Ohrringe Calpurnia: Römischer Pendelschmuck nach Lugdunum-Vorbild
Die Ohrringe Calpurnia sind eine archäologisch fundierte Replik kaiserzeitlicher Pendelohrringe des sogenannten Baretta-Typs, der im 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr. im gesamten Römischen Reich verbreitet war. Vorbild sind Funde aus dem gallo-römischen Kontext von Lugdunum (Lyon), gefertigt aus Messing, grünem Achat, rotem Quarz und Flussperlen.
Was steckt eigentlich drin?
Der Schnellcheck
Die Ohrringe Calpurnia sind eine maßstabsgetreue Replik kaiserzeitlicher Pendelohrringe des Baretta-Typs aus dem 2.–3. Jahrhundert n. Chr., gefertigt nach einem Fundkontext aus Lugdunum (dem heutigen Lyon, Frankreich). Das Stück kombiniert einen gefassten grünen Achat-Cabochon als oberes Zierelement mit einem goldfarben vergoldeten Messingquersteg, von dem drei Pendilien herabhängen: zwei zylindrische Achatperlen außen, ein Flussperlen-Tropfen in der Mitte, dazwischen rotbraune und grüne Steinperlen in Ringfassungen. Verschluss: klassischer S-förmiger Haken, archäologisch korrekt für die kaiserzeitliche Goldschmiedetradition.
Was trug eine Frau in Lugdunum um 250 n. Chr. am Ohr?
Wir blicken nach Lyon, irgendwann zwischen 250 und 258 n. Chr. Die Stadt heißt noch Lugdunum, ist Hauptstadt der Gallia Lugdunensis und nach Rom die wichtigste Metropole nördlich der Alpen. Auf dem Fourvière-Hügel liegt das Forum, unten am Fluss drängen sich Händler, Soldaten, Handwerker. Und irgendwo in diesem Treiben trägt eine Frau genau diesen Schmuck: grüne Steine, die im Tageslicht aufleuchten, eine Perle, die beim Gehen leise gegen die Steinfassung tippt. Jedes Mal, wenn sie den Kopf dreht: ein feines Klacken.
Das war kein Zufall. Es war Design.
Die Römerinnen nannten diesen Ohrringtyp Krotalia, abgeleitet vom griechischen krotalon: Kastagnette, Rassel. Der Klang gehörte zum Konzept. Plinius der Ältere, der notorische Kritiker weiblicher Verschwendungssucht, beschreibt in seiner Naturalis Historia (9, 114, um 77 n. Chr.) mit kaum verhohlener Empörung, wie die Römerinnen sich geradezu an dem Geräusch delektierten, das die aneinanderklappernden Perlen erzeugten. Akustisches Statussignal, 2000 Jahre vor dem ersten Noise-Cancelling-Kopfhörer.
Dann kommen die Germanen. Was nicht mitgenommen werden kann, wird vergraben. Silbergeschirr, Statuetten, Münzen, Schmuck. Der Schatz von Lyon-Vaise, 1992 bei Bauarbeiten im Stadtteil Vaise entdeckt und heute im Musée Gallo-Romain Lugdunum auf dem Fourvière-Hügel ausgestellt, gibt genau diesen Moment zurück: einen eingefrorenen Augenblick kurz vor der germanischen Invasion von 258 n. Chr.
Der Baretta-Typ, wie Archäologen die Konstruktionsform beschreiben, war kein Luxus für Kaiserinnen. Er war Mainstream. Vom östlichen Mittelmeer aus, wo dieser Stil seinen Ursprung hat, verbreitete er sich im 2. Jahrhundert n. Chr. rasend schnell durch das gesamte Imperium. Ein direktes Vergleichsstück aus dem JHU Archaeological Museum Baltimore zeigt denselben Aufbau nahezu punktgenau: Kastenfassung oben, Quersteg, drei Pendilien mit Smaragden, Amethysten und Perlen, datiert auf das 1.–3. Jahrhundert n. Chr. Die Calpurnia Ohrringe erfüllen beide Kriterien gleichzeitig: Baretta-Konstruktion mit Quersteg plus klangerzeugenden Pendelgliedern.
Jetzt zum Irrtum, der sich hartnäckig hält: Grüne Steine in römischem Schmuck gleich Smaragde. Falsch. Plinius der Ältere zählte in seiner Naturalis Historia mehr als ein Dutzend verschiedene grüne Mineralien unter dem Begriff smaragdus zusammen. Grüner Achat, Prasem, grüner Glasfluss waren im westlichen Imperium, besonders in der Gallia, reguläre Goldschmiedematerialien. Ein Ohrring mit grünem Achat in Goldfassung war dort kein Kompromiss, sondern handwerkliche Normalität.
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Steckbrief:
Wer die diese Ohrringe zum ersten Mal in die Hand nimmt, greift in ein überraschend dreidimensionales Konstrukt. Kein flacher Stanzling, kein simpler Haken mit Perle dran. Der Ohrring baut sich von oben nach unten auf: Zunächst ein quadratischer Cabochon aus grünem Achat in einer goldfarben gefassten, leicht gerippten Kastenfassung mit kupferfarbener Innenkante. Darunter liegt ein gebogener, glatt gehämmerter Messingquersteg in Goldoptik, der drei separate Ösen trägt. Von diesen Ösen hängen drei unabhängige Ketten: Links und rechts je eine Reihe kleiner goldener Kugelperlen, dazwischen eine dunkelrote Steinperle in runder Fassung und eine grüne Rundperle, ebenfalls gefasst. Den unteren Abschluss bilden außen zwei zylindrische grüne Achatperlen, in der Mitte ein Flussperltropfen in Cremeweiß. Der Verschluss: ein klassischer S-förmiger Haken. Das Ganze bewegt sich beim Tragen leise gegeneinander.
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Maße: ca. 35 × 20 mm pro Ohrring
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Material: Messing (goldfarbig), grüner Achat (Cabochon und Zylinderperlen), roter Quarz (Rundperle, gefasst), Flussperle (Tropfenform, Mitte)
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Verschluss: S-förmiger Haken, kaiserzeitlich korrekt
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Typus / Datierung: Baretta-Typ / Krotalia, 2.–3. Jahrhundert n. Chr.
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Vorbild / Fundkontext: Lugdunum (Lyon, Frankreich), Musée Gallo-Romain; Vergleichsobjekt JHU Archaeological Museum Baltimore (Gold, Smaragd, Amethyst, Perle, 1.–3. Jh. n. Chr.)
Wie überstehen die Ohrringe Calpurnia einen ganzen Veranstaltungstag?
Reenactment-Schmuck hat einen harten Job. Er muss beim Aufbau mitmachen, drei Stunden Publikumsgespräch überstehen, einmal herunterfallen dürfen und trotzdem am Abend noch sitzen. Ein Ohrring, der zu schwer ist, zieht das Ohrläppchen nach unten und sitzt nach zwei Stunden schief. Einer, der zu filigran gebaut ist, verliert beim ersten Kontakt mit einer Wollpalla seine Perle im Gras. All dem hält der Ohrring Calpurnia stand.
Im Lagerleben und Publikumsgespräch. Der Quersteg hält die drei Pendilien auf Abstand. Sie klappern, aber sie verhaken sich nicht ineinander. Das ist konstruktiv gelöst, nicht dem Zufall überlassen. Wer an einem Stand erklärt, wie römischer Schmuck funktionierte, hat mit diesem Exemplar am Ohr ein reales Demonstrationsobjekt: Materialwahl, Konstruktionsprinzip, Klangfunktion. Das Gespräch über Krotalia und den Plinius-Beleg läuft dabei fast von selbst.
Wenn der Anspruch lautet: historisch korrekt, aber kein Goldschmiedebudget, dann ist die Calpurnia exakt das richtige Stück. Messing mit Goldoptik, grüner Achat statt Smaragd, Flussperle statt Orientperle: Das ist keine Kompromisslösung, sondern die provinzialrömische Realität des 2. und 3. Jahrhunderts. Wer auf Veranstaltungen quellenbasiert argumentiert, steht mit diesem Ohrring auf solidem Boden.
Das Geschenk für jemanden, der schwer zu beschenken ist, löst sich hier fast von selbst. Wer Geschichte liebt, aber keinen Bedarf an weiteren Büchern oder Museumspostkarten hat, bekommt mit den Calpurnia Ohrringen etwas Tragbares. Kein Regalstück, kein Dekoartikel: ein Objekt, das seinen Kontext am Körper erklärt. Für Geschichtsfans, die nicht aktiv reenacten, funktioniert der Ohrring genauso gut wie für den erfahrenen Lagerteilnehmer.
Wenn eine Komplettausstattung für eine weibliche kaiserzeitliche Persona aufgebaut wird, dann gehört der Ohrringtyp vor den Ring und vor das Armband auf die Einkaufsliste. Ohrschmuck war in der römischen Kaiserzeit das sichtbarste Schmuckelement überhaupt: getragen beim Einkauf, beim Besuch der Thermen, auf dem Forum. Kein anderes Stück war so dauerhaft im öffentlichen Blick wie die Ohrringe.
Was sagt die Antike selbst zu diesen Ohrringen?
Plinius der Ältere war kein Bewunderer weiblichen Schmuckaufwands. In seiner Naturalis Historia, fertiggestellt um 77 n. Chr. und damit eines der dichtesten Konvolute antiken Alltagswissens, das die Überlieferung gerettet hat, kommt er im neunten Buch auf Perlen und ihre Trägerinnen zu sprechen. Was er beschreibt, klingt weniger nach sachlicher Enzyklopädie als nach einem Mann, der gerade die Rechnung seiner Frau für neue Ohrringe geöffnet hat:
“Inventis eis nomen crotalia dedere, velut sonitu quoque gaudeant.”
„Man gab ihnen den Namen Krotalia – als freue man sich gar am Klang selbst.“
Plinius d.Ä., Naturalis Historia 9, 114, um 77 n. Chr.
Plinius meinte das als Kritik. Aber ungewollt liefert er damit die präziseste Produktbeschreibung, die ein römischer Pendelohrring je bekommen hat: ein Schmuckstück, das klingt. Die Calpurnia Ohrringe machen genau das. Ihr Quersteg hält drei bewegliche Pendilien auf Abstand, die sich beim Gehen gegeneinander bewegen. Kein Zufallseffekt, sondern ein Konstruktionsprinzip, das Plinius bereits im 1. Jahrhundert namentlich kannte und, auf seine Art, unsterblich gemacht hat.
Der smarte Wissensspeicher: Fakten-Check zu den Ohrringen Calpurnia
Für welche römische Epoche und welchen sozialen Stand sind diese Ohrringe korrekt?
Der Baretta-Typ mit Quersteg und mehreren Pendilien ist für das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. archäologisch gut belegt, mit Schwerpunkt in der mittleren und späten Kaiserzeit. Sozial verortet er sich in der gutsituierten Stadtbevölkerung: Frauen, die sich Messing, Achat und Flussperlen leisten konnten, aber keine Goldschmiedearbeit mit Edelsteinen. Genau dieser Mittelstand macht den Großteil der provinzialrömischen Schmuckfunde aus. Für eine Senatorengattin wäre Gold Pflicht gewesen, für eine einfache Handwerkerin dieser Ohrring bereits Luxus.
Funktionieren die Ohrringe auch für nicht gedehnte Ohrlöcher?
Ja. Der S-förmige Hakenverschluss ist der kaiserzeitlich korrekte Verschlusstyp und funktioniert mit jedem normalen Ohrloch ohne Voraussetzungen. Kein Druckverschluss, kein Clip: einfach einhaken. Das ist auch der Grund, warum dieser Verschlusstyp in so vielen Originalen überliefert ist. Er hält sicher, lässt sich ohne Spiegel ein- und aushaken und belastet das Ohrläppchen gleichmäßig.
Welche weiteren Schmuckstücke passen zur Calpurnia für eine kaiserzeitliche Gesamtausstattung?
Der grüne Achat als dominante Farbe verträgt sich gut mit goldfarbenen Armreifen (armilla) in glattem oder tordiertem Messing sowie mit einem schlichten Fingerring mit rundem Stein. Eine Lunula als Halsschmuck wäre für den gallischen Raum ebenfalls quellenkonform. Weniger empfehlenswert: schwerer mehrreihiger Halsschmuck, der optisch mit den beweglichen Pendilien der Calpurnia konkurriert. Die Ohrringe sind das lauteste Element im Ensemble und sollten es bleiben dürfen.
Wie pflege ich die Ohrringe, ohne die Oberfläche zu beschädigen?
Messing mit Goldoptik reagiert empfindlich auf Schweißsäure und aggressive Reiniger. Nach dem Tragen reicht ein trockenes, weiches Baumwolltuch. Nicht in feuchter Umgebung lagern, nicht mit Silberputzmittel behandeln. Wer die Ohrringe regelmäßig auf Veranstaltungen trägt, bewahrt sie am besten einzeln in einem kleinen Stoffbeutel auf: Die beweglichen Pendilien verhaken sich sonst mit anderem Schmuck und die Steinperlen können absplittern.
Sind die Ohrringe auch außerhalb des Reenactments tragbar?
Absolut. Die Gesamtlänge von ca. 35 mm ist für Alltags- und Abendanlässe problemlos. Der grüne Achat und die cremefarbene Flussperle sind Farben, die mit Erdtönen, Olivgrün und Naturweiß funktionieren. Das Klangprinzip der Krotalia entfaltet sich beim Gehen ohnehin erst so richtig: ein leises, diskretes Klackern, das die Römerinnen bewusst inszenierten und das Plinius explizit dokumentierte.
Die Perle, für die Caesar nach Britannien fuhr
Die Flussperle in der Mitte der Calpurnia Ohrringe ist mehr als ein Designelement. Sie ist das Material, für das Julius Caesar im Jahr 55 v. Chr. mit seinen Legionen die Küste Britanniens anlief. Sueton hält es in seiner Caesarvita (Kapitel 47, verfasst um 121 n. Chr.) mit spürbarer Trockenheit fest: Caesar sei nach Britannien gegangen in der Hoffnung, dort Perlen zu finden, und habe deren Gewicht beim Vergleich der Größen gelegentlich mit eigener Hand abgeschätzt. Spe margaritarum. Wegen der Hoffnung auf Perlen.
Ob das der eigentliche Grund für die Invasion war oder Suetons Seitenhieb auf einen Feldherrn mit Sammelhabitus: Die Perle als strategisches Gut des Imperiums ist historisch belegbar. Und die Flussperlen Britanniens, tatsächlich in den Muscheln schottischer Flüsse vorkommend, galten in Rom als inferiorer Ersatz für die orientalischen margaritae aus dem Persischen Golf und aus Indien. Caesar soll enttäuscht gewesen sein. Die Perle an der Calpurnia ist also nicht nur Schmuck. Sie trägt die gesamte Importlogistik, den Luxusdiskurs und die geopolitischen Ambitionen des Imperiums an einem einzigen Tropfen zusammen.
Quellenverzeichnis
Titel: Emerald Earrings – Archaeology of Daily Life
Autor: Elizabeth Dowdle / JHU Archaeological Museum, Baltimore
Veröffentlichung: Johns Hopkins University Archaeological Museum (Online-Katalog)
Datum: 2020
Titel: Greek and Roman Jewellery
Autor: R. A. Higgins
Veröffentlichung: Methuen & Co Ltd, London, 2. Auflage
Datum: 1980
Titel: The Jewellery of Roman Britain – Celtic and Classical Traditions
Autor: Catherine Johns
Veröffentlichung: UCL Press, London
Datum: 1996
Titel: Naturalis Historia, Buch 9
Autor: Gaius Plinius Secundus (Plinius d. Ä.)
Veröffentlichung: Tusculum Ausgabe, Akademie Verlag / De Gruyter, zweisprachig lateinisch/deutsch
Datum: Originaltext ca. 77 n. Chr.
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Aktualisiert am: 01.04.2026
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