbst dem Kollegium bei. Sein engster Vertrauter Agrippa ebenfalls. Aus einem fast vergessenen archaischen Bauernpriestertum wurde eine Bühne der augusteischen mores maiorum - der Sitten der Vorfahren, die der erste Kaiser zur Schau zu tragen wusste. Die Arvalbrüder hielten ihre Ambarvalia jedes Jahr ab, drei Tage lang, im Hain der Dea Dia, mit Opfern, Gesang und Tanz. Sie führten dabei das Carmen Arvale auf, ein Lied in einer Sprache, die bereits zu Zeiten Augustus' kaum mehr verstanden wurde. Die Wissenschaft datiert es ins 6. Jahrhundert vor Christus oder noch früher. Es ist eines der ältesten erhaltenen lateinischen Texte überhaupt und niemand kann sicher sagen, was es genau bedeutet.
Das ist die schöne Spannung der Ambarvalia: Sie waren das einfachste römische Fest, das man sich vorstellen kann, ein Bauer, drei Tiere, ein Rundgang. Und sie waren gleichzeitig das archaischste, mit Worten so alt, dass sie nicht einmal die Eingeweihten verstanden. Ein Fest, in dem Augustus selbst dabei war, neben einem Kaiser, der nichts mehr mit dem Acker zu tun hatte. Ein Fest, das auf jedem sabinischen Hof wie auf der höchsten römischen Bühne gleichermaßen wichtig war. Quintus opfert. Sein Sohn schaut zu, ohne zu sprechen. Der Rauch zieht über das Feld. Das Getreide steht hoch. Mars hat zugehört. Oder Tellus. Oder Ceres. Oder alle drei. Quintus ist sich nicht sicher, an wen genau er gerade gebetet hat. Cato hatte Mars genannt. Sein Vater hatte oft Tellus angerufen. Er selbst spricht beide an, vorsichtshalber.
Es ist später Vormittag. Der Mai geht zu Ende. Die Felder stehen.
Mai für jede Gruppe — Wie verschiedene Stände den Monat erlebten
Der römische Mai traf nicht alle gleich. Eine Senatorin auf dem Caelius erlebte ihn anders als ihre Sklavin, ein Bauer in der Sabina anders als ein Tuchhändler in der Subura. Die folgende Übersicht zeigt, was der Maius für die wichtigsten Gruppen Roms bedeutete.
| Gruppe | Wie der Mai sie traf |
|---|---|
| Senatorenfrauen | Bona Dea-Riten am Aventin, Vestalinnen-geleitete Frauenrituale, eigene sakrale Räume - der Mai gab Frauen einen Tempelbezirk, der ihnen sonst verschlossen blieb |
| Plebejerinnen und Sklavinnen | Gleichberechtigte Teilnahme am Bona-Dea-Fest am 1. Mai - Cornelia, die Töpferstochter, kniet neben ihrer Sklavin Aelia. Standesgrenzen lockerten sich für eine Nacht |
| Pater familias | Verantwortung für das gesamte Haus während der drei Lemurennächte. Marcus Tullius geht barfuß durchs Atrium, neunmal die Formel, Bohnen hinter den Rücken - einer der wenigen Tage, an denen er ritueller Hauspriester war |
| Sklaven und Sklavinnen | Geschlossene Türen, geflüstertes Mitzählen der Bohnenwürfe, Ahnenangst auch im obersten Stockwerk - die alte Sklavin in der Insula gehörte zur Familie, auch sie wurde mit „losgekauft" |
| Witwen und Hinterbliebene | Rosalia an einem nicht festgelegten Maitag - Octavia geht mit ihren Kindern zur Nekropole vor Pompeji, schmückt das Grab mit Rosen, hält ein Mahl. Der Mai erlaubte das Gedenken in Farbe |
| Händler und Kaufleute | Mercuralia an der Aqua Mercurii bei der Porta Capena - Lucius bespritzt seine Tücher und sich selbst mit heiligem Wasser, betet um die göttliche Erlaubnis künftiger Lügen. Mercurius lacht und nickt |
| Bauern auf dem Land | Ambarvalia mit drei Tieren um die Felder - Quintus führt seinen kleinen Zug durch die sabinischen Hügel, opfert Mars, betet zu Tellus. Der Mai sicherte ihm die Ernte für den Sommer |
| Soldaten und Legionen | Tubilustrium am 23. Mai für die Trompeten, Rosaliae signorum am 10. und 31. Mai für die Standarten - der Mai bereitete militärisch und rituell auf die Sommerfeldzüge vor |
| Priester und Magistrate | Tempelweihtage, Opferrituale, Tubilustrium-Ablauf, Senatsdienste - der Mai war einer der dichtesten Monate für sakrale Pflichten |
| Trompeter (Tubicines) | Eigener Berufsstand mit eigenem Festtag - Marcus Servilius im Subura hört am 23. Mai die gereinigten Tubae wieder klingen und denkt an vierzig Jahre eigenes Spielen zurück |
| Senatoren | Tempelbesuch auf dem Quirinal am 25. Mai - Lucius Valerius opfert für die Fortuna Publica, für das Wohl des römischen Volkes der Quiriten. Pflicht, Erinnerung, kollektives Glück |
Grün und gespenstisch - Der Monat zwischen den Welten
Wenn ich nach all dem etwas mitnehme aus dem römischen Mai, dann ist es nicht der Bohnenwurf in der Mitternacht oder das Suovetaurilia auf dem Feld. Es ist eine Haltung, die wir verloren haben.
Die Römer haben ihre Widersprüche nicht bekämpft. Sie haben sie akzeptiert.
In ihrem Mai war Wachstum und Tod gleichzeitig wahr. Maia eröffnete den Monat, die Lemuren beherrschten seine Nächte. Eine Frau auf dem Aventin betete um Fruchtbarkeit, während drei Häuser weiter ein Mann barfuß durch sein Atrium ging und Geister hinausbat. Niemand fand das schizophren. Niemand wollte es auflösen.
Wir dagegen sortieren. Wir trennen. Wir wollen Klarheit. Wir wollen einen Monat, der eine Stimmung hat. Mai ist Frühling, Mai ist Liebe, Mai ist Wonnemonat. So nennt ihn die deutsche Sprache seit Karl dem Großen. Und genau das zeigt sich auch in unserer Hochzeitsstatistik: Mai gehört in Deutschland und Österreich seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Hochzeitsmonaten. Standesämter sind monatelang im Voraus ausgebucht. Wer im Mai heiraten will, muss sich rechtzeitig kümmern.
Das ist neu.
Vom Geistermonat zum Hochzeitsmonat
Noch im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, erschienen 1932, ist der Mai-Hochzeitsspruch in vollem Umfang dokumentiert. Frankreich, Italien, Tirol, Süddeutschland, überall wurde im Mai möglichst nicht geheiratet.
„Hochzeit im Mai ruft den Tod." - „Einem im Mai getrauten Paare haftet alles an."
— Tiroler Volksmund, dokumentiert im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, 1932
Direkt zurückgeführt auf die Lemuria. Heute ist sie unsichtbar geworden.
Was hat sich geändert? Vermutlich vieles auf einmal. Die Romantik des 19. Jahrhunderts hat den Mai zum Liebesmonat verklärt. Die Hochzeitsindustrie des 20. Jahrhunderts hat ihn zum perfekten Termin erklärt: Sonne, Blumen, Außenfeier möglich. Aus dem Lemuria-Mai wurde der Wonnemonat-Mai. Aus dem Geistermonat wurde der Hochzeitsmonat. Eine bemerkenswerte sprachliche und kulturelle Umkehrung in nur drei oder vier Generationen.
Was bleibt, ist das Wissen, ohne die Befolgung. Großmütter, die Maggio non si sposa sagen und schmunzeln. Tanten, die bei der Brautwahl kurz zögern, wenn ein Mai-Termin fällt, und es nicht begründen können. Diffuse Erinnerungen an etwas, das einmal galt.
Was wir von Rom lernen können
Vielleicht ist das die Essenz dieses Monats. Nicht, dass wir wieder Bohnen werfen sollten. Nicht, dass wir Maia einen Tempel errichten müssten. Sondern dass wir lernen können, was die Römer konnten: zwei Stimmen gleichzeitig zu hören, ohne sie zum Streit zu zwingen. Mai darf Hochzeitsmonat sein. Mai darf gleichzeitig der alte Geistermonat sein. Beides ist wahr. Beides hat Geschichte.
Was vom Maius übrig blieb
Manches aus dem römischen Mai ist verschwunden. Anderes lebt unter neuem Namen weiter, ohne dass wir es bemerken. Und ein Detail hat sich sogar in sein Gegenteil verkehrt. Diese Tabelle zeigt, was die Zeit aus den Festen des Maius gemacht hat.
| Im antiken Rom | Heute |
|---|---|
| 1. Mai - Bona Dea-Riten am Aventin, geheime Frauenrituale, weibliche Sakralräume | Tag der Arbeit, Maibowle, Maifeste - der 1. Mai gehört noch immer dem Frühling und der Gemeinschaft, nur ohne die Göttin |
| 9./11./13. Mai - Lemuria, schwarze Bohnen gegen Geister, Tempel geschlossen, Hochzeitsverbot | Halloween hat in den USA und mittlerweile auch in Europa funktional übernommen, was einst die Lemuria leistete - wenn auch im Herbst, mit Kürbissen statt Bohnen. Die christliche Allerseelen-Tradition steht in derselben Linie |
| Rosalia - Rosen am Grab, Mahl mit den Toten, regional flexibles Datum | Allerseelen, Totensonntag, Friedhofsbesuche mit Blumen - die Geste lebt unter anderem Namen, im Spätherbst statt im Mai |
| 14. Mai - Argei, 27 Binsenpuppen werden in den Tiber geworfen, niemand weiß warum | Vergessen. Kein direktes modernes Echo. Eines jener Rituale, die mit Rom verschwanden |
| 15. Mai - Mercuralia, Händler segnen Waren mit heiligem Wasser, bitten um göttliche Deckung für Lügen | Caveat emptor - der Käufer hüte sich. Das Misstrauen in Handel ist 2.000 Jahre alt. Die religiöse Komplizenschaft ist verschwunden, der Pragmatismus geblieben |
| 21. Mai - Agonalia für Veiovis, ein Gott, dessen Identität niemand mehr kannte | Vergessen. Veiovis ist heute nur noch Spezialliteratur - ein Name auf einem Tempelstein, mehr nicht |
| 23. Mai - Tubilustrium, Reinigung der heiligen Trompeten | Klangrituale beim Beginn militärischer Operationen - Trommelwirbel, Pfeifenkommandos, Hörner. Jede moderne Armee hat ihre Tubae-Erben |
| 25. Mai - Fortuna Publica, Tempelweihtag, Opfer für das öffentliche Glück | Lotterien, Sportwetten, „Glück fürs Gemeinwesen" als Idee - das kollektive Glück wurde privatisiert. Die Tempel sind verschwunden, die Lottoannahmestellen sind geblieben |
| Ambarvalia - Flurumgang mit drei Opfertieren, älteste Felderprozession Italiens | Flurprozessionen am Markusentag, das Erntedankfest, kirchliche Segnung von Feldern und Höfen - der Ambarvalia-Geist lebt in vielen ländlichen Bräuchen Europas weiter |
| Mense Maio malae nubunt - Hochzeitsverbot wegen der Lemuria | Verkehrt sich heute ins Gegenteil: Mai ist einer der beliebtesten Hochzeitsmonate. Der Aberglaube ist fast verschwunden - das Wissen um ihn flackert nur noch bei den Großmüttern |
| Mai = Maia, Wachstumsgöttin | Mai = Marienmonat in der katholischen Kirche, Muttertag, Mai als Liebesmonat der Romantik. Eine Kette weiblicher Mai-Symbolik durch zwei Jahrtausende |
Fragen zum römischen Mai
Warum heißt der Mai eigentlich Mai?
Der Monat ist nach Maia benannt, einer alten römischen Göttin der Erde, des Wachstums und der Fruchtbarkeit. Schon Ovid berichtet in den Fasti, dass die Etymologie umstritten war. Möglich sind drei Herleitungen: Maia (die Göttin), Maiestas (die Würde) oder maiores (die Vorfahren). Der Name reicht zurück bis ins älteste italische Bauernjahr und steht im Kern für „das, was wächst und größer wird".
Wer war die Bona Dea und warum ist sie wichtig?
Die Bona Dea war eine römische Göttin der Erde, der Heilung und der Frauen und eine der geheimnisvollsten Gottheiten Roms. Ihr wahrer Name galt als geheim. Macrobius identifiziert sie mit Maia. Am 1. Mai feierten Frauen aller Stände in ihrem Aventin-Tempel, Senatorinnen neben Sklavinnen, geleitet von den Vestalinnen. Ein zweites, deutlich geheimeres Fest fand im Dezember in einem Privathaus statt, von dem alle männlichen Wesen entfernt werden mussten.
Stimmt es, dass Mai bei den Römern ein Unglücksmonat war?
Ja, in mehrfacher Hinsicht. Drei nächtliche Geisterfeste (die Lemuria am 9., 11. und 13. Mai), das rätselhafte Argei-Ritual am 14. Mai mit Binsenpuppen im Tiber, dazu geschlossene Tempel und Hochzeitsverbot, der Mai galt trotz seiner Wachstumsgöttin als gefährlich. Diese Doppelnatur war typisch römisch: Wachstum und Tod, Frühling und Ahnen, Helle und Schatten gleichzeitig.
Warum sollte man im Mai nicht heiraten?
Der Aberglaube geht direkt auf die römischen Lemuria zurück. Drei Geisternächte mitten im Monat — wer da heiratete, lud nach römischer Vorstellung die Toten ans Hochzeitsmahl. Ovid prägte den Spruch „Mense Maio malae nubunt" - „Im Mai heiraten nur die Schlechten." Noch das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens von 1932 dokumentiert Sprüche wie „Hochzeit im Mai ruft den Tod". Heute ist der Mai allerdings einer der beliebtesten Hochzeitsmonate Deutschlands - der Aberglaube ist im 20. Jahrhundert weitgehend verschwunden.
Was war die Ambarvalia und warum opferten Bauern dabei drei Tiere?
Die Ambarvalia war ein römisches Flurfest mit beweglichem Datum, meist Ende Mai oder Anfang Juni. Ambire arva - die Felder umgehen - beschreibt das Ritual genau: Ein Schwein, ein Schaf und ein Stier (zusammen suovetaurilia) wurden dreimal um die Felder geführt und dann geopfert. Auf dem Land vollzog jeder Bauer das Ritual selbst, mit einem Gebet an Mars als Schutzgott der Felder. Cato überliefert den Wortlaut in De agricultura. In Rom übernahmen die zwölf Arvalbrüder die Staatsform, Augustus selbst war Mitglied dieses Kollegiums.
Was wurde beim Tubilustrium am 23. Mai gemacht?
Am 23. Mai wurden in der Schusterhalle (Atrium Sutorium) die heiligen Trompeten Roms, die Tubae - rituell gereinigt. Das Tubilustrium gab es zweimal im Jahr: am 23. März für Mars und am 23. Mai für Vulcanus, weil er als Schmied die Trompeten gefertigt hatte. Die Tubae waren nicht nur Kriegswerkzeug, sie eröffneten Triumphzüge, kündigten Senatssitzungen an und führten die Toten zum Scheiterhaufen. Trompeter (Tubicines) waren ein eigener anerkannter Berufsstand mit eigenem Schutzpatron.
Hat der Maibaum was mit den alten Römern zu tun?
Nein. Trotz mancher Behauptungen gibt es keine direkte Linie vom römischen Mai zum modernen Maibaum. Die ältesten urkundlichen Belege für Maibäume stammen aus dem 13. Jahrhundert (Aachen, 1224/1225). Die heutige Form ist seit dem 16. Jahrhundert überliefert. Die Wurzeln liegen im Spätmittelalter, in germanisch-mittelalterlichen Brauchformen, nicht in Maia, den Floralia oder anderen römischen Frühlingsritualen.
Warum ist der Mai der Marienmonat?
Im katholischen Kirchenjahr ist der Mai der Verehrung der Gottesmutter Maria gewidmet, mit Maiandachten und Marienliedern. Das geht zurück auf eine spätmittelalterliche Tradition, die im 18. und 19. Jahrhundert ihre heutige Form annahm. Interessant ist die Kontinuität: Der Mai stand in vielen vorchristlichen Kulturen unter dem Schutz weiblicher Gottheiten, Maia, Bona Dea, Flora. Maria trat in eine bereits bestehende Tradition weiblicher Mai-Symbolik ein.
Quellen und weiterführende Links
Antike Hauptquellen
- Ovid, Fasti Buch V — die zentrale Quelle für den römischen Mai (Lemuria, Argei, Mercuralia, Tubilustrium, Fortuna Publica)
- Macrobius, Saturnalia I, 12 — Identifikation Maia/Bona Dea
- Cato der Ältere, De agricultura 141 — überliefert das Bauerngebet zur Ambarvalia
- Aulus Gellius, Noctes Atticae V, 12 und X, 15 — Veiovis und Argei
- Livius, Ab urbe condita 29.36 und 34.53 — Tempelgründung Fortuna Publica
Standardwerke
- Howard H. Scullard, Römische Feste (Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1985)
- Jörg Rüpke, Kalender und Öffentlichkeit (de Gruyter, Berlin 1995)
- H. H. J. Brouwer, Bona Dea: The Sources and a Description of the Cult (Brill, Leiden 1989)
Weiterführende Online-Quellen
- Mai (Wikipedia)
- Maia, römische Mythologie (Wikipedia)
- Bona Dea (Wikipedia)
- Lemuria, Fest (Wikipedia)
- Rosalia, Festival (Wikipedia EN)
- Tubilustrium (Wikipedia)
- Fortuna (Wikipedia)
Aktualisiert am: 30.04.2026
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Über die Autorin:
Salvete! Mein Name: Manuela Priess und mich interessiert an der römischen Geschichte vor allem das, was oft zwischen den großen Daten und bekannten Namen liegt: der Alltag, die kleinen Details und die Geschichten hinter der Geschichte. Ich schreibe über Themen, die in der Antike verwurzelt sind und bis in unseren heutigen Alltag hineinreichen. Meine Texte sind quellenbasiert, verständlich erzählt und dort, wo es passt, mit eigenen Erfahrungen aus vielen Jahren Reenactment verbunden. Besonders intensiv habe ich mich viele Jahre lang mit römischer Frisurenmode und Blumen in der Antike beschäftigt, in Workshops auf Museumsevents und bei Vorträgen in römischen Museen. Im Römer Shop leite ich den Servicebereich und begleite unsere Kundinnen und Kunden mit Rat, Erfahrung und einem Blick für die Geschichte hinter dem Produkt. Mein Ziel ist es, römische Geschichte so zu beschreiben, dass sie nicht im Museum stehen bleibt, sondern im Alltag und im Kopf lebendig wird.
Also Augen zu, historisches Kopfkino an...