Patrizier und Plebejer, ein Stuhl für Sklaven und sechsunddreißig Krokodile
Der römische November kurz erklärt
Der römische November heißt nach novem, neun, obwohl er der elfte Monat ist, weil das alte Jahr im März begann. Caesar gab ihm bei der Kalenderreform einen Tag dazu, von neunundzwanzig auf dreißig. Inhaltlich wiederholt er den September, mit vertauschten Rollen zwischen Patriziern und Plebejern: Vom 4. bis zum 17. November liefen die Ludi Plebeii, die Plebeischen Spiele, ausgerichtet von den plebejischen Ädilen, den Beamten der Plebs, während die Ludi Romani im September den kurulischen Ädilen unterstanden. Der Ablauf war derselbe, Tag für Tag: Bühnenspiele, am 13. das Mahl für Jupiter, am 14. die Musterung der Pferde, danach römische Wagenrennen. Mit dem Markt vom 18. bis zum 20. gehören siebzehn von dreißig Tagen einem einzigen Fest. Was sonst im Kalender steht, fällt mitten hinein: Am 8. November öffnete sich der Mundus, der Schacht zu den Toten, zum dritten und letzten Mal im Jahr, vom 11. an galt das Meer als geschlossen, und am 13. feierte Rom neben Jupiter die Göttin Feronia, in deren Tempel bei Terracina Freigelassene den pileus empfingen, den Hut der freien Menschen.
Zum zweiten Mal in diesem Jahr liegt Jupiter zu Tisch

Am dreizehnten November wird auf dem Kapitol wieder ein Tisch gedeckt, die Gäste sind die gleichen wie im September! Jupiters Bild ruht auf einem Polster, so wie ein Hausherr bei Tisch liegt. Juno und Minerva sitzen. Aufrecht, auf Stühlen, neben dem liegenden Gott. Valerius Maximus erklärt in einem Nebensatz, warum. Früher lagen die Männer beim Essen und die Frauen saßen dabei. In den römischen Häusern seiner Zeit hielt sich diese Ordnung nicht mehr. Am Göttertisch hielt sie sich. Was in den Wohnungen längst aufgegeben war, stand auf dem Kapitol noch im Programm.
Zwei Feste, ein Ablauf
Wer dieses Bild kennt, kennt es aus dem September. Dort lag Jupiter am selben Tag, auf demselben Polster, in derselben Gesellschaft. Da waren es fünfzehn Tage Spiele, am dreizehnten das Mahl, am vierzehnten die Musterung der Pferde, danach die Rennen.
Ausgetauscht sind die Veranstalter. Der Gott bleibt derselbe, das Publikum auch, denn in den Circus durfte im September jeder. Was sich ändert, ist die Frage, wer das Fest gibt. Rom hat für den Streit zwischen Patriziern und Plebejern keine Schlichtung gefunden, sondern einen zweiten Termin eingerichtet. Eine spätantike Erklärung zu Cicero führt die Plebeischen Spiele auf die Freiheit der Plebs zurück und bietet dazu gleich zwei Varianten an: die Freiheit von den Königen, oder die Freiheit von der Herrschaft der Patrizier. Schon in der Antike war man sich mal wieder nicht sicher.
Wer waren Patrizier und Plebejer?
Zwei Wörter, die in diesem Beitrag oft vorkommen, und beide bedeuten etwas anderes, als man vermutet. Die Patrizier waren die Mitglieder einiger alter Familien. Sie besetzten die Priesterämter und lange Zeit die hohen Staatsämter, und sie gaben diese Stellung weiter wie ein Erbstück. Die Plebejer waren alle anderen. Hier liegt ein verbreiteter Irrtum, denn plebejisch heißt nicht arm. Unter den Plebejern gab es Tagelöhner, und es gab Großgrundbesitzer, Kaufleute mit eigenen Schiffen im Hafen und Familien mit mehr Geld als manches patrizische Haus. Was ihnen fehlte, war der Zugang zu den Ämtern, die den anderen durch Geburt zufielen. Beide Gruppen besaßen das römische Bürgerrecht. Der Unterschied lag nicht darin, Bürger zu sein, sondern darin, was man als Bürger werden durfte. Im Laufe der Republik öffneten sich die Ämter, bis auch Plebejer Konsuln wurden. Die beiden Feste blieben trotzdem getrennt.
Draußen wird es still
Im Oktober hat Rom die Waffen weggeräumt. Am elften November schließt sich das Meer, und es bleibt bis zum März geschlossen. Dabei geht meist unter, dass es nicht nur die See war. Vegetius nennt als Gründe kurze Tage, lange Nächte, dichte Wolken, trübe Luft, Regen und Schnee. Und er schreibt, dieselben Verhältnisse hätten auch die Reisenden an Land aufgehalten. Rom wurde im November nicht nur von den Schiffen abgeschnitten. Es wurde langsamer, in jede Richtung. Was an Getreide, Öl und Wein in der Stadt liegt, liegt nun dort, wo es den Winter über bleibt. Die Stadt hat Zeit. Und sie füllt sie mit vierzehn Tagen Theater, Prozession und Rennen.
Was dieser Monat erzählt
In diesen vierzehn Tagen steckt ein Fest, das anderswo keinen Platz fand. Am dreizehnten feiert Rom eine Göttin, deren Heiligtümer man in Hainen und an Quellen suchte. In ihrem Tempel bei Terracina stand ein steinerner Sitz. Wer sich darauf setzte, stand als freier Mensch wieder auf. Und dann ist da der Ort, an dem die Rennen stattgefunden haben sollen. Eine einzige antike Quelle nennt ihn. Die Forschung kennt dort einen umgrenzten Platz ohne Rennbahn und ohne Tribünen, auf dem einmal sechsunddreißig Krokodile im Wasser standen. Warum das Volk seine eigenen vierzehn Tage bekam, wer auf dem Steinsitz von Terracina Platz nahm, weshalb der Circus Flaminius wohl nie eine Rennbahn war und was vom römischen November bis heute auf einer Kuppel in Washington fehlt: Das erzählt dieser Beitrag.
Die Feste des November im Überblick
Der November hat ein großes Fest und ein paar Termine, die mitten hineinfallen. Die Übersicht zeigt alle auf einen Blick und sagt dazu, wie sicher jeder Tag überliefert ist.
| Datum | Fest oder Anlass | Ort | Worum es ging | Sicherheit |
|---|---|---|---|---|
| 1. November | Letzter Tag der Ludi Victoriae Sullanae | Circus Maximus | Schlusstag der Spiele für die Siegesgöttin, die am 26. Oktober begonnen haben | Sicher belegt |
| 4. bis 17. November | Ludi Plebeii | Bühnen in der Stadt, Rennen wohl im Circus Maximus | Die Spiele der Plebs, ausgerichtet von den plebejischen Ädilen, erstmals bezeugt 216 v. Chr. | Termine der Kaiserzeit sicher, Austragungsort umstritten |
| 4. bis 12. November | Bühnenspiele | Bühnen in Rom | Neun Tage Theater, in der Republik auf Holzbühnen, die nach den Spielen wieder abgebaut wurden | Gliederung aus der Kaiserzeit |
| 8. November | Mundus patet | Lage umstritten | Die dritte und letzte Öffnung des Zugangs zur Unterwelt im Jahr | Öffnung sicher, Deutung umstritten |
| 10. November | Weihetag der Fortuna Primigenia | Quirinal | Tempel der Schicksalsgöttin, gelobt 204, geweiht 194 v. Chr. | Kalendersteine nennen den 10., Handbücher oft den 13. |
| 11. November | Mare clausum | Mittelmeer | Ab diesem Tag gilt das Meer als geschlossen, bis zum 10. März | Bei Vegetius, kein Festtag |
| 13. November | Epulum Iovis | Kapitol | Mahl für Jupiter, Juno und Minerva an den Iden, die Jupiter gehören | Sicher belegt |
| 13. November | Feronia | Marsfeld | Fest der Göttin der Freigelassenen | Fest sicher, genaue Lage des Tempels umstritten |
| 14. November | Equorum probatio | Nicht überliefert | Musterung von Pferden am Tag vor den Rennen, wie am 14. September | Kalendereintrag sicher, Deutung umstritten |
| 15. bis 17. November | Wagenrennen | Wohl Circus Maximus | Die Rennen zum Abschluss der Plebeischen Spiele | Termine sicher, Ort umstritten |
| 18. bis 20. November | Mercatus | Rom | Markt nach den Spielen | Sicher belegt |
| 24. November | Bruma | Nicht überliefert | In Handbüchern als Wintertermin genannt. Ein Fest namens Brumae ist bezeugt, ein Datum nicht | Datum nicht belegt, Brumalia erst byzantinisch |
4. bis 17. November: Die Ludi Plebeii

Bevor das Fest beginnt, riecht der Platz nach frischem Holz. Sägen kreischen, Hämmer schlagen den Takt, Zimmerleute wuchten Balken in die Höhe, und einer flucht, weil eine Stütze nicht sitzt. Mittendrin steht ein Mann und rechnet. Er ist einer der beiden plebejischen Ädilen, der aediles plebis, und alles, was hier entsteht, läuft unter seinem Namen. Die Bühne wird halten, solange das Fest dauert. Dann kommen dieselben Männer zurück und nehmen sie wieder auseinander, Brett für Brett. Rom liebt das Theater. Ein Theatergebäude will es zu dieser Zeit noch nicht.
Der Senat und der Stuhl
Um die Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. wächst in Rom ein Theater aus Stein in die Höhe. Die Zensoren Cassius und Messalla haben es in Auftrag gegeben, Jahre vergehen, das Theater ist fast fertig. Dann steht im Senat Publius Cornelius Nasica auf und redet, und als er sich wieder setzt, ist das Theater erledigt. Der ganze Bau kommt unter den Hammer. Und weil der Senat gerade dabei ist, legt er nach: Im Umkreis von tausend Schritt um die Stadt, einer römischen Meile, darf niemand mehr Sitze für die Spiele aufstellen. Und sich hinsetzen, um zuzuschauen, darf auch keiner. Warum, hat ein Sammler denkwürdiger Taten und Worte aufgeschrieben, Valerius Maximus. Ausgerechnet an der entscheidenden Stelle ist sein Text beschädigt, die Herausgeber flicken ihn verschieden. Was sich lesen lässt, reicht völlig:
"Gegen die Erschlaffung der Gemüter solle die Mannhaftigkeit des Stehens das Kennzeichen des römischen Volkes sein."
Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 2,4,2 (sinngemäß)
Ein Volk, das sitzt, wird weich. Ein Volk, das steht, bleibt römisch. Das Problem war nicht die Bühne. Das Problem war der Stuhl. Ein Auszug aus Livius hat den trockenen Nachsatz bewahrt: Das Volk sah die Spiele eine Zeit lang im Stehen. Eine Zeit lang. Ein Theater aus Stein bekommt Rom erst durch Pompeius, als die Republik schon in ihren letzten Jahrzehnten steckt.
Ein Fest, das rückwärts wächst
Auf den Kalendersteinen der Kaiserzeit liest sich der November wie ein Festivalprogramm. Vom 4. bis zum 12. Theater, neun Tage am Stück. Am 13. das Mahl für Jupiter, am 14. die Musterung der Pferde, vom 15. bis zum 17. die Rennen. So sah es nicht immer aus. Am Anfang stand der dreizehnte, der Tag des Gottes, und die Rennen begannen wohl erst am fünfzehnten. Die Bühnentage davor sind vermutlich nach vorn gewachsen, Jahr für Jahr ein Stück, über Generationen, bis das Fest den halben Monat füllte. Für den Ädil heißt das: Jeder neue Tag ist ein Tag mehr, den jemand bezahlt.

Ein Ädil zahlt drauf
Und bezahlt wird reichlich. Aus der Staatskasse kommt Geld, es reicht nur selten. Wer glänzen will, legt aus eigener Tasche nach, und wer noch weitere Wahlen vor sich hat, will glänzen. Manche haben sich die Rechnung angesehen und das Amt dankend ausgeschlagen. Die anderen stehen mit Namen in den Annalen. Marcus Aurelius Cotta und Marcus Claudius Marcellus. Lucius Terentius Massiliota und Gnaeus Baebius Tamphilus. Manius Acilius Glabrio und Gaius Laelius. Manche kennt man später aus ganz anderen Zusammenhängen, Acilius Glabrio als Sieger bei den Thermopylen, Laelius als Freund Scipios. Hier stehen sie, weil sie ein Fest ausgerichtet haben. Das römische Äquivalent zum Abspann im Kino.
Dreimal, siebenmal, von vorn
Dann gibt es ein Wort, vor dem jeder Ädil Angst haben durfte. Instaurati. Wiederholt. Woher diese Angst kam, erzählt Livius mit der ältesten Geschichte dieser Art. Rom, 491 v. Chr., kurz bevor die Großen Spiele beginnen. Ein Hausherr treibt seinen Sklaven unter Schlägen quer durch den Circus Maximus. Die Leute schauen hin, schauen weg, die Spiele beginnen trotzdem. In der Nacht erscheint Jupiter einem einfachen Plebejer, Titus Latinius, im Traum: Der Vortänzer habe ihm missfallen. Die Spiele seien mit Glanz zu wiederholen, sonst drohe der Stadt Unheil.
Latinius schweigt. Wer geht schon mit einem Traum zu den Konsuln. Dann stirbt sein Sohn. Dann wird er selbst krank, so schwer, dass er nicht mehr gehen kann. Erst jetzt lässt er sich in einer Sänfte zu den Konsuln tragen und erzählt alles. Die Spiele werden wiederholt, und der Mann, den man hineingetragen hat, geht auf eigenen Füßen nach Hause. Ging bei einem Fest etwas schief, wurde also nachgeholt, und Livius führt darüber Buch wie ein Kassenwart. Schon im ersten Jahr, aus dem wir überhaupt von den Plebeischen Spielen hören, 216 v. Chr., steht da: dreimal. Und zweimal steht diese Zeile:
"Die Plebeischen Spiele wurden siebenmal wiederholt."
Livius, Ab urbe condita 29,11,12 (sinngemäß)
Siebenmal. Ob jedes Mal das ganze Fest oder nur einzelne Tage, sagt er dort nicht. An anderer Stelle sagt er es sehr wohl: 201 v. Chr., unter den Ädilen Lucius Apustius Fullo und Quintus Minucius Rufus, wurden die Spiele ter toti instaurati, dreimal vollständig wiederholt. Dreimal vollständig heißt dreimal Zimmerleute, dreimal Schauspieler und Flötenspieler, dreimal Prozession, Pferde, Wagen. Man darf sich vorstellen, wie die beiden abends nach Hause gegangen sind. Das Geld war das eine. Der Gott hatte einmal gezeigt, was passiert, wenn man nicht wiederholt.
Bleibt eine unangenehme Frage. Wo fuhren die Wagen das Rennen? Eine einzige antike Quelle nennt den Ort. Die Forschung hätte dazu etwas zu sagen.
Circus Flaminius: Der Circus, der keiner war

Die eine Quelle zum Circus Flaminius kennst Du schon. Du hast sie gerade gelesen, nur in einer anderen Fassung.
Die andere erzählt Valerius Maximus, derselbe Mann, der uns den Senat und den Stuhl überliefert hat. Auch er kennt den Traum. Wieder treibt ein Hausherr seinen Sklaven unter Schlägen vor sich her, bevor der Festzug einzieht. Wieder erscheint Jupiter einem Plebejer im Schlaf, wieder hat ihm der Vortänzer missfallen, wieder stirbt der Sohn, wieder wird der Mann in der Sänfte zu den Konsuln getragen und geht zu Fuß nach Hause. Zwei Dinge sind anders. Bei Valerius sind es die Plebeischen Spiele. Und der Sklave wird durch den Circus Flaminius getrieben. Das ist die einzige antike Stelle, die die Plebeischen Spiele dort ansiedelt.
Sie hat einen Haken, den man ausrechnen kann. Livius setzt diese Geschichte ins Jahr 491 v. Chr. Den Circus Flaminius ließ der Zensor Gaius Flaminius erst 220 v. Chr. anlegen, gut 270 Jahre später. Beide Autoren nennen die Orte also mit den Namen ihrer eigenen Zeit, Livius den Circus Maximus, Valerius den Circus Flaminius. Welcher von beiden recht hat, entscheidet das Gelände.
Ein Platz ohne Bahn
Vergiss für einen Moment das Wort Circus. Es heißt zunächst nur Kreis, ein Platz, auf dem man im Rund laufen oder fahren kann. Auch der Circus Maximus fing so an. König Tarquinius Priscus, erzählt Livius, steckte im Tal zwischen Palatin und Aventin den Platz ab, und die vornehmen Familien zimmerten sich ihre Zuschauergerüste selbst, aus Holz, auf Stützen, zwölf Fuß hoch. Bis aus dem Tal der steinerne Bau wurde, vergingen Jahrhunderte. Der Circus Flaminius hat diesen Schritt nie gemacht. Er war ein freier, flacher Platz auf dem Marsfeld, nah am Tiber, umgeben von Tempeln. Stell Dir einen Festplatz vor, keinen Stadionbau. Rief man das Volk zur Versammlung, stand es hier. Liefen Pferde, stellte man Wendemarken auf. Feierte ein Feldherr seinen Triumph, sammelte sich der Zug in dieser Gegend. Lucullus ließ hier vor seinem Triumph die erbeuteten Waffen und die Kriegsmaschinen des Mithridates ausstellen, erzählt Plutarch. Feste Sitzreihen, eine Mittelmauer, einen Zieleinlauf gab es nicht.
Das Gelände ist heute fast vollständig überbaut. Seine Form kennt man vor allem aus den Bruchstücken eines antiken Stadtplans aus Marmor, der Forma Urbis. Sie zeigen einen umgrenzten Platz am Tiber, ohne Rennbahn und ohne Tribünen. Später drängten sich ringsum das Marcellustheater und die Säulenhallen der Octavia und des Philippus, bis in der Kaiserzeit nur noch eine Piazza von rund dreihundert Metern übrig war. Wer dort ein Viergespann in die Kurve gelegt hätte, wäre in einer Säulenhalle gelandet. Die Forschung hält die Ortsangabe des Valerius deshalb für einen Irrtum.
Pferde für die Unterwelt
Ein Spiel fand dort sicher statt, und es ist ein seltsames. Unter dem letzten König, so die Überlieferung, suchte eine Seuche die schwangeren Frauen heim, und die Neugeborenen starben. Die Schuld gab man dem Fleisch geopferter Stiere, das unter das Volk verteilt worden war. Das Heilmittel stand in den Schicksalsbüchern: Spiele für die Götter der Unterwelt. Seitdem liefen auf dieser Wiese die Ludi Taurei, Rennen um Wendemarken, vermutlich im Sattel und nicht im Wagen. Umgezogen sind sie nie.
Wie flutet man einen Platz, der kein Gebäude ist?
Und dann gibt es den Tag, an dem der Circus Flaminius unter Wasser stand. Es ist das Jahr 2 v. Chr. Augustus weiht auf seinem neuen Forum den Tempel des Mars Ultor, des rächenden Mars, und Rom feiert. Auf dem Marsfeld lässt man Wasser auf den Platz, und darin werden sechsunddreißig Krokodile getötet, so erzählt es Cassius Dio. Bei einem Platz geht das. Der Grund liegt tief, der Fluss ist nah, und bei Hochwasser stand die Gegend ohnehin regelmäßig unter Wasser. Dio sagt nur, dass man Wasser hineinleitete, nicht woher. Agrippa hatte knapp zwanzig Jahre zuvor eine Wasserleitung aufs Marsfeld gelegt, die Aqua Virgo, und mit ihr schon einen künstlichen See gefüllt. Was danach geschah, sagt Dio ebenfalls nicht. Vermutlich lief das Wasser ab, und der Platz war wieder ein Platz.
Für die Seeschlacht bei denselben Feiern reichte er nicht. Augustus ließ dafür jenseits des Tiber ein eigenes Becken ausheben, und die Maße nennt er selbst, in seinem Tatenbericht: 1800 mal 1200 Fuß, gut 530 mal 350 Meter. Darin trafen dreißig Kriegsschiffe mit Rammsporn und viele kleinere aufeinander, an Bord rund dreitausend Kämpfer, die Ruderer nicht mitgezählt. In diesem Jahr war Wasser Programm. Eine feste Rennbahn mit Steintribünen flutet man nicht. Ein freier Platz lässt sich leichter in ein Becken verwandeln als ein Bau voller Sitzreihen. Ein Beweis ist das nicht. Ein gutes Indiz schon.
Wo liefen dann die römischen Wagenrennen der Plebeischen Spiele, vom 15. bis zum 17. November? Am ehesten dort, wo Rom immer fuhr: im Circus Maximus, zwischen Palatin und Aventin, auf derselben Bahn wie im September. Die Plebejer hatten ihre eigenen Ädilen, ihr eigenes Fest und ihre eigenen vierzehn Tage. Die Rennbahn teilten sie mit allen anderen.
Ein Theaterzettel aus dem Jahr 200 v. Chr.

Zwei Sklaven tanzen auf der Bühne. Einer von ihnen hat von seinem Herrn einen freien Tag geschenkt bekommen, Wein gleich dazu, und die beiden machen das Beste daraus: Der Krug kreist, es gibt ein bisschen zu essen und eine Freundin, die sie sich teilen. Am Bühnenrand bläst ein Flötenspieler die Backen auf. Einer der beiden hält ihm einen Becher hin: Trink, dann bläst Du kräftiger. Ein paar Takte später wollen sie etwas Schnelleres, Frecheres, zum Tanzen. Unten lacht das Publikum. So endet der Stichus des Plautus, eine Komödie, benannt nach einem Sklaven. Und ausnahmsweise wissen wir, wer die Musik dazu geschrieben hat.
Unter dem Text ein anderer Text
Von den meisten römischen Aufführungen bleibt nichts. Kein Datum, keine Namen, kein Anlass. Von dieser hat sich eine kleine Notiz erhalten, und sie hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Sie wurde mit dem Stücktext abgeschrieben, immer wieder, bis sie in einer Handschrift landete, die man später abgeschabt und neu beschrieben hat. Pergament war teuer, der alte Plautus schien entbehrlich. Er liegt bis heute darunter, im Mailänder Palimpsest, eine Stimme unter einer anderen. Ein Zettel im heutigen Sinn war das nicht, eher eine Aufführungsnotiz. Man nennt so etwas Didaskalie. Sie steht vor dem Stück und hält fest, bei welchem Anlass gespielt wurde, wer die Aufführung verantwortete, wer die Musik setzte und welche Konsuln regierten. Die Konsuln sind die Jahreszahl der Römer, und ihretwegen wissen wir: 200 v. Chr. Solche Notizen gibt es nur für zwei Stücke des Plautus und für die des Terenz.
"Der Stichus des Titus Maccius Plautus.
Griechische Vorlage: Adelphoe des Menander.
Aufgeführt bei den Plebeischen Spielen,
unter den plebejischen Ädilen Cn. Baebius und C. Terentius.
Zur Aufführung gebracht von T. Publilius Pellio.
Die Musik zum ganzen Stück, für sarranische Flöten, setzte Marcipor, der Sklave des Oppius.
Unter den Konsuln Sulpicius und Aurelius."Didaskalie zum Stichus des Plautus (sinngemäß)
Ein Sklave schreibt die Musik
Lies die Zeile mit der Musik noch einmal. Marcipor, der Sklave des Oppius. Das lateinische Wort heißt modulatus est, er hat das Stück in Musik gesetzt, und zwar das ganze. Ob er an diesem Tag auch selbst am Bühnenrand saß und die Backen aufblies, verrät die Notiz nicht. Die Melodie, zu der die beiden Sklaven tanzten, stammte jedenfalls von einem Sklaven. Man möchte daraus eine Anekdote machen: der Sklave, der es einmal in den Abspann schafft. Die Wahrheit ist besser, denn es war die Regel. Die erhaltenen Didaskalien nennen den Musiker regelmäßig, mit Namen und mit Besitzer. Bei Terenz heißt es modos fecit, er machte die Weisen. Roms Theatermusik kam von Menschen, die selbst jemandem gehörten, und die Überlieferung hat ihre Namen bewahrt. Auch seine Flöten haben eine Herkunft. Sarranisch verweist auf Sarra, einen alten Namen für Tyros, die phönizische Hafenstadt im heutigen Libanon. Gespielt wurde die tibia, eine Doppelpfeife. Ob die sarranische Form zwei gleich lange Rohre hatte, ist umstritten.
Rom hat an diesem Tag ein Stück über einen Sklaven gespielt, mit der Musik eines Sklaven, bei einem Fest für das Volk. Als die Spiele vorbei waren, kamen die Zimmerleute und bauten die Bühne wieder ab.
8. November: Mundus patet

Eine Freigelassene aus Syrien merkt es an den Leuten. Wir nennen sie Tyche, sie ist seit ein paar Jahren in Rom, seit zwei Jahren frei. An diesem Novembermorgen ist die Stadt vorsichtiger als sonst. Der Bäcker an der Ecke hat die Hochzeit seiner Tochter verschoben, und ein Schiffer am Tiber bleibt am Ufer, obwohl der Wind gut steht und das Meer nur noch wenige Tage offen ist. Irgendwo in der Stadt ist heute der Stein weggerückt. Zum dritten und letzten Mal in diesem Jahr steht der Mundus offen, und mit ihm, so glaubt man, der Weg in die römische Unterwelt.
Varro hat die Liste aufgeschrieben, was an so einem Tag gegen die Religion verstößt: eine Schlacht beginnen, Soldaten ausheben, ein Schiff losmachen, heiraten, um Kinder zu bekommen. Das mit der Schlacht und den Soldaten erledigt im November der Kalender von selbst. Der Rest bleibt. Beim ersten Mal, im August, hat Tyche noch gefragt, was das soll. Inzwischen fängt sie an solchen Tagen selbst nichts an.

Ein Himmel unter der Erde
Mundus heißt auf Latein die Welt, der Himmel. Ein seltsamer Name für ein Loch in der Erde, findet Tyche. Cato hätte ihr die Antwort geben können. Er kannte Leute, die dort unten gewesen waren. Man sieht so einen förmlich vor sich: eine Öllampe in der Hand, hinunter in die Kälte, die Flamme flackert, es riecht nach nasser Erde. Unten hebt er die Lampe und schaut nach oben. Über ihm wölbt sich die Decke wie das Himmelszelt.
"Der Mundus hat seinen Namen von dem Mundus, der über uns ist. Denn seine Form ist, wie ich von denen erfahren konnte, die hineingestiegen sind, jenem ähnlich."
Cato, zitiert bei Festus, De verborum significatu (sinngemäß)
Ein Himmel unter der Erde, und zugleich der Schlund des Pluto, wie Macrobius ihn nennt, geweiht dem Herrn der Unterwelt und Proserpina. An diesem Tag steht er offen.
Eine Handvoll Erde von daheim
Eine Geschichte gefällt Tyche besonders, und Plutarch hat sie aufgeschrieben. Als Romulus seine Stadt gründet, lässt er dort, wo später das Comitium liegt, eine runde Grube ausheben. Die Männer stehen im Kreis um das frische Loch. Zuerst werfen sie Erstlingsgaben hinein, von allem, was man zum Leben braucht. Dann öffnet jeder ein kleines Bündel, das er von zu Hause mitgebracht hat, und schüttet eine Handvoll Erde aus seiner Heimat in die Grube. Dunkle Erde, rote Erde, sandige Erde, alles fällt auf einen Haufen. Auch diese Grube heißt mundus, sagt Plutarch, so wie der Himmel. Ob es dieselbe Grube ist, die heute offen steht, weiß niemand. Den Namen teilen sie. Und Tyche mag den Gedanken, dass unter dieser Stadt Erde von überall liegt. Ihre eigene ist nicht dabei. Sie kam später, auf einem Schiff, und sie kam nicht freiwillig. Und trotzdem gehört sie dazu, seit dem Tag ihrer Freilassung. Wie so ein Tag aussah, erzählt der 13. November.
Unten offen, oben Theater
Am Nachmittag geht Tyche ins Theater. Es sind die Tage der Plebeischen Spiele, und der 8. November liegt mitten in den Bühnentagen. Auf der Bühne streiten zwei Diener um einen Weinkrug, das Publikum johlt, eine Flöte treibt die Szene voran. Unten in der Erde steht der Weg zu den Toten offen. Oben lacht Rom. Beides am selben Tag, und die Stadt hält es aus. Am Abend wird der Stein zurückgelegt, und diesmal bleibt er liegen. Bis zum nächsten August.
11. November: Mare clausum und fünfzehn Tage Getreide

Ganz Puteoli steht auf der Mole. Kinder auf den Schultern, Händler mit zusammengekniffenen Augen, Hafenarbeiter, die schon die Säcke zählen, bevor ein Schiff da ist. Draußen in der Bucht tauchen die Vorboten der Getreideflotte aus Alexandria auf, und ein Raunen geht durch die Menge. Man erkennt sie von Weitem: Nur die Schiffe aus Alexandria dürfen in der Bucht das Topsegel stehen lassen. Seneca hat diesen Tag beschrieben, im Sommer, wenn das Meer offen war, und er gesteht, dass er sitzen blieb. Er hatte nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu gewinnen.
Am elften November steht dort niemand mehr. Im Oktober haben ein Kaufmann und ein Kapitän am Kai von Ostia die letzte Fahrt des Jahres abgesagt. Vegetius, ein Militärschriftsteller der Spätantike, nennt den Tag, ab dem sich diese Frage nicht mehr stellt: den dritten Tag vor den Iden des November. Den elften.
Gut hundert Tage Sommer
Seine Rechnung beginnt mit einem ägyptischen Monat. Ist der Pachon vorbei und sind die Plejaden aufgegangen, gilt die Fahrt als sicher, vom 27. Mai bis zum 14. September. Zähl nach, das sind 111 Tage. Danach wird es unsicher, ab dem elften November ist das Meer geschlossen, und am zehnten März ist es nicht etwa wieder offen. Bis zu den Iden des Mai bleibt es gefährlich. Gut hundert sichere Tage im Jahr, für ein Reich, das rund um ein Meer gebaut ist. Und um wen sorgt sich Vegetius? Nicht um die Kaufleute. Mehr Vorsicht, schreibt er, brauche ein Heer auf Kriegsschiffen als der Privathandel, der in seinem Wagemut zur Eile drängt. Der Mann denkt an Soldaten, nicht an Säcke.
Piraten, Gier und Eisvögel
Gefahren wurde trotzdem. Vegetius stellt es fast achselzuckend fest: Die Betriebsamkeit der Händler ruht deshalb nicht. Plinius, der Naturforscher, sieht das grimmiger. Bei ihm schließen die Stürme das Meer gerade nicht, und er weiß, wer schuld ist:
"Zuerst haben die Piraten die Menschen gezwungen, in Todesgefahr die winterliche See zu erproben. Jetzt zwingt die Gier dazu."
Plinius, Naturalis historia 2,125 (sinngemäß)
Und doch kennt derselbe Plinius mitten im Winter eine Atempause. Sieben Tage vor und sieben Tage nach der Wintermitte liege das Meer still, damit die Eisvögel brüten können. Die Halkyonischen Tage, nach dem griechischen Namen des Vogels. Im Englischen sind die halcyon days bis heute sprichwörtlich für eine ruhige, glückliche Zeit.
Fünfzehn Tage
Im Jahr 51 wird in Rom nachgezählt. Die Ernte war schlecht, der Hunger gilt schon als böses Vorzeichen, in einer Reihe mit Vögeln auf dem Kapitol und Erdbeben. Dann steht die Zahl fest:
"Es stand fest, dass der Stadt Nahrung für fünfzehn Tage geblieben war, nicht mehr."
Tacitus, Annalen 12,43

Claudius sitzt gerade auf dem Forum zu Gericht, als ihn die Menge umringt. Sie brüllt, sie drängt, sie schiebt ihn bis ans Ende des Platzes, bis Soldaten ihm eine Gasse schlagen. Sueton erzählt von einer Getreidenot unter Claudius, bei der Brotstücke flogen und der Kaiser nur durch eine Hintertür in den Palast entkam. Die Szene kann zu derselben Krise gehören. Sicher ist das nicht. Gerettet hat Rom im Jahr 51 kein Plan. Tacitus schreibt die Rettung der großen Güte der Götter zu und der Milde des Winters. Das Meer hat in diesem Jahr ein Auge zugedrückt.
Ein Kaiser versichert die See
Claudius hat daraus gelernt. Den Händlern, die Getreide bringen, verspricht er sichere Gewinne, und wenn einem von ihnen im Sturm etwas zustößt, trägt der Kaiser den Schaden. Heute hieße das staatliche Versicherung. Wer Handelsschiffe baut, bekommt dazu Vorrechte, und die lesen sich wie ein kleines Sittengemälde. Ein römischer Bürger wird von den Nachteilen des Ehegesetzes befreit, das Unverheiratete und Kinderlose benachteiligt. Eine Frau bekommt die Vorrechte einer Mutter von vier Kindern. Und ein Latiner, ein Mann mit eingeschränkten Rechten, bekommt das volle römische Bürgerrecht. Als Sueton siebzig Jahre später schreibt, gelten diese Regeln noch. Als der Jurist Ulpian sie um 200 n. Chr. notiert, immer noch.
Das Kleingedruckte haben die Juristen aufbewahrt. Das Schiff braucht Platz für mindestens 10.000 Modien Getreide, nach heutiger Rechnung rund 65 bis 70 Tonnen, und es bringt sechs Jahre lang Getreide nach Rom. Ein Ersatzschiff an seiner Stelle zählt mit. Ein Schiff gegen vier Kinder, sechs Jahre Getreide gegen das Bürgerrecht. Das ist kein Gnadenakt. Das ist ein Vertrag mit Laufzeit.
Ein Orca im Hafen

Dann baut Claudius einen Hafen. Schon Caesar hatte den Plan erwogen und wegen der Schwierigkeit aufgegeben, und die Architekten rechnen Claudius die Kosten vor und sagen nur: „Das willst du nicht tun.“ Er tut es.
Während die Molen ins Meer wachsen, kommt ein Orca. Ein Schiff mit Häuten aus Gallien ist verunglückt, das Tier frisst sich tagelang satt, pflügt eine Rinne ins Flachwasser und sitzt am Ende so fest im Sand, dass es nicht mehr wenden kann. Sein Rücken ragt aus dem Wasser wie ein umgedrehter Kiel. Der Kaiser lässt Netze über die Hafeneinfahrten spannen, fährt selbst mit den Prätorianern hinaus und macht dem römischen Volk ein Schauspiel daraus. Von den Booten aus fliegen Lanzen. Eines der Boote sinkt, vollgeschlagen vom Blasstrahl des Tiers. Das wissen wir so genau, weil einer zusah, der alles aufschrieb, was ihm vor die Augen kam. Plinius. Vidimus, schreibt er. Wir haben es gesehen. Ob der Orca starb, sagt er nicht.
13. November: Feronia und der Stuhl, der frei macht

Die Klinge kratzt über die Kopfhaut, ein letztes Mal, dann ist es vorbei. Er fährt sich mit der Hand über den Schädel und erschrickt ein wenig, wie glatt das ist. Durch die Tempeltür kommt Wind vom Meer, salzig und kühl, und er spürt ihn dort, wo gestern noch Haare waren. Vor ihm steht ein Sitz aus Stein. Jemand hat einen Vers hineingemeißelt. Er setzt sich, und der Stein ist kalt. Er sitzt hier als Sklave, so wie er sein ganzes Leben als Sklave gesessen hat, auf Treppenstufen, in Küchen, auf dem Boden neben der Tür. Dann steht er auf.
"Verdiente Sklaven mögen sich setzen und als Freie aufstehen."
Servius, Kommentar zu Vergils Aeneis 8,564 (sinngemäß)
Diesen Vers kennen wir nur, weil um 400 n. Chr. ein Lehrer über Vergil gebeugt saß. Servius erklärt das große Epos Wort für Wort, und wo Vergil die Göttin Feronia nur im Vorbeigehen nennt, hält er an und erzählt, was er von ihr weiß: vom Stein, von den geschorenen Köpfen, vom Hut. Ob er oder ein späterer Bearbeiter je selbst in Terracina stand, schreibt er nicht. Er erzählt es wie etwas, das es einmal gab.
An welchem Tag der Mann aufstand, wissen wir nicht. Rom selbst feierte Feronia am dreizehnten November. An diesem Morgen führt oben auf dem Kapitol ein Priester ein weißes Lamm zum Altar, wie an allen Iden, denn die Iden gehören Jupiter. Unten auf dem Marsfeld, vor der alten Stadtgrenze, hat Feronia ihren Tag. Oben der Herr der Stadt. Unten die Göttin derer, die gerade erst dazugehören. Wer im August mitgelesen hat, kennt diese Spur. Damals stand Diana auf dem Aventin, und ihr Weihetag an den Iden des August galt als Festtag der Sklaven. Jetzt, wieder an den Iden, feiert Rom die Göttin derer, die den Schritt in die Freiheit geschafft haben.
Ein Witz, den jeder verstand
Stell Dir eine Frau im Jahr 217 v. Chr. vor. Vor ein paar Jahren hat sie noch einer Herrin die Haare aufgesteckt. Jetzt ist sie frei, und Rom hat Angst. Hannibal steht in Italien, aus allen Ecken werden unheimliche Vorzeichen gemeldet, und die Stadt sucht nach jedem Gott, der helfen könnte. Die freigelassenen Frauen legen ihr Geld zusammen, Münze für Münze, für ein Geschenk an Feronia. An ihre Göttin. Denn das ist sie. Servius nennt sie ohne Umschweife libertorum dea, die Göttin der Freigelassenen, und Varro hat sie mit Libertas gleichgesetzt, der Freiheit selbst.
Wie gut das in Rom jeder wusste, hört man im Theater. Bei Plautus steht der Sklave Sosia auf der Bühne, wendet sich an Jupiter und seufzt, der Gott möge es fügen, „dass ich mit geschorenem Kopf den Pileus trage“. Gelächter im Publikum. Niemand brauchte eine Erklärung, was ein Sklave meinte, der sich eine Glatze und einen Filzhut wünschte. Vielleicht stand mancher da unten, der so einen Hut zu Hause hatte.
Eine Göttin, die man nicht loswird
Feronia wohnte nicht in Marmor auf einem Hügel. Sie wohnte draußen, in Hainen, an Quellen, dort, wo an Festtagen Markt war. Das war ein lauter Ort: Leute, die ein Gelübde einlösen, Rauch vom Opfer, dazwischen Händler, die ihre Ware ausrufen, Handwerker, Bauern mit ihren Körben. Schon in der Königszeit ging es dort hoch her. Sabiner griffen sich auf ihrem Markt römische Händler, und Rom machte daraus einen Krieg. Bei Capena brachten die Leute aus der Gegend ihr die ersten Früchte jeder Ernte, dazu Gold und Silber, bis ihr Hain für seine Schätze berühmt war. So berühmt, dass im Jahr 211 v. Chr. ein Besucher eigens dorthin abbog, den niemand eingeladen hatte: Hannibal. Er kannte ihre Adresse. Einmal brannte der Hain an ihrer Quelle bei Terracina. Es roch nach verkohltem Holz, die Leute packten schon die Götterbilder, um sie fortzutragen. Da schlug der schwarze Hain plötzlich wieder grün aus.
Bleibt noch Rom. Wer heute am Largo di Torre Argentina an der Brüstung lehnt, unten die Katzen zwischen den Säulen, hinter sich die Straßenbahn, schaut auf vier Tempel aus der Republik. Einer davon war womöglich ihrer. Womöglich. Mehr als eine Vermutung der Forschung ist das nicht.
Mit Hut nach Hause

Zurück nach Terracina. Was der Mann beim Aufstehen in die Hand bekommt, ist unscheinbar, eine Kappe aus Filz, der Pileus. Er setzt sie auf den kahlen Kopf, und von diesem Moment an sieht jeder auf der Straße, was geschehen ist. Geschehen ist mehr, als man sieht. Wer von einem römischen Bürger förmlich freigelassen wurde, vor dem Prätor, im Zensus oder per Testament, war danach selbst römischer Bürger. Wer am Morgen noch jemandem gehörte, konnte am Abend vor Gericht klagen, Eigentum besitzen, heiraten.
Wählen durfte er ebenfalls, nur nicht sofort. Erst der nächste Zensus trug ihn in die Bürgerlisten ein, und der kam alle vier bis fünf Jahre. Und dann zählte seine Stimme weniger, als er dachte. Rom stimmte nicht nach Köpfen ab, sondern nach Gruppen: Alle Bürger waren auf 35 Wahlbezirke verteilt, jeder Bezirk gab am Ende eine einzige Stimme ab. Freigelassene kamen seit 304 v. Chr. nur in vier dieser Bezirke, die vier städtischen. Mochten sie dort noch so viele sein, mehr als vier Stimmen von 35 konnten sie nie bewegen.
Die Tür stand offen. Nur nicht weit. Der Mann geht nach Hause, mit Hut. Der Hut wird noch weit reisen, über Jahrhunderte, bis auf die Entwürfe für eine Kuppel in Washington. Wie er dort wieder verschwand, steht am Ende dieses Beitrags.
18. bis 20. November: Mercatus und die weiße Kreide

Tyche sieht zuerst die Füße. Drei Tage Markt nach den Spielen, mercatus nennen die Kalender das, und die Stadt ist voll. Tyche hat nicht vor, irgendwo stehen zu bleiben. Dann sieht sie das Gerüst, die catasta. Darauf stehen Männer und Frauen, ein Junge, alle barfuß, und ihre Füße sind weiß. Kreide. So kennzeichnet man in Rom Menschen, die zum Verkauf übers Meer gebracht worden sind. Tyche weiß, wie sich das anfühlt. Die Kreide trocknet und spannt auf der Haut, und man spürt jeden Blick auf den eigenen Füßen.
Ein Schild um den Hals
Jedem dort hängt ein Schild um den Hals. Was darauf zu stehen hat, regelt ein Edikt der kurulischen Ädilen, der Marktaufsicht Roms. Das Schild ist so zu beschreiben, dass jeder lesen kann, welche Krankheit einer hat, welchen Mangel, ob er schon einmal weggelaufen ist, ob er herumstreunt, ob er für einen Schaden noch haftet, den er angerichtet hat.
Das ist Verbraucherschutz, römisch gründlich. Er schützt den Käufer. Die Ware schützt er nicht. Manchen setzt man dort sogar eine Filzkappe auf, den Pileus. Im Tempel der Feronia hieß dieser Hut Freiheit. Auf der catasta heißt er: Für diesen übernimmt der Verkäufer keine Gewähr.
Drei Männer auf einem Schiff
Plinius erwähnt diese Kreide in seinem Buch über Erden und Farben, ganz nebenbei. Es sei die billigste Sorte, schreibt er, dieselbe, mit der man im Circus die Siegeslinie zieht. Gestern noch sind die Wagen über so eine Linie gerast. Heute klebt dieselbe Kreide an den Füßen von Menschen. Und dann zählt Plinius Namen auf. Auf einem einzigen Schiff, mit weißen Füßen, kamen drei Männer nach Rom: Publilius aus Antiochia, der später die römische Mimenbühne begründete, Manilius Antiochus, sein Vetter, mit dem die römische Sternkunde beginnt, und Staberius Eros, der erste Grammatiker der Stadt. Plinius hat es nicht selbst gesehen. Seine Urgroßväter haben es gesehen, schreibt er. Publilius kam aus Syrien, wie Tyche. Seine Sinnsprüche werden bis heute zitiert. Wer da auf der catasta steht, kann alles Mögliche werden. Das weiß nur noch niemand.
Kommen, um zuzusehen
Bei Cicero steht eine alte Geschichte über so einen Markt nach den Spielen. Ein Fürst fragt Pythagoras, was denn ein Philosoph sei. Pythagoras antwortet mit einem Bild:
"Das Leben der Menschen gleiche jenem Markt, der mit dem ganzen Aufwand der Spiele vor ganz Griechenland abgehalten wird. Die einen suchen dort Ruhm, die anderen Gewinn aus Kaufen und Verkaufen, und einige wenige kommen nur, um zuzusehen."
Cicero, Tusculanae disputationes 5,9 (sinngemäß)
Tyche kauft an diesem Tag nichts und verkauft nichts. Und niemand verkauft sie. Sie geht über den Markt und sieht zu, eine von den wenigen, von denen Pythagoras spricht. Vor ein paar Jahren stand sie selbst da oben.
Ludi Romani und Ludi Plebeii: Was war gleich, was nicht?
Zwei Feste, ein Bauplan. Wer die Ludi Romani im September kennt, findet sich im November sofort zurecht. Die Unterschiede stecken im Detail: wer das Fest bezahlt, wie lange gefeiert wird und was wir überhaupt wissen.
| Merkmal | Ludi Romani (September) | Ludi Plebeii (November) |
|---|---|---|
| Wer richtet aus | Die kurulischen Ädilen | Die plebejischen Ädilen, die Beamten der Plebs |
| Seit wann | Die Überlieferung führt sie auf die Königszeit zurück, ein sicheres Gründungsjahr fehlt | Erstmals bezeugt 216 v. Chr. |
| Dauer | 5. bis 19. September, 15 Tage | 4. bis 17. November, 14 Tage |
| Bühnentage | Theater an den Tagen vor dem Göttermahl | 4. bis 12. November, neun Tage |
| Göttermahl | 13. September, an den Iden und am Weihetag des Jupitertempels auf dem Kapitol | 13. November, an den Iden |
| Pferdemusterung | 14. September, bekannt nur aus dem Kalender, Deutung umstritten | 14. November, gleicher Eintrag, gleiche offene Frage |
| Renntage | 15. bis 19. September, fünf Tage | 15. bis 17. November, drei Tage |
| Rennbahn | Circus Maximus, sicher | Wohl Circus Maximus. Valerius Maximus nennt den Circus Flaminius |
| Festzug | Beschrieben bei Dionysios von Halikarnass: vom Kapitol über das Forum in den Circus | Keine Beschreibung erhalten |
| Markt danach | 20. bis 23. September | 18. bis 20. November |
| Wiederholungen | Bei Livius ebenfalls gemeldet | 201 v. Chr. dreimal vollständig, in anderen Jahren bis zu siebenmal |
| Gemeinsam | Gefeiert für Jupiter, offen für alle Bürger | Gefeiert für Jupiter, offen für alle Bürger |
Fazit: Wie Rom das Dazugehören aufführte
Am Anfang lag Jupiter zum zweiten Mal in diesem Jahr zu Tisch, auf demselben Polster wie im September, neben denselben Göttinnen auf ihren Stühlen. Jetzt, am Ende des Monats, wissen wir, wer diesmal gedeckt hat und wer in der Menge stand. Die Plebs mit ihren eigenen Beamten. Ein Mann, der in einer Sänfte kam und zu Fuß ging. Ein Sklave, der sich auf einen Stein setzte und als Freier aufstand. Eine Frau mit Kreide an den Füßen, die heute zuschaut. Der römische November war der Monat, in dem Rom sein großes Fest noch einmal spielte und dabei ausprobierte, wer mitspielen darf.
Drinnen statt draußen
Das unterscheidet ihn vom Oktober. Der Oktober räumte nach draußen auf: die Waffen ins Lager, das Pferd auf den Altar, die Saat in die Erde. Er zeigte, wer im Kalender vorkommt. Im November ist draußen nichts mehr zu holen. Die Schiffe liegen fest, der Krieg ruht bis zum März. Die Stadt schaut nach innen, und die Frage ändert sich. Nicht mehr, wer vorkommt, sondern wie man hineinkommt. Und wie weit.
Noch einmal, bitte
Bei uns ist die Premiere das Ereignis. Was wiederholt wird, gilt als Aufguss, und ein Fest, das neu angesetzt wird, als Panne. Rom sah das umgekehrt. Ging bei den Spielen etwas schief, spielte man sie noch einmal von vorn, im Jahr 201 v. Chr. dreimal. Es zählte nicht, dass etwas neu war, sondern dass es stimmte. Selbst die Ludi Plebeii sind eine Wiederholung. Die Plebs hat sich kein eigenes Fest ausgedacht. Sie hat das Fest der Stadt nachgespielt, bis auf den Tag, und es in die Hände ihrer eigenen Beamten gelegt. Man darf das als Ansage lesen: Wir gehören auch dazu.
Ähnlich sichtbar war die Freiheit. Wer heute eingebürgert wird, bekommt eine Urkunde in einem Amtszimmer. Rom machte aus dem Dazugehören eine Handlung vor Publikum. Ein Kopf wird geschoren, ein Hut aufgesetzt, ein Mensch setzt sich als Sklave und steht als Freier auf. Nicht jede Freilassung lief über Feronias Stuhl, die meisten gingen über einen Beamten oder ein Testament. Das Bild bleibt trotzdem: Zugehörigkeit war etwas, das man tat und das alle sehen konnten.
Frei heißt nicht gleich
Weit offen stand die Tür nicht. Freigelassene stimmten nur in den vier städtischen Tribus ab, sie schuldeten ihrem früheren Herrn Dienste und Respekt, und Frauen wie Tyche wählten ohnehin nicht. Ein Philosoph der Kaiserzeit hat dazu einen Satz geschrieben, der Tyche gefallen hätte, schon wegen ihres Namens. Tyche ist das griechische Wort für Fortuna, das Schicksal.
"‚Es sind Sklaven.‘ Nein, Menschen. ‚Es sind Sklaven.‘ Nein, Hausgenossen. ‚Es sind Sklaven.‘ Nein, Freunde von geringem Stand. ‚Es sind Sklaven.‘ Nein, Mitsklaven, wenn Du bedenkst, dass das Schicksal über beide gleich viel Macht hat."
Seneca, Epistulae morales 47,1
Abschaffen wollte Seneca die Sklaverei nicht. Er wollte, dass sein Leser beim Abendessen genauer hinsieht, wer neben ihm steht.
Der Sohn am Tisch
Am Ende steht kein Kaiser, sondern ein Sohn. Der Dichter Horaz schreibt es selbst und ohne Scham: Sein Vater war ein Freigelassener. Der Sohn sitzt später am Tisch des Maecenas. Im Jahr 17 v. Chr. schreibt er das Lied für die Säkularspiele des Augustus. Ein Chor aus siebenundzwanzig Jungen und siebenundzwanzig Mädchen, deren Eltern beide noch lebten, singt es auf dem Palatin und auf dem Kapitol. Ein Fest der ganzen Stadt, gedichtet vom Sohn eines Mannes, der einmal Sklave war. Der Stuhl der Feronia macht frei. Ganz dazuzugehören dauert eine Generation. Rom hat das Dazugehören nicht beschlossen. Es hat es aufgeführt, zweimal im Jahr, und noch einmal, wenn etwas schiefging.

Was vom römischen November blieb: Vom Pileus zur phrygischen Mütze
Von Feronias Stuhl ist nichts geblieben, vom Tempel in Terracina nicht viel. Geblieben ist der Hut. Der schlichte Filzhut, den ein Freigelassener am Tag seiner Freilassung auf den geschorenen Kopf bekam, hat Rom um zweitausend Jahre überlebt. Unterwegs hat er die Form gewechselt, die Bedeutung behalten und es bis auf eine Kuppel in Washington geschafft. Fast.
Ein Hut zwischen zwei Dolchen
Stell Dir eine Münze vor, so groß wie Dein Daumennagel. Silber, frisch geprägt, irgendwo im Osten des Reiches, zwei Jahre nach den Iden des März. Auf der Rückseite ein Pileus, links und rechts davon zwei Dolche, darunter zwei abgekürzte Wörter: EID MAR. Die Iden des März. Ausgegeben hat sie Brutus, der Mann, der Caesar erstochen hat. Die Botschaft verstand jeder, der die Münze in der Hand hielt: Rom ist freigelassen. Cassius Dio beschreibt genau diese Münze und sagt dazu, Brutus habe zeigen wollen, dass er und Cassius das Vaterland befreit hätten. Auf der Vorderseite sitzt übrigens sein eigener Kopf. Ein Befreier mit Porträt auf dem Geld, wie der Mann, den er umgebracht hat.
Gut hundert Jahre später, dieselbe Münze
Im Frühjahr 68 n. Chr. taucht im Westen des Reiches ein Denar auf, der aussieht wie ein Nachdruck. Vorne der Kopf der Libertas mit dem Wort LIBERTAS, hinten wieder der Hut zwischen den zwei Dolchen, links und rechts P R, darunter RESTITVTA. Liest man beide Seiten zusammen, ergibt sich ein Satz: Die Freiheit ist dem römischen Volk zurückgegeben. Geprägt wird die Münze im Aufstand gegen Nero, den der Statthalter Galba anführt. Kein Name, kein Kopf eines Feldherrn, nur das alte Zeichen. Wer es sah, wusste, gegen wen es ging. Wenige Monate später war Nero tot.
Pileus oder phrygische Mütze?
Hier verlieren wir den Hut kurz aus den Augen, und er kommt mit einer anderen Form zurück. Der römische Pileus war eine einfache, eng anliegende Filzkappe. Die phrygische Mütze ist etwas anderes: weich, hoch, mit einer Spitze, die nach vorn kippt. In der römischen Kunst tragen sie Männer aus dem Osten, der Trojaner Paris, der Hirte Attis, der Gott Mithras. Als die Französische Revolution ein Zeichen für die Freiheit suchte, griff sie zur roten phrygischen Mütze. Die Forschung sieht darin eine Verwechslung der beiden Hüte. Die Bedeutung hat die Verwechslung überlebt. Marianne, die Symbolfigur Frankreichs, trägt die Mütze bis heute. Und bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 liefen zwei rote phrygische Mützen als Maskottchen durchs Stadion, die Phryges. Ein Freigelassenenhut als Maskottchen bei Spielen: Den Ädilen hätte das gefallen.
Ein Helm statt der Freiheit
Washington, 1855. Die neue Kuppel des Kapitols braucht eine Figur für die Spitze. Der Bildhauer Thomas Crawford entwirft die Freiheit als Frau, auf dem Kopf die Freiheitsmütze. Er schickt den Entwurf an den zuständigen Minister, den Kriegsminister. Der heißt Jefferson Davis, besitzt selbst Sklaven und wird wenige Jahre später Präsident der Konföderierten Staaten.
Davis weiß genau, woher der Hut kommt. Zwei Jahre zuvor hatte er ihn schon einmal beanstandet, am Giebel über dem Senatseingang: Das sei das Zeichen eines Freigelassenen, und Amerikaner seien immer frei gewesen, „nicht Freigelassene, nicht eben entlassene Sklaven“. Dort blieb die Mütze trotzdem. Auf der Kuppel lehnt er ab.
"Ihre Geschichte macht sie ungeeignet für ein Volk, das frei geboren wurde und sich nicht versklaven ließe."
Jefferson Davis, Brief vom 15. Januar 1856 (sinngemäß)
Ob die bewaffnete Freiheit nicht lieber einen Helm tragen solle, fragt Davis zurück. Crawford entwirft ihn: ein Helm mit Adlerkopf und Federn, die Federn, schreibt er, nach dem Vorbild der Tracht der indianischen Stämme. Davis gibt ihn im April 1856 frei. Der Hut der Freigelassenen war noch so gut lesbar, dass ein Sklavenhalter ihn von der Kuppel fernhielt. Wer heute hinaufschaut, sieht Federn und hält die Figur oft für eine Indianerin.
Der Mann, der die Freiheit zerlegte
Gegossen wird die Statue in der Gießerei von Clark Mills. Dort arbeitet ein Mann namens Philip Reid. Mills hat ihn in Charleston gekauft, für 1200 Dollar. Als das große Gipsmodell zerlegt werden soll und niemand weiß, wo die Nähte verlaufen, findet Reid die Lösung: Er zieht das Modell mit Flaschenzug und Seil am Hebering an, bis sich die Fugen zeigen. Am 16. April 1862 wird Reid frei, durch das Gesetz, mit dem Lincoln die Sklaverei in der Hauptstadt beendet. Am 2. Dezember 1863 setzt man das letzte Stück der Statue auf die Kuppel. Die Freiheit kommt oben an, ohne Hut. Der Mann, der sie auseinandergenommen hat, ist zu diesem Zeitpunkt schon frei.
Häufige Fragen zum römischen November
Warum heißt der November November, obwohl er der elfte Monat ist?
Der Name kommt von novem, neun. Im alten römischen Jahr, das im März begann, war der November der neunte Monat. Die Zählung blieb, als der Jahresanfang auf den Januar rückte. Vor Caesars Kalenderreform hatte der November 29 Tage, seitdem hat er 30. Commodus bezog ihn 192 n. Chr. in die Umbenennung aller zwölf Monate ein. Welchen Namen der November dabei trug, geben die Quellen unterschiedlich an: Die Historia Augusta nennt Exsuperatorius, nach Cassius Dio wäre es Romanus. Nach dem Tod des Kaisers war der November wieder der November.
Was waren die Ludi Plebeii?
Die Ludi Plebeii waren die Spiele der Plebs, in der Kaiserzeit vom 4. bis zum 17. November. Erstmals bezeugt sind sie für 216 v. Chr. Sie folgten demselben Ablauf wie die Ludi Romani im September: erst Theater, am 13. das Göttermahl für Jupiter, am 14. die Pferdemusterung, dann drei Tage Wagenrennen und danach ein Markt. Ausgerichtet wurden sie von den plebejischen Ädilen.
Was war der Unterschied zwischen Patriziern und Plebejern?
Patrizier waren die Angehörigen alter Familien, die in der frühen Republik die hohen Ämter und Priesterämter für sich beanspruchten. Plebejer waren alle übrigen römischen Bürger. Plebejisch hieß nicht arm, es gab reiche und einflussreiche plebejische Familien. Seit 367 v. Chr. konnten Plebejer Konsul werden, und ab 287 v. Chr. galten die Beschlüsse der Plebs für alle Bürger.
Was machte ein Ädil im alten Rom?
Ein Ädil kümmerte sich um die Stadt selbst: um Straßen, Tempel, Märkte und um die öffentlichen Spiele. Es gab zwei plebejische Ädilen, die für die Plebs gewählt wurden, und seit 367 v. Chr. zwei kurulische Ädilen. Die Spiele kosteten mehr, als der Staat dafür gab. Viele Ädilen legten deshalb eigenes Geld dazu, denn gute Spiele brachten Stimmen bei der nächsten Wahl.
Wer war die Göttin Feronia?
Feronia war eine alte italische Göttin, verehrt in Hainen und an Quellen, unter anderem bei Capena und bei Terracina. Ein antiker Gelehrter nennt sie die Göttin der Freigelassenen. In ihrem Tempel bei Terracina stand ein Steinsitz mit der Inschrift: Verdiente Sklaven sollen sich setzen und als Freie aufstehen. Ihr Fest in Rom feierte man am 13. November auf dem Marsfeld. Mehr dazu im Abschnitt Feronia und der Stuhl, der frei macht.
Was bedeutet „Mundus patet“?
Mundus patet heißt „Der Mundus ist offen“. Gemeint ist ein Zugang zur Unterwelt, der dreimal im Jahr geöffnet wurde: am 24. August, am 5. Oktober und am 8. November. An diesen Tagen galten Unternehmungen wie das Auslaufen eines Schiffes oder eine Hochzeit als bedenklich. Wo genau der Mundus lag, ist umstritten.
Fanden die Wagenrennen der Ludi Plebeii im Circus Flaminius statt?
Wahrscheinlich nicht. Nur eine einzige antike Stelle, bei Valerius Maximus, verbindet die Plebeischen Spiele mit dem Circus Flaminius. Der Circus Flaminius war ein offener Platz auf dem Marsfeld, ohne Rennbahn und ohne feste Tribünen. Die Rennen liefen vermutlich im Circus Maximus, wie im September.
Was ist ein Pileus, und ist er dasselbe wie die phrygische Mütze?
Der Pileus war eine einfache Filzkappe, die ein Sklave bei seiner Freilassung bekam, das Zeichen der Freiheit. Die phrygische Mütze ist ein anderer Hut, weich und mit nach vorn gekippter Spitze, in der römischen Kunst getragen von Figuren aus dem Osten. Die Französische Revolution machte die phrygische Mütze zum Freiheitssymbol. Die Forschung sieht darin eine Verwechslung der beiden Hüte.
Warum fuhren ab dem 11. November kaum noch Schiffe?
Ab dem 11. November galt das Meer als geschlossen, lateinisch mare clausum, bis zum 10. März. Ein Gesetz war das nicht, eher eine Erfahrungsregel. Kurze Tage, lange Nächte, Wolken, Regen und Stürme machten die Fahrt gefährlich. Ganz still lag das Meer trotzdem nicht: Händler wagten die Fahrt auch im Winter, wenn sich der Gewinn lohnte.
Über die Autorin:
Salvete! Mein Name: Manuela Priess und mich interessiert an der römischen Geschichte vor allem das, was oft zwischen den großen Daten und bekannten Namen liegt: der Alltag, die kleinen Details und die Geschichten hinter der Geschichte. Ich schreibe über Themen, die in der Antike verwurzelt sind und bis in unseren heutigen Alltag hineinreichen. Meine Texte sind quellenbasiert, verständlich erzählt und dort, wo es passt, mit eigenen Erfahrungen aus vielen Jahren Reenactment verbunden. Besonders intensiv habe ich mich viele Jahre lang mit römischer Frisurenmode und Blumen in der Antike beschäftigt, in Workshops auf Museumsevents und bei Vorträgen in römischen Museen. Im Römer Shop leite ich den Servicebereich und begleite unsere Kundinnen und Kunden mit Rat, Erfahrung und einem Blick für die Geschichte hinter dem Produkt. Mein Ziel ist es, römische Geschichte so zu beschreiben, dass sie nicht im Museum stehen bleibt, sondern im Alltag und im Kopf lebendig wird.
Also Augen zu, historisches Kopfkino an...