Kaiser Nero der Brandstifter !?

Nero: Doch kein Brandstifter ?

„Es war schlimmer und schrecklicher als alles, was je über diese Stadt durch Feuersbrunst gekommen ist", beschreibt der antike Historiker Tacitus eine Brandkatastrophe, die im Juli 64 n. Chr. Rom heimsuchte. Bald machten Gerüchte die Runde, das Feuer sei auf Befehl des Kaisers Nero gelegt worden. Roms exzentrischer Herrscher Nero besaß nach zehn Jahren Regierungszeit keinen guten Ruf zumal er bei der Ermordung seiner Mutter Agrippina ebenso die Hände im Spiel hatte wie bei der Beseitigung seines Stiefbruders Britannicus. Im Jahre 62 n. Chr. ließ er auch seine 20-jährige Gemahlin hinrichten. Befremdlich wirkten seine öffentlichen Auftritte als Schauspieler und Sänger. Nero hingegen fand seine Berufung im Künstlertum und zeigte sich außerordentlich empfindlich gegenüber jeder Kritik. Ein Senator, der es während seines Gesanges wagte, in Schlaf zu versinken, entging nur knapp der Todesstrafe.

Nachdem Kaiser Nero im Frühjahr 64 in Neapel aufgetreten war und ihm der Applaus des Publikums nicht frenetisch genug dünkte, kündigte er eine Tournee durch Griechenland an. Im Gegensatz zu den römischen Banausen würde man ihn im Land der Hellenen besser würdigen. Mehrfach hatte sich der Kaiser in diesem Zusammenhang abfällig über die Hauptstadt Rom geäußert – ein schmutziges Nest voll jämmerlicher Elendsquartiere. Hier könne man nicht menschenwürdig leben, klagte der Tyrann. Anfang Juli 64 weilte Nero in der Hafenstadt Antium. In der Nacht vom 18. zum 19. Juli galoppierten der Konsul M. Licinius Crassus und der Prätorianertribun Subrius Flavus ins kaiserliche Hauptquartier.

Sie brachten eine bestürzende Nachricht: Rom stand seit mehreren Stunden in Flammen. Der Brand war am Fuße des Caelius-Hügels südlich des hölzernen Circus maximus ausgebrochen. Nero eilte aus dem 60 Kilometer entfernten Antium herbei, was drei bis vier Stunden dauerte. In Rom angelangt, bemühte er sich nach Kräften, die Katastrophe einzudämmen. Öffentliche Gebäude und Tempel wurden als Quartiere geöffnet, in den kaiserlichen Parkanlagen errichtete man Notunterkünfte, aus benachbarten Städten kamen Hilfsgüter, Kleidung und Hausrat. Den insgesamt sechs Tage wütenden Brand konnte man nicht effektiv bekämpfen, obwohl Rom über eine Truppe von 7000 Feuerwehrmännern, Pionieren und Abrissspezialisten verfügte. Am Ende sank mehr als ein Drittel der 1,2-Millionen-Stadt in Schutt und Asche.

Kurz nach dem Unglück entstand das Gerücht, Nero habe die Stadt absichtlich anstecken lassen, damit ihn der Anblick eines lodernden Flammenmeeres künstlerisch inspiriere. Dafür gibt es nur zwei Quellen. Cornelius Tacitus schreibt in seinen Annales von einem „Unglück, bei dem es ungewiss ist, ob es auf Zufall oder auf die Heimtücke des Kaisers zurückzuführen war“. Direkter formuliert Suetonius in seiner Kaisergeschichte: „Er zündete die Stadt an und zwar ganz offenkundig.“ Und wie war es wirklich? Wie wahrscheinlich ist es, dass der Kaiser seine eigene Hauptstadt in Brand setzen ließ? Angeblich habe Nero das Flammenspektakel gebraucht, um sich für seine Ballade vom Brand Trojas begeistern zu lassen. Tacitus und Sueton berichten, dass er während des Brandes, angetan mit Theatergarderobe, Lieder deklamiert habe.

Laut Sueton geschah das auf dem Maecenas-Turm. Der befand sich aber auf dem Esquilinus-Hügel, der bei Neros Ankunft schon von den Flammen bedroht war. Tacitus Version von der kaiserlichen „Haustribüne“ auf dem Palatinus ist noch weniger glaubhaft, denn dieser Hügel brannte bereits lichterloh. Wenn Nero tatsächlich den Anblick einer brennenden Stadt benötigte, warum hielt er sich dann im 60 Kilometer entfernten Antium auf? Und warum wählte er ausgerechnet eine helle Vollmondnacht für sein Vorhaben? Lodernde Flammen wirken bei dichter Finsternis wesentlich imposanter.

Außerdem waren Großbrände in Rom keine Seltenheit. Der Caelius-Hügel stand schon 27 und 36 n. Chr. in Flammen. Im Jahre 54 n. Chr. wütete ein Brand zwei Tage und Nächte. Ein Indiz für Neros Schuld könnte sicherlich sein, dass er sich auf den eingeebneten Trümmern Roms einen ebenso gigantischen wie prunkvollen Palast, das Domus aurea (goldenes Heim), errichten ließ. Aber dem mächtigen Monarchen hätten natürlich weit einfachere städtebauliche Mittel zur Verfügung gestanden. Überdies brach das Feuer nicht in den vom Kaiser so sehr verabscheuten Elendsvierteln aus, sondern in der Nähe seines eigenen Palastes: Raum für Spekulationen …