Reliefbecher arretinische Sigillata mit phytomorphem Dekor
Der Becher zitiert die Arretina vasa, jene korallenrote Tafelkeramik aus den Officinen von Arezzo (lat. Arretium), die zwischen der späten römischen Republik und der mittleren Kaiserzeit zum Inbegriff des italischen Tafelgeschirrs wurde. Plinius der Ältere nennt diese Werkstattlandschaft in der Naturalis Historia XXXV.46.160 ausdrücklich als Maßstab des römischen Tongeschirrs. Die Vorbild-Manufaktur des Marcus Perennius, gegründet um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., bestimmte zwischen 30 v. Chr. und 30 n. Chr. das Erscheinungsbild der italischen Reliefkeramik. Friederike Porten Palange ordnet in Die Werkstätten der arretinischen Reliefkeramik (Mainz 2009) die phytomorphe Punzenfamilie aus Mohnkapsel-Feston, Palmette, Rosette und Eichenblatt diesem Werkstattkomplex zu.
Auf einen Blick
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Authentizitätsgrad: Stufe 2, Historische Replik
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Vorbild-Tradition: Arretinische Sigillata, Officinen Marcus Perennius, Arezzo
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Vorbild-Datierung: augusteisch, ca. 30 v. Chr. bis 30 n. Chr.
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Material: Terra Sigillata, korallenroter Glanztonüberzug
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Maße: Höhe 8 cm, Durchmesser 9 cm
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Volumen: 200 ml
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Gewicht: 220 g
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Fertigung: handwerklich, Modelabdruck
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Eventtauglichkeit: statisch
Werkstatt-Kontext: Officinen Marcus Perennius
Marcus Perennius gründete in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. eine der bedeutendsten Officinen Arezzos. Seine Werkstatt produzierte den korallenroten Tafelluxus, den die Antike unter dem Namen vasi corallini kannte. Unter Perennius arbeiteten namentlich überlieferte Sklaventöpfer und Mitarbeiter wie Tigranus, Pantagathus, Bargates und Cerdo, die ihre Punzenstempel teilweise zusammen mit dem Meisternamen führten. Die Officina blieb bis etwa 60 n. Chr. produktiv und exportierte ihre Ware in das gesamte Imperium, von Britannien bis zur Donaugrenze. Der Originaltypus, an dem sich dieser Becher orientiert, lässt sich der späten Republik und der frühen Kaiserzeit zuordnen.
Dekoraufbau und Motivik
Der Reliefdekor folgt der klassischen Aretina-Gliederung in mehrere übereinandergesetzte Friese. Oben verläuft ein schmales Eichenblattband, darunter ein Zungenfries als Übergang in die Hauptzone. Den Bauch des Bechers füllt eine freie florale Komposition mit palmettenartigen Pflanzen, hängenden Festons mit Mohnkapseln, achtstrahligen Sternrosetten und kleinen Vögeln. Den Abschluss bildet ein weiteres Rosettenband am Standring. Diese Motivkombination gehört zur augusteischen Boscoreale-Tradition und findet Parallelen in der zeitgenössischen Wandmalerei der pompejanischen Vesuvstädte.
Vergleichsobjekt im Museum
Ein formverwandter Originalbecher mit phytomorphem Reliefdekor wird im Museo Archeologico Nazionale „Gaio Cilnio Mecenate" in Arezzo aufbewahrt, in der 2023 neu eröffneten Sektion Arretina Vasa. Das Original entstand zwischen dem 1. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr. und stammt aus den Ausgrabungen im Stadtgebiet von Arezzo. Die Sammlung des Mecenate-Museums gilt als die weltweit umfangreichste Bestandsgruppe arretinischer Sigillata. Die zugehörige Werkstattgliederung ist in Porten Palanges Standardwerk dokumentiert.
Einsatzbereiche
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Living-History-Darstellung: ziviler Hausstand, Lagervicus und Tafelkultur der späten Republik und frühen Kaiserzeit, ca. 30 v. Chr. bis 30 n. Chr.
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Museumspädagogik: Vermittlung der italischen Tafelkultur, der Werkstattorganisation Arezzos und der Sklavenökonomie römischer Officinen
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Sammlung: Vitrinen-Display in einer Reihe arretinisch und gallorömisch profilierter Sigillata-Replikate
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Schule und Lateinunterricht: Anschauungsstück zum Plinius-Kapitel über Tongeschirr (NH XXXV.46.160)
Bekannte Schwächen der Rekonstruktion
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Format: die Replik liegt mit 8 mal 9 cm zwischen Calix-Becher und kleiner Reliefschale; gängige originale Arretina-Becher fallen meist 10 bis 18 cm hoch aus
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Werkstattsignatur: die Punzenfamilie passt zur Perennius-Tradition, lässt sich aber keinem einzelnen Sklaventöpfer namentlich zuweisen
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Glanztonüberzug: modern hergestellt, kein archäometrisch identischer Sinter-Slip wie bei den Originalen (Brand bei 950 bis 1000 °C unter oxidierender Atmosphäre)
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Funktion: nicht lebensmittelrechtlich zertifiziert, deshalb statisch in der Ausstellung einzusetzen
Häufige Fragen
Welche römische Werkstatt steht hinter dem Vorbild?
Die Vorbild-Tradition gehört zu den Officinen von Arezzo (Arretium), allen voran der Werkstatt des Marcus Perennius. Sie produzierte zwischen Mitte des 1. Jh. v. Chr. und etwa 60 n. Chr. die korallenrote Tafelkeramik, die als Arretina vasa oder vasi corallini in das gesamte Imperium exportiert wurde.
Aus welcher Epoche stammt der Vorbild-Typus?
Die Reliefbecher mit phytomorphem Dekor dieser Werkstattgruppe sind augusteisch und reichen bis in die frühe Kaiserzeit, ungefähr von 30 v. Chr. bis 30 n. Chr. Plinius der Ältere nennt Arretium namentlich in seiner Naturalis Historia XXXV.46.160.
Ist der Becher für die aktive Verwendung als Trinkgefäß zertifiziert?
Nein. Der Becher wurde für die statische Verwendung in Display, Vermittlung und Vitrine entwickelt. Eine lebensmittelrechtliche Zertifizierung liegt nicht vor.
Worin unterscheidet sich arretinische Sigillata von der gallo-römischen Drag. 37?
Die arretinische Sigillata aus Arezzo entstand etwa hundert Jahre früher als die Bilderschüssel Drag. 37 der südgallisch-ostgallischen Manufakturen in La Graufesenque, Lezoux und Rheinzabern. Arretina vasa zeichnen sich durch korallenroten Glanztonüberzug, naturalistisch-augusteische Motive und das Fehlen des Eierstabfrieses oben aus. Drag. 37 trägt in der Regel den charakteristischen Eierstab unter dem Rand und gehört in das 2. und frühe 3. Jh. n. Chr.
Quellen und weiterführende Literatur
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Antike Primärquelle: Plinius der Ältere, Naturalis Historia XXXV.46.160
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Werkstattgliederung: Friederike P. Porten Palange, Die Werkstätten der arretinischen Reliefkeramik, Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 76, Mainz 2009
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Corpus: A. Oxé, H. Comfort, P. Kenrick, Corpus Vasorum Arretinorum, 2. Auflage, Bonn 2000
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Vergleichssammlung: Museo Archeologico Nazionale „Gaio Cilnio Mecenate", Arezzo, Sektion Arretina Vasa