Reliefkelch Dragendorff 11 Tänzerinnen, arretinischer Bilderkelch in Terra Sigillata
Kurz erklärt
Der Reliefkelch Dragendorff 11 (Form 11 in der Klassifikation Hans Dragendorffs von 1895) ist eine henkellose, gefußte Bilderschale aus rotem Tonscherben mit Terra Sigillata-Engobe (feiner Tonschlamm-Überzug, der nach dem Brand glänzend rot wird). Die Replik trägt einen umlaufenden Reliefdekor mit Tänzerinnen, Aulosspielerin und Tympanon, dessen Bildvorlage in der Werkstatt des M. Perennius Tigranus in Arretium (Arezzo) zu suchen ist und in die augusteisch-tiberische Zeit gehört.
Reliefkelch Drag. 11 auf einen Blick
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Authentizitätsgrad: Historische Replik (Stufe 2). Begründung: Ton mit Terra Sigillata-Engobe, Modelguss in der Formschüssel, gedreht, oxidierend gebrannt wie in der Antike.
- Material: Ton mit roter Terra Sigillata-Engobe, oxidierend gebrannt
- Maße und Volumen: 22 × 11 cm, ca. 400 ml; Versandgewicht 1,1 kg
- Datierung des Vorbildes: spätaugusteisch bis frühclaudisch, ca. 30 v. Chr. bis 50 n. Chr.
- Werkstatttradition des Vorbilds: Arretium (Arezzo), Werkstatt des M. Perennius Tigranus; vergleichbares Originalstück: Reliefschale Met Museum New York, Object Number 248324
- Antike Quelle: Plinius, Naturalis Historia XXXV.160 zur Bedeutung Arretiums als Töpferzentrum
- Passende Sammlungsausrichtung: Themensammlung Prinzipat, Schwerpunkt augusteisch-tiberische Tafelkultur des 1. Jahrhunderts
Was ist ein Reliefkelch der Form Drag. 11 eigentlich?
Die Form Drag. 11 ist ein henkelloser, gefußter Reliefkelch der frühen römischen Kaiserzeit, der typologisch noch in arretinischer Tradition steht und in den ersten Jahrzehnten der südgallischen Sigillata-Produktion in La Graufesenque und Lyon übernommen wurde. Ein nahes Vergleichsstück ist eine signierte Reliefschale aus der Werkstatt des M. Perennius Tigranus, datiert ca. 10 v. Chr. bis 10 n. Chr., heute im Metropolitan Museum of Art New York. Auf ihr tanzen Frauen mit Tympanon (handgehaltene Rahmentrommel) und Cymbeln zwischen Girlanden, dazu eine Aulos-Spielerin mit der antiken Doppelflöte. Diese Bildwelt ist die Quelle für den Reliefdekor des hier angebotenen Kelches.
Eine verbreitete Fehlannahme ordnet die Form dem römischen Soldatenalltag zu. Das stimmt nicht. Drag. 11 ist gehobene Tafelkeramik, kein Truppengeschirr. Sie tritt in zivilen wie militärischen Kontexten auf, gehörte aber preislich und in der figürlichen Reliefführung zur Luxusware. Die Punzen (Stempelmodel zum Eindrücken der Reliefmotive in die Formschüssel) sind aufwendig gearbeitet und werden in der Forschung einzelnen Werkstätten und mitunter sogar einzelnen Reliefkünstlern zugeordnet.
- Form: kelchförmig, ohne Henkel, gefußt; Reliefzone zwischen Eierstab oben und glattem Wandabschluss
- Material: feiner Ton mit roter Terra Sigillata-Engobe; oxidierender Brand bei rund 950 Grad Celsius
- Datierung des Originals: Schwerpunkt augusteisch bis tiberisch, vereinzelt frühclaudisch
- Verbreitung: italische Werkstätten in Arezzo und Pisa, dann frühe südgallische Filialen in Lyon und La Graufesenque
- Vergleichsfund (Form): arretinischer Reliefkrater aus Capua, British Museum, Inv. 1869,0205.4, mit Friesfiguren der vier Jahreszeiten
Werkstatttradition: Perennius Tigranus und die dionysische Bildwelt
Die Werkstatt des M. Perennius Tigranus war einer der bedeutendsten arretinischen Reliefbetriebe der augusteischen Zeit. Sie führte ein Repertoire dionysischer Motive mit tanzenden Frauen, Silenen und Musikinstrumenten, das aus der hellenistischen neu-attischen Reliefkunst übernommen wurde. Christine Alexander, langjährige Kuratorin am Met Museum, hat die Werkstatt 1943 im Corpus Vasorum Antiquorum, Band USA 9, vollständig publiziert. Auch ein bei Bregenz im frühen Militärkontext geborgener Sammelfund von Drag.-11-Kelchen bestätigt, dass die Form in den ersten Jahrzehnten n. Chr. weit über Italien hinaus exportiert wurde, wie der Katalog von J. Kopf zur Bregenzer Sammelfundgrube belegt (Inv.-Nr. B 13.1737, B 13.1741, B 13.1743, vorarlberg museum).
Datierung der Form: warum sie nach Mitte des 1. Jahrhunderts verschwindet
Mit der Etablierung der südgallischen Töpfereien verschiebt sich die Mode zu den steilwandigen Schüsseln Drag. 29 und Drag. 30, später Drag. 37. Die Reliefform Drag. 11 bleibt eine Übergangsform: noch ganz im Profil arretinischer Vorbilder, aber bereits in südgallischer Fertigung. Wer chronologisch sauber sammeln möchte, ordnet das Stück fest in das Zeitfenster ca. 30 v. Chr. bis 50 n. Chr. ein und nicht darüber hinaus.
Wie unterscheidet sich Drag. 11 von späteren Sigillata-Formen?
| Sigillata-Form |
Datierung |
Profil und Funktion |
Hauptproduktionsort |
Sammlungs-Hinweis |
|
Conspectus R 7 / arretinischer Reliefkelch |
ca. 30 v. Chr. bis Christi Geburt |
gefußter Kelch, italische Wurzelform der Reihe |
Arretium (Arezzo) |
typologische Vorform zu Drag. 11
|
| Drag. 11 |
ca. 30 v. Chr. bis 50 n. Chr. |
henkelloser Reliefkelch auf Standfuß, gehobene Tafelkeramik |
Arretium, dann Lyon und La Graufesenque |
Übergangsform; Schwerpunkt augusteisch-tiberisch |
| Drag. 29 |
ca. 20 bis 90 n. Chr. |
steilwandige Reliefschüssel, doppelte Dekorzone |
La Graufesenque, Montans |
häufigste südgallische Reliefform des 1. Jh. |
| Drag. 30 |
ca. 40 bis 110 n. Chr. |
steilwandige Reliefschüssel, einzelne Bildzone |
La Graufesenque, später ostgallisch |
parallel zu Drag. 29, verlorengeht später |
| Drag. 37 |
ab ca. 70 n. Chr. |
halbkugelige Reliefschüssel, gerundete Wandung |
La Graufesenque, Rheinzabern, Trier |
Leitform der mittel- und spätkaiserzeitlichen Reliefsigillata |
Reliefkelch Drag. 11 in der Sammlung und Vitrinenpräsentation
Der Tänzerinnen-Kelch eignet sich für die geschlossene Themenvitrine zur augusteisch-tiberischen Tafelkultur. Die rote Terra Sigillata-Engobe entwickelt unter warmem, gerichtetem Halogenlicht den charakteristischen seidigen Glanz, den arretinische Originale auch heute in Museumsvitrinen zeigen. Frontalbeleuchtung lässt die Reliefzone flach erscheinen; eine seitliche Lichtführung im Winkel von etwa 30 Grad bringt die Tympanonschläge und die Faltentracht der tanzenden Frauen plastisch heraus. Auf einer Sichtachsen-Höhe von etwa 1,40 m bis 1,55 m, also auf Augenhöhe eines stehenden Betrachters, liest sich der umlaufende Fries gut, ohne dass sich der Standfuß optisch in die Bildebene drängt.
Passende Darstellungsart: Themensammlung Prinzipat, Schwerpunkt augusteisch-tiberische Tafelkultur, Werkstatttradition Arretium | Einsatzbereich: geschlossene Vitrine, thematisches Ensemble mit Münzen, Schreibgerät und Öllampen | Nutzbarkeit: ausschließlich als Anschauungs- und Sammlerstück
- Positionierung im Ensemble: leicht erhöht auf einem flachen Acrylsockel, weil der Standfuß bei waagerechter Aufstellung optisch verschwindet und das Stück gedrungener wirkt, als es konstruktiv ist.
- Beschriftungs-Anbindung: Etikett mit Inventarnummer der eigenen Sammlung, Datierung des Vorbildes (ca. 30 v. Chr. bis 50 n. Chr.), Werkstattzuordnung (M. Perennius Tigranus als Bildvorlagen-Werkstatt) und Verweis auf Met-Vergleichsstück (Object Number 248324).
- Reflexionsverhalten der Engobe: die Versiegelung wirkt bei direktem Blitzlicht stumpfer als das Auge wahrnimmt; Vitrinenfotos gelingen mit indirektem, gestreutem Licht und einer Belichtungskorrektur von minus einem Drittel Blendenwert.
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Bekannte Schwächen der Rekonstruktion: die Replik gibt die Bildwelt der Perennius-Tradition stilistisch zutreffend wieder, beruht aber nicht auf einer Punzen-Identifikation gegenüber einem konkreten Originalfund. Die Friesfiguren sind eine plausible Komposition arretinischer Bildmotive, kein Abdruck eines bestimmten museal verwahrten Stücks. Wer streng fundbezogen sammeln möchte, sollte das Stück als typologisch korrekte Werkstattnachbildung führen, nicht als 1:1-Replik eines benannten Einzelfundes.
Für welche Sammlungsausrichtungen eignet sich der Kelch?
- Eine eng auf augusteisch-tiberische Tafelkultur fokussierte Vitrine bekommt mit dem Kelch ihr formgebendes Leitstück und kann daran Themenkarten zu arretinischer Reliefproduktion und neu-attischer Bildtradition aufhängen.
- Bei einer breiter angelegten Sammlung zur römischen Provinzialkeramik des 1. Jahrhunderts taugt der Kelch als Übergangsstück, das den Schritt von italischer Vorform zu südgallischer Massenproduktion sichtbar macht.
- Wer streng fundbezogen aufstellt und nur Stücke mit nachweisbarer Punzen-Identität ins Display nimmt, sollte das Stück eher in eine zweite Reihe als typologische Werkstatt-Referenz stellen, weil eine direkte Inventar-Zuordnung fehlt.
Für Geschichtsinteressierte und Reenactor mit Vitrinen-Zweitstücken funktioniert der Kelch als visuelles Ankermotiv für Vorträge zur römischen Tafelkultur, ohne dass damit ein aktiver Tafeleinsatz verbunden wäre.
Häufige Fragen zum Reliefkelch Drag. 11
Wie unterscheidet sich der Tänzerinnen-Kelch von einem echten arretinischen Originalfund?
Material und Verfahren stimmen: Tonscherben mit roter Terra Sigillata-Engobe, Modelguss in der Formschüssel, oxidierender Brand. Was fehlt, ist die direkte Punzenidentität zu einem datierten Einzelfund. Das Bildmotiv folgt der dionysischen Bildtradition des M. Perennius Tigranus, ist aber keine Abformung eines bestimmten Originals.
Wie sollte der Kelch in der Vitrine aufgestellt werden?
Die rote Engobe reagiert empfindlich auf direktes UV-Licht und auf häufige Berührung. Eine geschlossene Glasvitrine mit indirekter LED-Beleuchtung im warmen Spektrum ist ideal; relative Luftfeuchte zwischen 40 und 55 Prozent stabilisiert den Tonscherben. Direktes Sonnenlicht verändert auf Dauer den Farbton der Engobe.
Welcher konkrete Fund liegt der Replik am nächsten?
Eine signierte Reliefschale des M. Perennius Tigranus mit Tänzern und Musikern, Met Museum New York (Object Number 248324), datiert ca. 10 v. Chr. bis 10 n. Chr. Sie zeigt dieselbe Bildwelt aus Tympanon, Aulos-Spiel und tanzenden Frauen zwischen Girlanden. Ein zweites Form-Vergleichsstück ist der Capua-Krater im British Museum, Inv. 1869,0205.4.
Wie ist der Kelch sammlerisch einzuordnen?
Als Stufe-2-Replik (Historische Replik) gehört er in die Mittelklasse zwischen reinen Pädagogik-Modellen und Museums-Replikaten mit Punzen-Identität. Sammlerisch wertvoll wird er durch saubere Datierungs- und Werkstatttiketten, nicht durch eine Marktpreisspekulation. Wer eine Stufe-3-Lösung sucht, müsste eine Werkstatt mit nachweisbarer Punzenkopie eines benannten Originalfundes beauftragen.
Wie verhält sich die Engobe über lange Standzeiten in der Vitrine?
Die rote Versiegelung ist bei trockener, gleichmäßig temperierter Lagerung über Jahrzehnte stabil. Punktuelle Reibung an der Reliefkante kann zu feinem Abrieb führen; eine Mikrofaserwischung ohne Wasser oder Reinigungsmittel reicht für die Erhaltung. Werden Risse im Tonscherben sichtbar, verweisen sie auf Spannungen aus zu starker Feuchtigkeitsänderung und sollten konservatorisch bewertet werden.
Warum ist die Form Drag. 11 nach 50 n. Chr. kaum noch belegt?
Mit dem Aufstieg der südgallischen Großwerkstätten verschiebt sich die Mode zu den Schüsselformen Drag. 29 und Drag. 37. Die Reliefform Drag. 11 bleibt ein Übergangstyp und verschwindet ab neronisch-flavischer Zeit weitgehend aus dem Repertoire. Eine Sammlung, die das Stück führt, dokumentiert damit präzise diese Übergangsphase.
Externe Quellen und Literatur zum Reliefkelch Drag. 11
- Wikipedia, Liste wichtiger Terra-Sigillata-Gefäßformen: Übersichtsartikel zur Typologie mit Kurzbeschreibung von Drag. 11.
- Metropolitan Museum of Art, New York, Terracotta bowl, signed by Perennius Tigranus, ca. 10 v. Chr. bis 10 n. Chr., Object Number 248324: Met Open-Access-Eintrag. Bildmotivisches Vergleichsstück mit Tänzern, Aulos und Tympanon.
- British Museum, London, Arretine ware krater, Capua, Inv.-Nr. 1869,0205.4: Sammlungseintrag British Museum. Form-Vergleichsstück (henkelloser Reliefkrater) mit Friesfiguren.
- J. Kopf, Ein früher südgallischer Terra-Sigillata-Sammelfund aus Bregenz: Überrest eines militärischen Keramikdepots?: Volltext mit Drag.-11-Katalog, vorarlberg museum, Inv.-Nr. B 13.1737, B 13.1741, B 13.1743 u. a.
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Hans Dragendorff, Terra sigillata. Ein Beitrag zur Geschichte der griechischen und römischen Keramik, in: Bonner Jahrbücher 96/97, 1895, S. 18 bis 155: Digitalisat Internet Archive. Begründungswerk der Sigillata-Typologie.
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Hans Dragendorff und Carl Watzinger, Arretinische Reliefkeramik mit Beschreibung der Sammlung in Tübingen, Reutlingen 1948. Bis heute Standardwerk zur arretinischen Reliefproduktion.
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Christine Alexander, Corpus Vasorum Antiquorum, USA Band 9, The Metropolitan Museum of Art, New York 1, Arretine Relief Ware, 1943. Vollständige Publikation des Met-Bestandes der Werkstatt Perennius.
- Plinius der Ältere, Naturalis Historia XXXV.160 zu Arretium als Töpferzentrum: lateinischer Volltext und englische Übersetzung auf LacusCurtius.
- Martial, Epigrammata XIV.98 (Vasa Arretina): lateinischer Volltext, The Latin Library. Antike Erwähnung arretinischer Tafelkeramik.
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Aktualisiert am: 30.04.2026